Nassauische
Allgemeine Zeitung.
a£ 174. Mittwoch den 4. Oktober 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S^l., für den Umfang des Herrogthums Nassau, Les Grvßherzvgthnms und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes S fL 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei deu' nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Ob ministeriell oder nicht?
Ein Wort über die nass. Volkskammern von 1839—1846 und 1848.
Struve vor dem Standrecht.
Deutschland. Vom Taunus (Reform des nassauischen Gerichtswesens).
— Frankfurt (Reichstag). — Freiburg (Wuth der Soldaten gegen Struve). — Donaueschingen (Der Aufstand). — München (Die wegen einer falschen Denunziation verhafteten Komitemitglieder in Freiheit gesetzt). — Sigmaringen (Sicherheitsausschuß. Der Fürst verläßt das Land). — Wien (Ein kaiserl. Manifest über die künftige Verwaltung der italienischen Provinzen erwartet. Die ungarische Wirren).
* Db ministeriell oder nicht?
Mit viel Kunst und Emsigkeit hat man im ganzen Lande den Glauben zu verbreiten gesucht, die Nassauische Allgemeine Zeitung sey ein „Hofblatt," „Regierungsblatt," „ministerielles Blatt," „ein bezahltes Blatt," „eine höchst rdaktfonäre Zeitung" und Gott weiß was sonst noch, i
In einer Zeit, wo die niederträchtige Verdächtigung so wert geht, daß man sogar einem Manne wie Heinrich Gagern nachsagt, er stehe vaterlandsverrätherischer Weise in russischem Solde! sind wir mit den oben bezeichneten Prädikaten eigentlich noch sehr glimpflich weggekommen. Solche Verdächtigungen haben uns auch noch kein graues Haar gemacht; denn sie waren uns nur der Beweis von der Ohnmacht unserer Gegner. Warum bekämpft man unsere Ansichten nicht mit Gründen? Warum just mit Verdächtigungen?
„Dacht ichs doch! Wissen sie nichts Vernünftiges mehr zu erwiedern,
Schieben sse s Einem logleich in das Gewissen hinein!"
Jedenfalls ist es ein Beweis, daß jene Leute ganz wunder- bar Unbildung gestraft sind, indem sie meinen, es könne Niemand aufrichtig und aus innigster Ueberzeugung ein anderes System anerkennen, als ihr allein selig machendes. Nein! wer nicht ein rechter Wühler ist, der muß entweder ganz blödsinnig seyn — oder bestochen! Da ist doch offenbar die größere Bescheidenheit und Gerechtigkeit auf unserer Seite. Ich wenigstens kenne viele ganz krebsrotste Republikaner und werde doch niemals behaupten, daß ihnen ein Mensch auch nur einen rothen Heller — auf ihren Republikanismus gibt!
Ich will Euch aber doch ganz in's Geheim vertrauens wie sich's mit der „ministeriellen Farbe" unserer Zeitung verhält.
Ja! ich bin ministeriell, wenn ich sehe, daß ein Ministerium eine leiblich vernünftige Politik hat/ die Kannegießer in den Bierhächern und den Winkelblättern aber eine erz-bornirte. Ich bin dann ministeriell aus Ueberzeugung.
Ich bin auch ministeriell, wenn ich sehe, daß ein Ministerium uns das zu erhalten sucht, was wir seit Jahren angestrebt haben, was nach dem 4. März mein Glaubensbekenntniß geblieben ist, weil es auch schon vor jenem Tage in meinem Katechismus gestanden. Ich bin dann ministeriell aus ^onfe- ssuenz. Zur Zeit, da die wüthendsten, sechs Monate alten Volksfreunde noch gar demüthig der Bürokratie sich beugten, habe ich so eifrig gegen dieselbe angekämpft, wie jetzt. Damals hießen mich dieselben Leute einen Demagogen, die mich
jetzt einen Reaktionär schelten, — und ich bin doch eigentlich ganz Derselbe geblieben. Das nennt man „ministeriell!" Ich habe selbiger Zeit einen öffentlichen Dienst im Nassauischen verschmäht, weil die damaligen Zustände meinem Drange nach Selbständigkeit widerstrebten; ich habe damals wegen „nassauischer Artikel" manchen Strauß mit Bundestagsgesandten und nassauischen Ministerialnoten zu bestehen gehabt und habe eine vortheilhafte Stellung in Frankfurt aufgegeben, weil ich mich nicht immerfort wegen mißliebiger „nassauischer Artikel" ärgern wollte. Wie klein war doch dazumal so mancher Mund, der jetzt ein gar großes Maul geworden ist!
In diesem Sinne sind eben fast alle größeren Blätter Deutschlands, die bereits vor der Februarrevolution bestanden haben, ministeriell. /Darum würde ich schon aus purem Hochmuth zu dieser jedenfalls sehr anständigen Gesellschaft mich halten; ich würde mich schämen, einem vorwiegend blos Nassauischen Publikum gegenüber ein Kannegießer geworden zu seyn, da ich doch einem deutschen Publikum gegenüber bei kompetenten Leuten so ziemlich für einen Politiker galt. Freilich diese „kompetenten Leute" sind jetzt auch sehr reaktionär geworden, seit das Maß der Unverschämtheit das eigentliche Maß der Kompetenz gibt.
, Ich bin aber nicht ministeriell, wo das Ministerium sich 'lastend träge zeigt, wo es sich, wie es vor dem 16. Juli geschah, die Anarchie schier über den Kopf wachsen läßt; ich bin nicht ministeriell, wo es, wie bei der Zehntfrage, nach beiden Seiten liebäugelt; — ich habe meine Meinung freimüthig gesägt, aber freilich, solcher Freimuth gilt nichts, weil er eben der alleinseligmachenden Politik nicht in den Kram paßt!
Die Ueberzeugung, sollte man gerade in diesen schwankenden Zeiten am allermeisten ehren, die Ueberzeugung und die Konsequenz; die Ueberzeugung, die ihre eigenen Wege geht und nicht darnach fragt, ob das auch Hinz und Kunz gefällt! Aber freilich, was gilt die Ueberzeugung seit die Zeitungspresse Marktschreierei zu werden beginnt! Politik ist Voraussicht; ich glaube, ich habe die Dinge, wie sie gekommen sind, ziemlich richtig voraus gesehen. Das mundet aber dem Publikum nicht; denn es will, daß die Politik den Ereignissen n a ch h i n k e, weil es dieselben erst begreift, wenn sie vorüber sind. Wer auf die Zukunft des Volkes hinarbeitet, der ist ministeriell, ist bezahlt, ist ein Reaktionär; wer aber dem Volke gehorsamst wwderkäut, was just hinter uns liegt, der ist sehr freisinnig.
5 Ein Wort über die naffanischen Volks kammern von 1S39—isa6 und 18L8
Die aus den Wahlen von 1839 hervorgegangene Kammer war, wie wir uns dessen erinnern, eine sehr gefügige. Man nannte deren Mitglieder Hierlandes scherzweise die „Jahcrren" und im Ausland war ihr Ruf ein so günstiger, daß ein deutscher Lanbesvater, der mit seiner Kammer in mannichfachen Hader gerathen war, ernstlich den Wunsch ausgesprochen haben soll, einige jener nassauischen Volksvertreterzur Veredlung der (einigen in sein Siändehaus verflanzen zu können. Wenn nun belobte Kammer, standhaft und pflichtgetreu alljährlich die resivenzlichen Diners bewältigend, ihr 7jähriges Daseyn unter der sanften Führung eines geistlichen Hirten harmlos hinbrachte, worüber ihr übrigens in Berücksichtigung der Stellung in einem kleinen, von äußeren Verhältnissen