Stadt hinaus. Man hört von einer Schilderhebung, an deren Spitze Rau von Gaildorf stehen soll. Eine gedruckte Proklamation von Rau ist im Umlauf. Die Regierung scheint übrigens , wie ihr Programm verkündete, gerüstet. Einer der Redner vom letzten» Sonntag, übrigens ein ungebildeter, konfuser Mensch, ist verhaftet; gegen Rau soll ein Verhaftöbefehl ausgestellt seyn.
Berlin, 25. Sept. (D. A. Z.) Die Dinge in der Nationalversammlung haben sich analog dem gestrigen Berichte entwickelt. Sowohl die Regierung wie die äusserste Linke zeigten politischen Verstand und theilweise tiefe Einsicht; jene indem sie unabweisbare Konzessionen machte und das Angemes- fene des Geforderten dem Prinzip nach anerkannte; diese indem sie sich genügsam, selbst befriedigt zeigte und über das Formelle ein Auge zudrückte. So wäre es denn zum ersten Male seit den Mârztagen geschehen, daß hier wirklich politische Weisheit ihr Szepter führte, daß Versöhnungssinn, weiter Blick, Beurtheilung der Lage von beiden Seiten sich geltend machte.
Draußen war, nach Allem, was man hört, die Revolte durchgreifend und energisch organisirt, wohl gegen 8000 sehr handfeste Leute, darunter Viele mit Waffen, Andere mit phantastischer Tracht; die Meisten in sehr aufgeregter Stimmung, bedeckten den Platz, die Führer der Klubbs waren da, ebenso die Barrikadenhelden, Männer mit verwegenen Gesichtern. Sehr denkwürdige Physiognomien des Gensb'armenmarkts, ähnelnd den Beschreibungen aus der ersten französischen Revolutionszeit, und gerade nicht erfreuliche Aussichten eröffnend, falls man fortfährt, die durch und durch revolutionäre Bevölkerung Berlins zu verkennen. Denn ein großer Theil der Versammelten schien gar nicht damit zufrieden, daß es nicht zum „Klappen" käme, wie die Berliner sagen; und da waren Leute mit rothen Mützen, wieder andere mit sehr langen, scharf geschlissenen Säbeln und mit weitlangenden Musketen, vielleicht parodirend die bekannte Wrangel'sche Phrase, und es waren auch Leute da mit Beuteln an bem Gurt, worin etliches Pulver sich befand und blanke, von Dillettantenhand gegossene Kugeln. Ja, noch jetzt, gegen Abend, spritzt der Volkswoge erklecklicher Schaum durch die Straßen der Stadt, es gehen Trupps über die Gagen mit gerade nicht liebenswürdiger Haltung, vor dem Zeughause an der Wasserseite ist ein Auflauf, freilich ohne Bedeutung, und die Rede eines der Volkshäupter auf dem Gensd'armenmarkte: Das wäre doch Alles Unsinn ! Es müge doch zum Klappen kommen, aber heute sey das Han- deln verfèUt ! Man ten in die Ohren. Wunderlich, wie sich die Extreme begegnen; der ...... sche Gesandte sagte beim Herausgehen aus der Loge ganz Dasselbe in solgenden Worten: „Es ist nun Alles in Ordnung!" auf acht Tage. Gott gebe, daß es so lange dauert!
Bremen, 26. Sept. (Wes.-Z.) Das Dampfschiff „Hermann", Kapitän Crabtree, setzte am 20. d. M., seinem regelmäßigen Tage, seine Reise von Soruhampton nach Neu York mit 150 Paffagieren und voller Ladung fort. Unter den Passagieren befand sich auch Dr. Hecker aus Mannheim.
Schleswig-Holstein. Man weiß hier mit Bestimmtheit, daß Lord Palmerston eine energische Note an Dänemark hat ergehen lassen, in welcher dasselbe aufgefordert wird, den billigen Wünschen der Herzogtümer in der W affe n st i ll sta nd s sa ch e zu entsprechen. Diese Note konnte in Kopenhagen noch nicht so früh angekommen seyn, daß man bis jetzt deren Rückwirkung hätte bemerken können. Die Nächsten Kopenhagener Zeitungen werden gewiß schon eine gemäßigtere Sprache führen. Daß von Moltke im Ernste nicht die Rede seyn könne, wird von Kjöbenhavnsposten bereits jetzt zugegeben. Aber auch in den andern Punkten wird man hier eine Entschlossenheit finden, wie man sie gewiß nicht erwartet hat und wogegen solche Ro- domontaden, wie die dänischen Journalisten sie so gern im Munde führen, am wenigsten helfen möchten.
Schleswig-Holstein. Die provisorische Regierung beabsichtigt, wie die „Schl.-H.-Z." schreibt, ihren Sitz nach Schleswig zu verlegen, wohin ihr die Landesversammlung folgen würde. Die von letzterer beschlossene Ministerialeinrichtung und deren Verschmelzung mit der schleswig-holsteinischen Regierung scheinen die Hauptgründe hiefür zu seyn. Von der genannten Jmmediatkomnufsion auf Alsen verlautet nichts weiter, nach Flensburg hat sie sich noch nicht gewagt, doch wird von Hadersleben geschrieben, daß bei einer etwaigen Weige- rung, sie auszunehmen, ein Besuch der dänischen Armee zu er-
.Verantwortticher Redakteur: W. H. Rieht.— Druck und Verlag
warten sey. Der Adjutant des Obersten Hansen, JensPeter- sen, ein dänischer Propagandist, erschien am 23. in dänischer > Offiziersuniform ganz unbefangen beim Posthalter Raben.
Wien, 24. Sept. Diesen Morgen ist Erzherzog StepWr^ hier angekommen, eine Stunde nach Ankunft eines Kouriers, der ihn meldete. Es scheint demnach außer Zweifel, daß Jellachich bedeutende Fortschritte gemacht. Schon damals übrigens, als man in Wien erfuhr, daß der Erzherzog Palatin zur Drau-Armee zu gehen sich entschlossen hatte, glaubten einsichtsvolle Männer, dieß sey nur ein Vorwand gewesen, um sich aus Pesth entfernen zu können. Darüber werden wir vielleicht schien morgen aufgeklärt seyn.
Nach kurzem Aufenthalte in der Residenz verließ uns gestern Fürst Windisch-Grätz, um, wie wir hören, zu seiner Erholung nach Italien zu gehen. F. M. L. Melden wird aus Italien hier erwartet; er soll das Kommando in Prag übernehmen. Die Zusammenziehung der Truppen in und um die Stabt Wien ist eine unbestreitbare Thatsache. Es liegen jetzt in Wien gegen 15,000 Mann , und in weniger als acht Stunden können dieselben auf das doppelte gebracht werden. Da Oberöstcrreich vollkommen ruhig ist, so konnten von dort her mehrere Bataillone in die Nähe der Hauptstadt verlegt werden, was auch geschehen ist.
Wien, 24. Sept. (A. Z.) Die ungarischen Kämpfe scheinen rasch ihrer Entscheidung entgegenzugehen. Nach Berichten, die eben hier einlaufen, soll Jellachich bereits in Stuhlweißenburg eingerückt seyn, kaum eine halbe Tagreise von Pesth. Die Bauern in den Karpathen sind aufgestanden, und große Plakate verkünden, daß der Nationalitätsfrühling der Slowaken angebrochen sey! Dazu kommt, daß die ausweichende (für das Wiener Ministerium nicht besonders schmeichelhafte) Antwort des Banus an die Offiziere des Teleky'schen Korps den Ungarn bewiesen hat, daß es sich weniger um einen Kampf der Reaktion gegen die Lostrennung Ungarns von Oesterreich handelt, daß es ein großer Racen krieg zumal ist, der beginnt, und in welchem, wir sagen es nicht ohne schmerzliches Gefühl, alle Chancen gegen die Ungarn sind. Das alles verknüpft sich mit dem, was hier geschieht, erklärt es zum Theil und wird zum Theil erst dadurch verständlich. Heben wir aus der sla- vifchen Phalanx z. B. Rieger hervor. Rieger ist seinem Glaubensbekenntniß nach ein Demokrat im Sinn der radikalsten, bis zur Stunde bestehenden Versassungen, die von Teras nicht ausgenommen. Derselbe Mann nun, der in fast allen Fragen der innern Politik das Ministerium von diesem Stande punkt aus anfeindet, ist sein gewaltigster, sein tüchtigster Vorkämpfer, so oft dessen Territorialpolitik in Bezug auf die Länder angegriffen wird, welche bis heute zum Kaiserreich gehörten. Im Bewußtseyn , daß die Slaven die Majorität in Oesterreich haben, will er unter der modernen Herrschaft der Majoritäten erst ihren slavischen Ausdruck, sey es auch mit welch immer einer innern Politik gepaart, zum Kulminiren bringen; er wüthet daher in dem Reichstag gegen die Ungarn als Abtrünnige, gegen die Deutschen als Demagogen, und er würbe das umgekehrte Verfahren einschlagen, wenn es zu seinen Zwecken diente. Darum vertheidigte Rieger im Reichstag mit seltener Beredsamkeit Jellachich, obgleich dieser vielleicht sehr bedeutende Selbständigkeitsgedanken hegt und dem Ministerium noch viele Schwierigkeiten machen wird.
Sprechfaal für Stadt und Land. *
△& Vom hohen Westerwalde. Zufälligerweise ist uns $ in den gedruckten Landtagsverhandlungen die Diskussion über das Meoizinalbudget zu Gesicht gekommen. Wir haben uns t über die Diskussion: ob einem in Wiesbaden als Badearzt j fungirenden Mebizinalbeamten jedes Jahr 1200 fl. aus der j Staatskasse noch künftighin zufließen dürften, und ob die Sa- nitâtsberichte abzuschaffen seyen, weniger verwundert, als darüber, daß es unserer Kammer entgangen ist, daß sich in Wies- | baden ein Gastwirth befindet, der den Titel eines Medizi nalrathes führt, und dabei vom Staate noch eine jährliche Besoldung von 400—500 fl. bezieht, ohne dem Staate Dienste zu leisten. — Ist das Recht?
Ferner ist es der Kammer entgangen, daß in den vorletz- ' ten Jahren an dem Medizinalbudget jedes Jahr 6000 fl. er# spart, d. h. nicht als Besoldung an die Aerzte des Landes ausbezahlt worden sind. Wo sind sie hingeko mmEch^- und wie verrechnet worden? K 4
Der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.