Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 179. Dienstag den 10. Oktober 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreiS ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfangs des Herzogthums Nassau, des Großherjogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrasschaft Heffen-Hvmburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. SO kr., ist den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Jnsera te werden die dreispaltige Petitteile oder deren Raum mit S fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Zur Verständigung.
Deutschland. Wiesbaden (Stcuerverwilligung. Landtag. DieZwangs- tause im Amte Usingen). — Vom Westerwald (Berichtigung). — Mainz (Der Kongreß der Katholiken). — Frankfurt (Reichstag). — Stuttgart (Entwaffnungen und Verhaftungen. Thevba ■ Kerner. Rede des Dr. Strauß). — Altenburg (Der Einmarsch der Reichstruppen.)
— Leipzig (Welcker). — Berlin (Das Bürgerwehrgesetz in essigie verbrannt. Militärkrawall in Potsdam). — Wien (Aus Ungarn, Graf Zichy gehenkt).
Ungarn. Ofen (Vom Kriegsschauplätze),
Sprcchsaal für Stadt und Land.
Zur Verständigung.
Wiesbaden, 7. Oktober. Wenn man auswärts die in mehreren deutschen Blättern, namentlich in der Kölnischen Zeitung, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, so wie auch in mehreren Nummern Ihres Blattes enthaltenen Artikel über Nassauische Zustände liest; so sollte man glauben, wir lebten hier in vollkommenster Anarchie, indem unser Land mit Sach- scN'Altenburg, den Reußischen Ländern und endlich gar mit ler wahrscheinlich in diesem Augenblicke schon wieder den Ls eg alles Fleisches gegangenen Republik Sigmaringen auf gleiche rlme gestellt, und von der Nothwendigkeit eines direkten Einschreitens der Reichsgewalt als einer ausgemachten Sache ge- i sprechen wird.
Wir, die wir mitten in den hiesigen Zuständen leben, und den jeher zwar weit entfernt von der Neigung, menschliche Iserhâltnige im rosenfarbenen Lichte des Optimismus zu be- I pachten, müssen gleichwohl zur Berichtigung des Urtheils des lâblikums versichern, daß wir von einer vorhandenen oder Izar um sich greifenden Anarchie überall nichts verspüren, müssen IHeimel)r untrer Regierung die Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie jeder anarchistischen, verbrecherischen Bestrebung, wo solche nur auftauchen wollte, mittelst schleuniger und logischer Anwendung der gesetzlichen Mittel entgegengetreten und dadurch den lokal und momentan gestörten Rechtszu- alsbald wieder hergestellt hat. Wir erinnern nur an die so humane, wie höchst wirksame, zum besten Erfolge fühlende Weise, wie die Regierung die am 16. und 17. Juli in IMger Stadt stattgehabte aufrührerische Bewegung unterdrückt IK eine Bewegung, eben so nichtswürdig und verächtlich hin- IIllich ihres Vorwandes als ihrer Urheber, und überhaupt iL-^össlich, bei einer Bevölkerung von so geringer politischer [Ne wie die hiesige, ihrer großen Mehrzahl nach!
I Wir erinnern ferner an die eben so streng gesetzliche wie gische und alsbald zum Zwecke führende Weise wie die Gerung in andern Landestheilen, die größtentheils aus ge»
, mit politischen Verhältnissen in keinerlei Verbindung bilden Beweggründen gestörte gesetzliche Ordnung wieder gestellt hat, wie z. B. in den Aemtern Usingen, Königstein, j 'Wille, Braubach. *
Wir n achen endlich darauf aufmerkstM, daß auch in der festen Zeit, sicherem Vernehmen nach, die zustän- âM Gerichtsbehörden die geeigneten Schritte gethan haben,
1 wegen der, in Volksversammlungen in und bei Weilburg
vorgekommenen aufrührerischen und verbrecherischen Aufforderungen die Schuldigen die gesetzlichen Folgen ihres Treibens empfinden zu lassen.
Da gerade diese zuletzt erwähnten Vorgänge von Ihrem Berichtserstatter vorzugsweise in's Auge gefaßt worden zu seyn scheinen, so wollen wir zur Widerlegung der hierüber verbreiteten übertriebenen Gerüchte noch hinzufügen, daß die bei Weitem überwiegende Mehrzahl der Bewohner der Stadt Weilburg und deren Umgegend auch in gegenwärtiger Zeit ihren alten Ruhm treuen, biederen Bürgersinnes bewährt, und den dort, wie überall, aufgetretenen „Ränkern und Stänkern, Wühlern und Wieglern," welche ausschließlich aus herabgekommenen liederlichen Handwerkern, bankerutten Spekulanten und hirnverbrannten Gelbschnäbeln bestanden, nicht nur kein Gehör gegeben hat, sondern mit der größten Energie entgegen getreten ist, so daß auch dort deren Reich bereits sein vollkommenes Ende gefunden hat. Wir sind zwar weit entfernt, zu bestreiten, daß in neuester Zeit bei uns Auftritte sich zugetragen haben, die dem auswärtigen Publikum wohl einigen Grund zu dem oben erwähnten harten und ungerechten Urtheil über unsere Zustände geben könnten, wie namentlich die unwürdige Behandlung deö Reichsministers Heckscher durch den Pöbel deS Städtchens Höchst und das meuterische Benehmen eines Theiles unserer nach Baden abmarschirten Truppen.
So vieles und gerechtes Aufsehen beide allerdings nicht zur Ehre unserer Bevölkerung gereichenden Vorfälle auöwârtS gemacht haben mögen, so wenig können dieselben gleichwohl einen Grund zu der Beschuldigung einer im Lande allgemein und dauernd herrschenden Anarchie und Rath- und Thatlosig- keit der obrigkeitlichen Gewalt abgeben.
Beide sind vielmehr völlig vereinzelt dastehende Ereignisse, wie sie überall und zu allen Zeiten vorkommen können und vorgekommen sind. Namentlich sind die Pöbel-Erzesse gegen Heckscher in Höchst nur eine Folge deS steten Verkehrs der dortigen ärmeren Klasse mit der Stadt Frankfurt, also eigentlich nichts als eine Episode des dortigen Aufruhrs und ein Ausfluß der damals in jener Studt herrschenden Anarchie. Von unserer Regierung ist sofort die strengste Untersuchung jener Schandthaten angeordnet worden, und daß die verdiente Strafe das Haupt der Schuldigen trifft, dafür bürgen die dem Vernehmen nach bereits erzielten Resultate der Untersuchung.
Die meuterischen Auftritte bei einem Bataillon des ersten Regiments, welches sich bis dahin stets durch musterhafte Mannszucht und acht soldatischen Geist ausgezeichnet hatte, haben wir einzig und allein dem leidigen Umstand" zu verdanken, daß dieses Bataillon bei seinem Rückmärsche aus Schleswig gerade zu einer Zeit in Köln Rasttag hielt, als dort die rothe Republik ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte, deren Agenten dann die durch den unerwarteten Befehl zur Fortsetzung des Marsches nach Baden eingetretene nicht sehr freudige Stimmung der Soldaten dazu benutzte, um dieselben für ihre sauberen Zwecke zu bearbeiten. Auch diese, bei dem Militair vorgekommenen Erzesse unterliegen einer fortgesetzten strengen Untersuchung, welche dem Vernehmen nach nicht nur bereits sehr i ntercssant e Aufsch lüsse über die Verführer jener unerfahrenen jungen Leute gegeben, sondern auch schon die Fällung und den Vollzug mehrerer strengen Strafurtheile zur Folge gehabt hat; so daß also auch in dieser Beziehung die Autorität der Gesetze und der Staatsgewalt für vollständig hergestellt gelten muß.