Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jü> 176 Freitag den 6. Oktober 18L8.
Die Raff. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., I für den Umsang des HerzoglhumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstentyums Hessen, der Landgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt » Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fl. *O fr. —Inserate werden die dreispaltige L Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- 6 wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
f Die moralischen Arheber der jüngsten revolutionären Norfälle.
x Gustav von Struve.
Zur Warnung.
Deutschland. Wiesbaden (Frhr. v. Schütz). — Mainz (Die radikale Partei). — Weinheim (Erzeffe bei den nassauischen Truppen). — Freiburg (Pläne der Aufständischen. Verfolgung der versprengten Freischärler. Republikanisches Papiergelds — Müllheim (Brandschatzung der rothen Republikaner). — Sigmaringen (Die Duodez-Republik). » — Bonn (Goldfuß t). — Kö ln (Freiligrath freigesprochen). — Al
tona (Die Schleswig-Holstein'sche Frage). — Wien (Waffenstillstand zwischen Ungarn und Jellachich. Die Ermordung des Grafen Lamberg).
Italien. Mailand (Erzherzog Stephan).
f Sprechsaal für Stadt und Land.
IO Die moralischen Urheber der jüngsten
revolutionären Vorfälle.
Zweiter A r t i k c l.
I Die Frankfurter blutigen und verbrecherischen Ereignisse und ihre Septembrisirer erinnern in Beziehung auf die Zurückführung auf ihre letzten Quellen an das schwache Schat- I teubild ähnlicher Versuche in Wiesbaden bei Befreiung der , Gefangenen und dem versuchten Eindringen in das Ministe- I âm und bei den das Leben des Präsidenten bedrohenden I Aeußerungen der aufständischen Rotte. Die Aehnlichkeit er- ; streckte sich weiter bis auf die Unzureichlichkeit des Instituts der Bürgerwehr bei ernsten Gelegenheiten und auf die Unterdrückung der Insurrektion durch die Reichötruppen.
: Der Beruf und die Pflicht der Bürgerwehr war es, die Ordnung, die Gesetze und den Frieden der Stadt zu wahren, - dem Befehle ihres selbst gewählten tüchtigen Obersten, dem sie Gehorsam gelobt hatten und der Fahne zu folgen, die sie vor kurzem erst aus den unbefleckten Händen ihrer Frauen und Jungfrauen empfangen und als e i n heiliges Symbol I bürgerlicher Tugend und Freiheit begrüßt hatte.
Wie, fragte man sich damals, 1400 gut bewaffnete Bür- I ger zeigten sich unfähig, die Gesetze zu unterstützen, die Ordnung zu handhaben? Macht die Bürgerwehr solchen Gebrauch von der erst kurz errungenen Freiheit, beginnt so die Selbstregierung des Volkes? Wie war es möglich, daß eine Hand voll Menschen ungestraft Frevel begehen durfte, Menschen, deren revolutionäres Geschrei und terroristisches Geberven die i Gäste der Stadt austrieb, ihren Frieden störte und unsere junge Freiheit in Gefahr brachte und beschimpfte; wie war es möglich, daß sich der Bürger gegen den Bürger, ja buchstäblich der Vater gegen den Sohn, der Bruder gegen den s âuder bewaffnet gegenüber stand und uns in eine Lage brachte, in der sich die friedlichen Bewohner unserer Stadt genau so wie nachher in Frankfurt gegenseitig zu morden im /^griffe standen? Wird man zur letzten. Quelle hinaufsteigen, w Zeigt es sich unverhüllt, daß der Geist der Gesetzlosig- kelt und permanenten Revolution von den wenigen Mitgliedern der äußersten linken Seite im Reichstage den Einzel-Kammern ausging. Dieses grund- ln5lltyc Prinzip der Revolution hat auf der Straße seine
thatsächliche Verwirklichung erhalten. Als unsre Kammer zusammentrat, da war eine konfuse demokratisch-republikanische Faktion von geringer Zahl im Ersterben, weil sie keine Stütze in dem Bürger, keinen Anhalt in dem Geiste der Stadt und keinen Inhalt in sich selbst fand; sie quälte sich in ihren Versammlungen durch ihre verwirrten politisch-sozialen Fragen selbst zu Tode und war dem Verscheiden nahe. In diesem Moment trat unsere Kammer zusammen, und aus ihren jugendlichen, unerfahrenen Elementen, großentheils aller politischen und geschichtlichen Bildung bar, setzte sich an der linken Seite ein Niederschlag ab, der jene erstorbene konfuse Faktion in eine neue Gährung versetzte; sie erhielt neue Stärke, weil sie einen gesetzlichen, offiziellen Stützpunkt und die linke Seite der Kammer wiederum in der anarchischen Faktion ausserhalb des Ständesaales einen Boden gewann, in den sie die Wurzeln ihrer Lehre senkte. So stützten und unterstützten sie sich gegenseitig, genährt durch den Grundsatz, daß wir uns auf dem Standpunkte der Gesetzlosigkeit und Revolution befänden. Aus solchem unfruchtbaren Boden sollte der Baum der angeblichen Freiheit erwachsen, begossen von dem trüben Wasser kommunistisch-sozialer Gelüste „noch nicht Besitzender oder nicht mehr Besitzender"; er sollte groß gezogen werden durch geheuchelte Furcht vor Reaktion, durch Verdächtigung, Verläumdung und Schmähung der Regierung in anarchischen Versammlungen und endlich durch die überall versuchte Vernichtung der militärischen Disziplin. Denn in der Nähe „verthierter Söldlinge, dressirter Bluthunde und einer verdummten Soldateska" kann der Baum der Freiheit keine Blüthe tragen, unter dessen Schatten „die Gesinnungstüchtigen" ruhen wollten. Allein noch bevor er Blätter und Blumen trieb, trug er jene verkrüppelten Früchte, an welchen man den Bau m erkennt: es war die Frucht der Anarchie, der Revolution und Täuschung und zugleich der Tölpelhaftigkeit. Die linke Seite der Kammern und des Reichstags ist der Boden, auf dem sie gewachsen, und die Quelle, durch die sie getränkt wurde; linb auf demselben Boden wird sie auch verfaulen.
Die moralischen Urheber des jüngsten revolutionären Versuchs gehen wir dem Urtheil der Bewohner Deutschlands preis und machen besonders Diejenigen verantwortlich, die behaup-- ten, auf dem Standpunkt einer permanenten Revolution zu stehen.
Gustav von Struve
Da von Struve in diesen Tagen durch den bewaffneten Einfall in's Badische der Held einer tragikomischen Episode unserer Freiheitsbestrebungen geworden ist, so dürfte es Ihren Lesern nicht unwillkommen seyn, einiges Nähere über seinen bisherigen Lebenslauf zu erfahren. Gustav von Struve lebte in Mannheim mehrere Jahre als unbekannter und unbeschäftigter Advokat. Er schien auch wenig um Rechtswissenschaft stch zu kümmern, er ging beinahe ausschließlich mit englischen Familien um, deren sehr viele in jener Zeit in Mannheim wohnten. Durch einen Engländer wurde er in die Geheimnisse der Phrenologie eingeweiht, welche er fortan zum Gegenstand, seiner eifrigsten Studien machte. Er hielt in Mannheim, Heidelberg /Bonn, Vorlesungen über diese Wissenschaft, gründete eine eigene Zeitschrift, schrieb polemische Artikel gegen bewährte Anatomen, wie Tiedemann in die ganze Grundlage dieser neuen Wi
Heidelberg, weil diese ffenschaft zu bestreiten