Nassauische
Allgemeine Zeitung.
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Sonntag den L3 Oktober
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Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumeratwnspreis ist in Wiesbaden 8 fl., fix den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstentbnms Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Pitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus- »ârts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Reichsgewalt.
Der Wittenberger Kirchentag.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Frankfurt (Reichstag.
Vinke als Süßtet der Rechten). — Berlin (Die Wiener Ereignisse.
Truppenkorps an der mährischen Gränze. Soldatenemeute in Brandenburg. Amnestie für Posen). — Prag (Der Kaiser in Sieghartskirchen).
— Wien (Der Kaiser fordert den Minister Hornbostl zu sich, der ihm dir um Rückkehr anstehende Adresse des Reichstags überbringt. Zahllose
Kamillen verlassen Wien. Jellachich rückt an).
Schweiz. (Antwort des Vororts auf die Note Raveaur's).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Die Reichs gewalt
Wenn man so zuschaut, wie es von allen Seiten drunter w drüber geht und wie hier rmd dort die Köpfe zu fliegen iOlnen, daß man sich an die erste französische Revolution geahnt sieht, wenn man bedenkt, wie leicht jetzt das, gesammte Vaterland in Scherben zerfallen konnte, und gerade jetzt, wo Ar uns dem höchsten Punkte der allgemeinen Gesittung am Achsten glauben, in tiefe Barbarei zurücksinken — dann hat Gedanke an die oberste Reichsgewalt etwas ungemein tröstliches. Er ist uns freilich neu und ungewohnt, denn kei- Ar der Mitlebenden, so alt er auch seyn möge, wird sich's er- Mrn, daß eine oberste Gewalt zur Handhabung des Gesetzes Zer Deutschland saß, die mehr als Schall und Name gewest wäre. Die Zentralgewalt ist jetzt in der Thal mehr als M bloßer Schatten, wie man sie noch vor wenigen Wochen N und nicht ohne Grund nannte. Zählt die Hunderttau- M denen es in den Septembertagen bang um's Herz wurde, Mch als ob des Vaterlandes letzte Stunde schlagen wolle, «Niis als eine wilde, finstere Macht diesen einzigen Pfeiler Gesetzes zu brechen trachtete, die Hunderttausende, welche aufjubelten, als der Frankfurter Aufruhr erdrückt war, M die wenigen Hunderte, welche es auch dann noch wagten, Frevler zu preisen und die Handhaber des Gesetzes zu Mâhen! Da hat sich's gezeigt, welche Stimme des 93ob '? Stimme ist! Glaubet ja, die Zentralgewalt hat einen Mn Rückhalt im Volke! Was würde jetzt schon aus dem Men Deutschland geworden seyn, wo in jedem Lande und Mdchen, in jedem Gau, ja saft in jeder Stadt irgend ein geiziger, herrschsüchtiger Agitator eine blinde Masse ami ^renseile zu führen sucht? /Wenn unsere Republikaner ? eine Ahnung von nationaler Politik hätten, dann s urden sie trotz aller prinzipieller Verschiedenheit den Reichs- die Zentralgewalt unterstützen, weil ohne diese beiden achte ein Zusammenhalten des in sich so uneinigen Deutsch-* nicht gedacht werden kann, weil es ohne diese bei- L Mächte dem Vaterlande in keiner Weise möglich wäre, ufyrenbe Stellung als europäische Großmacht ein-
- n‘ Das aber ist von jeher die Erbsünde der Deutschen - daß sie über ihren inneren Hader jenen Sinn äußere Größe des Vaterlandes verloren, der dem i. 'zosen und Engländer bei allen politischen Prinzipienkäm- tn verbleibt.-
Haben wir doch jetzt in Wien das warnende Erempel erlebt , wie es kommen muß, wenn über wild aufgeregten Zuständen. keine kräftige leitende Gewalt schwebt. Keiner wird gewinnen bei der neuen Wiener Revolution, Alle verlieren.
Als wir am Tage, wo das Parlament zusammentrat und am Tage, wo die Zentralgewalt geschaffen, iw Reichsverweser erwählt wurde, Freudenfeuer anzündeten, und die deutschen Banner wehen ließen, da mochte man's wohl ahnen, welche Bedeutung diese Ereignisse für Deutschlands Zukunft haben würden. Und das hat sich jetzt schon klar herausgestellt.
Es ist ein wahrhaft strafbar unpatriotischer Gedanke, daß gegenwärtig die äußerste Linke in Sachsen und Berlin den Reichstag sammt der Zentralgewalt sprengen zu müssen glaubt, es ist eine grenzenlose Bornirtheit, daß Ruge meint, aus dem Zusammrnguß der radikalen Parteien aller deutschen Landtage ließe sich zum Ersatz ein Konvent schaffen, der die oberste Leitung Deutschlands in feste Hand zu nehmen vermöchte. Bevor noch dieser Konvent zusammengetreten wäre, bevor er noch seine erste Sitzung gehalten hätte, würde das Vaterland bereits dem Bürgerkriege verfallen seyn und — den auswärtigen Feinden.
Wet,nicht blttâ— Bolr nennt, der wird zugestehen, daß die Zentralgewalt und das Parlament bereits ihre tiefen Wurzeln geschlagen haben in dem Bewußtseyn des Volkes. Man kann dies nicht oft genug aussprechen; ist man von.der entgegengesetzten Seile doch auch nicht faul, die Volksthümlichkeit j7ner Institute anzutaffen!! Man kann nicht oft genug dem Volke'vorhalten, weich' ein Drost in diesen finstern Wirren ihm durch eine kräftige Reichsgewalt gegeben, wie eng sein Wohlstand, seine Freiheit, seine Zukunft mit einer kräftigen EntsaltuM derselben verwachsen ist.
Der Wittenberger Kirchentag.
Am 20., 21., 22. und 23. September fand die Versammlung statt. , ,
Auf die von den namhaftesten Theologen der evang. Kirche Deutschlands ergangene Einladung hin hatten sich zwischen 4—500 Theilnehmer aus allen Gegenden eingefunden. ZN der schon äußerst zahlreich besuchten Vorberathung vom 20. gab Professor Dorner von Bonn die Grundzüge der vorzuschlagenden Verhandlung und beantragte die Gründung eines evangelischen Kirchenbundes, d. h. eine Konföderation der lutherischen, reformlrten und unirten Kirche Deutschlands und wo möglich auch der Brüdergemeinde. Sie sollen nicht seyn, wie die evangelische Allianz in England, eine Vereinigung evangelischer Kirchenglieder, sondern der Konfessionen und Kirchen selber, zur Darstellung der alle umfassenden höheren Einheit, zu gegenseitigem Schutz und Beistand gegen Fernde von Außen, wie von Innen. Als Tagesordnung wurde fest- gestellt: 1) erbaulicher Vortrag- des ehrwürdigen Heubner; 2) die geschichtliche Entstehung des Krrchenbundes von Professor Wackernagel; 3) jeder Gegenstand der Verhandlung sollte durch einen besondern Referenten emgelettet werden. Hur die Idee des Kirchenbundes hatte Nitzsch das Referat übernommen. Stahl und v. Bethmann-Hollweg übernahmen das Präsidium.
Am ersten Tag wurden manche Stimmen laut, welche sehr disharmonisch in die Feierstimmung hineinschallten und manche Befürchtung erweckten. Doch war das nur vorüber-