Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 175* Donnerstag den S. Oktober 1848*
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PrännmerationSpreiS ist in Wiesbaden S^fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschâ Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt £ fl. 30 ft., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Berwaltungsgebietes Ä ft. -SO ft. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
-Uebersicht.
Die freie Presse und das Necht der freien Vereinigung.
Deutschland. Vom Rhein (Das drohende Ausland und die inneren Zerwürfnisse). — Ans dem Amte Hadamar (Die Volksversammlung auf dem Knoten). — Frankfurt (Reichstag). — Darmstadt (Die Geheimnißkrämerei der Verhaftungskommission). — Mannheim (Die Cholera). — Aus Baden (Die Untersuchung). — Koblenz (Der niedrige Wasserstand des Rheins). — Eisennach (Das Studentenparlament). — (Stu ttgart (Ran nach dem Asperg gebracht). — München (Freudenbezeugungen über die Freilassung der Verhafteten). — Sigmaringen (Volle Anarchie).
Frankreich. Paris (Cavaignac). Senard. Die Ein- und Ausfuhr in den Seehäfen. Vermischtes).
— Dèe freie Presse und das Recht der freien Bereinigung.
Unmittelbar u-o4' ^w 4. März hieltnr wir unsere Rech , i â"8 Mit einer drückend gewesenen Vergangenheit für immer ■ I abgeschlossen, wir freuten uns jubelnd der Gegenwart und ‘ hoffnungstrunken in die Zukunft. Kaum ist ein halbes vorüber, und schon wünschen Viele die Tage vor dem * zuruck, der Jubel über die Gegenwart ist verstummt, die Hornung auf eine schöne Zukunft wird durch bange Sorgen . und dustere Ahnungen getrübt.
Presse. Je länger sie uns vorent- £ ^ai' ic tiefer wir den Spott des Auslandes über die empfunden hatten, desto freudiger f z ieii wir uns bei dem ho- nVtr^m^ unserer Bildung vor allen Nationen der Erde Ä Welchen Gebrauch hat die Presse von siebte ch'^r-'iacht. Mit brennender Schamröthe im Ge-
T nneßgroßen Theil ihrer jugendlichen dene> Sins Oaß kin des Gängelbandes plötzlich ledig gewor- darkbekL ^al ^u^. Küchelt und fällt, wer wundert sich darüber ? Daß aber die Preßfreiheit in den Händen der Deut- schen wie ein scharfes Messer in der Hand eines Wahnsinnen "scheinen würde, das hatten die Wenigsten erwartet E£ .«».e Weift,” ,i„, ^ 3^ ««ft&£Ä^
«Ute Meinung von der Intelligenz, von dem sittlich-religiösen Mokier des deutschen Volkes. Zahllos wie Wlze sckossen lUdNärz die neuen Tagesblätter empor; wo aber blieb 1 %n?sr e '9en5' ^? ^'e deutsche Sittlichkeit? Des Mangels an J telligenz, zumal der politischen, möchten wir uns noch ae- ^^^ nur die freie deutsche Presse nicht Ausbrüche einer I Moralischen Versunkenheit ans Licht gebracht, daß man i L/^bM sittlichen Kerne- unseres Volkes fast i re w "de aew n.^^'lt nichts so erhaben, es.wird indenKothh^ Swuk^ ^'^tö *° ^^cht, es wird vertheidigt oder doch in muß anfC1PZ^ nichts bisher öffentlich war so ^§ gütlich seyn; die Kabinette der Reuet £ ^ Familien werden gleich schonungslos geöff- und tad schaulustigen Menge preisgegeben, Schadenfteiw^ ' geschieht nieist mit einer gewissen hämischen I ihrer Zweck?«?^« ^ « ^ von Bosheit, die zur Erreichung < als gewöhnliche w Zi9' Verdächtigung, ja die offenbare Lüge Mittel anzuwenden sich nicht entblödet.
Sollen wir nun eine Beschränkung der Presse wünschen? Ja, aber nicht durch die Regierungen, Iwenn wir eine solche auch verdient hätten, sondern — durch die Presse selbst. Noch ist nicht Alles verloren; nur müssen sich die, welche es mit dem deutschen Volke wohl meinen — und ihre Zahl ist sicher noch die überwiegende — mehr und auf andere Weise als bisher an der Tageöliteratur betheiligen. Als die Presse noch nicht frei war, gab es Viele, die behaupteten, man könne auch in politischen Dingen Alles sagen, es komme nur darauf an, w i e man cs sage. Sie hatten sich allmählich eine, man möchte sagen diplomatische Stylart altgewohnt/ die ihnen den Druck der Zensur weniger fühlbar machte; sie verstanden das Wie, und konnten darum immer noch ihre Ansichten schriftlich aussprechen, was der größte Theil der jetzt schreibenden Personen nicht konnte, ja nicht einmal zu können versuchte. Als mit der Zensur jede Schranke der Presse fiel, füllte sich der Markt fcesT literarischen Verkehrs plötzlich mit einer Menge von Produzenten, die sich den alten Tagesschriftstellern als ebenbürtig zur Seite stellen wollten. Diese letzteren, mißmuthig darüber, daß die neuen Verkäufer besseren Absatz fanden, weil ihre Waaren dem Volke mundgerechter schienen, zogen sich entweder gänzlich zurück, oder, was nicht weniger schlimm war, sie verharrten stolz bei dem einmal angenommenen diplomatisirenden Tone, den das Volk nicht verstand. Verhältnismäßig nur wenige hielten treu aus, stimmten ihren Ton herab und reden jetzt eine allgemein verständliche Sprache. Finden sie Nachahmung und gesellen sich ihnen zur Unterstützung diejenigen Gebildeten bei, welche, wenn sie auch noch wenig geschrieben haben, doch wohl schreiben könnten, dann dürfen wir hoffen, daß die Presse die Uebel, die sie gebracht, auch wieder heilen und durch die aus ihr selbst hervorgehende Beschränkung eine Haltung annehmen werde, deren wir uns weder vor uns selber noch dem Auslande gegenüber zu schämen brauchen. Aber — die ruhig zusehende rechtliche Gesinnung reicht nicht aus, es bedarf der That.
Wir haben das Recht der freien Bereinigung. Wie die freie Presse, so ist auch dieses Recht so vielfach miß, braucht worden, daß es im Augenblicke zweifelhaft scheint, ob seine unbeschränkte Ausübung Heil oder Unheil zu bringen vermöge. Wir erinnern zuerst an die Volksversammlungen. Sie wurden anfänglich, besonders der Neuheit wegen, besucht, hatten übrigens, was nicht verkannt werden darf, daS Gute, die Theilnahme des Volkes an den öffentlichen Zuständen zu wecken. Aber — sie kamen zu oft; der Reiz der Neuheit ging verloren, die wenigen Redner nutzten sich ab und der Eifer erkaltete. Gleichwohl gaben einige Lenker, die ohne Volksversammlungen nicht leben zu können schienen, und auch den Wirthen wohl wollten, die Sache nicht auf. Hatte es zuerst genügt, ganz einfach zu einer „Volksversammlung" einzuladen, so mußte das bald mit dem Zusatze geschehen, daß „wichtige" oder „höchst wichtige" Gegenstände zur Besprechung kommen würden, und auch das half nicht lange. Man sann auf andere Mittel, man verschrieb Mitglieder der Frankfurter Linken oder bestimmte wohl auch einen Hammel zur gemeinschaftlichen Berlpeisung. Alles umsonst. Die Volksversammlungen sind einmal in Mißkredit gekommen, und wo noch welche gehalten werden, da sind sie, wenigstens in unserem Lande, so schlecht besucht, daß sie kaum den Namen verdienen. Die Gebildeteren im Allgemeinen nehmen langst keinen Theil mehr daran; sie haben sich, theils der großen Zeitversäumniß wegen, theils weil sie in denselben Belehrung weder finden noch geben zu können