Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^ 185. Dienstag den 17 ««ober 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., fix den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großher;ogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt zrankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Vorgänge in Wien.
Der prenfi Landtag über die Formel „von Gottes Gnaden." Deutschland. Vom Taunus (Der Nationalitätenkampf in Wien). —
Vom Fuße des Westermal des (Staat und Kirche). — Dillenburg (Zur deutschen Flotte). — Frankfurt (Die Flucht des Kaisers aus Wien. Eine allgemeine Reichssteuer für die Deutsche Marine). — Bonn (Denkmal für Auerswald und Lichnowsky). — Berlin (Schwurgericht).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
* Die Wiener Vorgänge
Die Vorgänge in Wien sind verwirrend nach allen Seiten. Es ist ein Nationalitätenkampf, ein Kampf der Demokratie mit der Hofpartei, des Partikularismus mit der Zentralisation, des Proletariates mit dem Besitz und noch mehr solcher Gegensätze, was Alles im selben Augenblicke ausgefochten wird/ Daß bei solchem Wirrwarr Niemand gewinnen kann, liegt auf der flachen Hand. Beginnt es doch den siegreichen Radikalen schon jetzt vor sich selber angst zu werden und vor den eigenen Erfolgen! Solch ein gräuelvolles Durcheinander war aber auch nur in Wien möglich, wo alle politischen Stoffe noch unausgegohren sind. Wenn man die absolute Freiheit ohne alle Vermittelung auf die absolute Knechtschaft pfropft, dann ruft man dergleichen Wiener Zustande hervor. Ganz Dasselbe war in der ersten französischen Revolution der Fall, und wird darum hoffentlich bei dem für die Freiheit längst vorgereiften übrigen Deutschland nicht eintreten.
Wer wird jetzt den Nutzen aus der babylonischen Verwirrung an der Donau ziehen? Vor Allen Frankreich! Der Schlüssel zu einer für seine Interessen vortheilhaften Lösung der italienischen Frage ist ihm in den Wiener Ereignissen gegeben. Hören wir, was Lamartine's Organ, „Le bien public“ sagt:
„Oesterreich hat seinen 10. August erlebt. Der Kaiser ist fluchtig; die Stadt in den Händen des Volks; der Reichstag permanent; ein Wohlfahrtsausschuß errichtet. Die alte Kaisermonarchie wurde für ihren blinden Widerstand vom Hauche der Demokratie in wenigen Stunden umgeblasen. Das ist ein Sieg für Frankreich. Oesterreich, diese Veste des Despotismus, das mit seinen Heeren die italienische Freiheit stickte, taumelt und macht in Einem Tage den jahrhundertlangen Weg zur ^publik. Italien gewinnt dabei seine Befreiung, Frankreich seinen Frieden ....."
Ehe wir die neuesten Berichte über die Krisis in Wien anreihen, wollen wir noch ein Urtheil einschieben, welches die »Deutsche Zeitung" über die Hebel und Motive derselben gibt.
sagt: Woher kommt aber der tiefe Riß in den Parteien und wie kann er sich, trotz der entgegenstehenden Richtung der großen Majorität, bis zu den furchtbarsten Ausbrüchen erwei- v Ursache liegt im Allgemeinen in der Unfähigkeit, die Umstände selbstthätig zu erfassen und umzubilden; für Oesterreich insbesondere trifft der Vorwurf dieser Unfähigkeit am schwersten die deutsche demokratische Partei. Jede politische Mage wurde nur als Freiheitsfrage betrachtet, was zu thun ^sien, zu hoffen und zu fürchten war, allein nach Maßstabe von Freiheit und Reaktion gemessen. Sobald
darum eine Frage, mochte sie noch so wichtig seyn, in dieser Beziehung sich als gleichgültig erwies, war sie für die Partei eine offene. Man war zuerst den Magyaren günstig, weil sie dem alten System feindlich waren; man verließ sie, da sie mehr um die Herrschaft zu sorgen schienen, als um die Freiheit; man wollte den Anschluß an Deutschland, weil er als Symbol eines neuen Zustandes galt, und man kam davon zurück, da man mehr Freiheit zu gewinnen meinte, als die Deutschen; man war sich halb und halb bewußt, daß der enge Anschluß an Deutschland den Gesammtstaat aufhebe, und wollte doch auch diesen erhalten, weil es reizend war, unter dem Banner der Freiheit, der deutschen Freiheit, die verschiedenen Nationalitäten vereint zu sehen. öZan sympathisirte mit den Italienern und haßte Radetzky, aber seine Siege ließ man sich gefallen;, die Italiener mochten sich mit der Freiheit trösten, die man ihnen gutmüthig zudachte. Wenn aber auch die Anhänger des Alten den Gesammtstaat, wenn auch die Slaven die Freiheit wollten, was blieb dann das Eigenthum der deutschen Demokraten? Um sich zu unterscheiden, um ihre Priorität und das Uebergewicht deutscher Bildung zu zeigen, steigerten sie fortwährend den Begriff der Freiheit, der „Demokratie" im Gegensatze gegen den Konstitutionalismus, und steigerten ihn so lange, bis die gemäßigten freiheitliebenden Gegner zumal unter den Slaven immer mehr zur Gegenpartei, zu den Anhängern des Alten getrieben wurden. Wenn aber die deutschen Demokraten die Freiheit für alle wollten, so mußten sie mit allen ihren Freunden, unbekümmert um die Nationalität, zusammengehen und ihnen im Punkte des Ge- sammtstaates nachgeben; wollten sie die nationale Suprematie und die Verbindung mit Deutschland, so mußten sie sich hier auf dieses, dort auf Ungarn stützen,. und die Slaven geradezu bekämpfen, wie die Magyaren folgerichtig thaten. Beides waren politische Systeme; wenn dem ersten unüberwindliche Schwierigkeiten in dem Mangel an materieller Macht sich entgegensetzten, so blieb das zweite, das mehr Selbstverläugnung verlangte, aber die bessere Zukunft versprach. Das Schlimmste kommt aber noch nach.
Die letzte Instanz der Partei war die rohe Menge, ihr Einfluß auf die Massen ihr einziger politischer Hebel, und bei ihren politischen Niederlagen mußten die Barrikaden aushelfen. Eine Partei dieser Art wird aber nie Achtung und Erfolg gewinnen ; man kann das fortgerissene , nach dunklen Impulsen handelnde Volk entschuldigen, wenn es sich zur rohen Gewalt verirrt, aber man wird eine Partei nicht hoch anschlagen, die auf diese Weise, und nur auf diese, ihre Siege erkämpft. Das Merkwürdigste aber ist die Aehnlichkeit dieses Verfahrens mit dem der Kamarilla. Auch diese weiß dre Dinge nicht zu lenken; sie läßt sie geh'n und stößt sie fort, bis die Zeit da ist für die rohe Gewalt und die Unterdrückung. Auch sie regiert im Vertrauen auf das rohe Volksbewußtseyn, auf die dumpfen Sympathien und den hergebrachten Gehorjam der Volksmassen und des Heeres. Ob man auf das Landvolk der Provinzen sich stützt, ob man dem städtischen Pöbel sich verschreibt, das gilt dem unparteiischen Urtheil gleich, und vielleicht ist die Wirkung auf die gebrauchten Werkzeuge im ersten Falle minder entsittlichend als im zweiten.
Prag, 9. Okt., 6 Uhr Abends. Eine lange Wagenreihe führte heute die Jäger nach Wien. Morgen und übermorgen soll ein gleiches Kontingent hinabbefördert werden, und es heißt, Fürst Windischgrätz sey zum Oberkommandanten einer gegen Wien operirenden Armee er-