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der herrschenden Kammerpartei eine Verschleuderung des Staats­eigenthumes zu finden, und während man ehedem von Pontius zu Pilatus mit Petitionen geschickt wurde, wandern nun De­putationen zu jedem Bruchtbeile des gesetzgebenden Körpers, um fromme Wünsche begreiflich zu machen. Die Freiheit des Bittens und die Willkür des Abschlagens ist die nämliche, und die stereotypen Wortewir werden sehen, alles mögliche thun" sind von den alten Machthabern auf die gegenwärtigen um­geändert übergegangen. Ebenso wie die Pedanterie des alten Polizeistaates, welche sich mit Generalreskripten, Allerhöchsten Verfügungen und Dienstfrack brüstete, so bläht sich jetzt die Volkssouveränität, der revolutionäre Boden und der improvi- sirte Zynismus, welcher den Stolz Platos mit Füßen tritt.

Wäre wirklich bis heute etwas für das Wohl des Volkes geschehen, so müßte es allen wohler seyn, wenn auch nicht für die Gegenwart, doch wenigstens im Hinblick auf die Zukunft. Allein eine allgemeine Mißstimmung ist das vorwaltende Ge­fühl, und ein Jeder fragt sich, wie lange dieser Zustand noch andauern kann. Nun, eben so gut, als unzählige Werkzeuge des Absolutismus sich Jahre lang sehr wohl befunden, können eben so viele noch lange Zeit von der Anarchie leben. Es ist ganz dasselbe, den Fürsten Beliebiges vom Volke glauben zu machen, als den großen Massen Trugbilder vorzuspiegeln, bei­des geschieht,( mit beiden macht man sich beliebt und unent­behrlich. Die, welche ruhig das Unhaltbare des früheren Systems schon lange durchschaut, sehen auch hinter die Kulissen des neuen, aber die Worte solcher Sehenden sind stets miß­liebig, und Mißlieben hat gleichen Erfolg am Hofe wie beim Volkstribunale. Als in Frankreich die skandalösen Prozesse der Betrügereien im Ministerium und des Praslin'schen Meu­chelmordes offen verhandelt wurden, so konnte eine Verglei­chung mit der Halsbandgeschichte des Kardinals Rohan nicht ausbleiben, und die feste Ueberzeugung, daß hiermit eine neue Revolution beginnen würde, gerade wie damals. Wenn wir aber auf das grausame Aufwühlen der Massen und die ge­waltsamen Wiederbelebungen der Gesetzlosigkeit in unseren deutschen Hauptstädten sehen, wer wird darin nicht einen fin­steren Bund erblicken, welcher uns in die Barbarei der Schreckens­zeit Frankreichs und deutscher Bauernkriege zurückstürzen will: woraus zuletzt triumphirend die Gewaltherrschaft des Schwer­tes hervorging.

Eine solche napoleonische Herrschaft wird alsdann Gesetze vorschreiben, welche wir uns gegenwärtig in aller Ruhe selbst machen können. Daß die politischen Errungenschaften der Nation Lebensfragen sind, begreift Niemand. Jn's Leben eingeführt, werden sie auf dem jetzt eingeschlagenen Wege aber nimmermehr, und besonders deßhalb nicht, weil zuerst jeder willig an den Platz zurücktreten müßte, welcher ihm von wegen Rechtes und wirklichen Verdienstes zusteht. Dazu gehört aber Selbstverleugnung und diese mangelt. Ein Blick auf unsere Kammer genügt, um dieses zu beweisen. Glaubt da nicht Mancher einen Tag nutzlos verstreichen zu lassen, wenn er nicht rnterpellirt, âppellirt und sich reservirt, wenn er nicht auf dem Tanzboden der Rechtsidee oder der Revolution dem Lande einige Sprünge zum besten gegeben hat? Ueber dem Ringen nach einem Phantasiebild kolossaler Freiheit geht so­dann die wahre zu Grunde und dem wüsten politischen Treiben folgt ein politischer Katzenjammer, in welchem uns die Reak­tion ermattet unv hülflos erfaßt und das Verhängnißvollezu spät", aber in ihrem Sinne, in die Ohren ruft.

Frankfurt, 22. Sept. (83. Reichstagssitzung.) Wernher von Nierstein verliest Namens der resp. Kommission den Ent­wurf der in der gestrigen Sitzung beschlossenen Ansprache derReichsversammlung an das deutsche Volk. Der­selbe lautet:An das deutsche Volk! Das deutsche Volk hat in freiester Wahl die Männer erkoren, welche die Freiheit für Alle und die Einheit des Vaterlandes gründen sollen. Niemals war einer Versammlung eine größere, nie eine schwierigere Auf­gabe gestellt, als der deutschen Nationalversammlung. Im Drange der Ereignisse von verschiedenen Forderungen bestürmt, schritt sie dennoch, das Ziel im Auge, beharrlich voran. Mochte nicht jeder Beschluß Allen gefallen, mochte manche Entscheidung auf sich warten lassen: es wurde doch Wichtiges glücklich vollendet. Die einheitliche Regierung für das ge- sammte Deutschland wurde geordnet, den Rechten des Volks eine feste Grundlage bereitet, der künftigen Verfassung des einigen Vaterlandes kräftig vorgearbeitet. Aber das Uner­hörte ist geschehen. Man hat es gewagt, Beschlüsse der Na­tionalversammlung als hochverräterisch zu bezeichnen. Man hat sich erfrecht, den Reichstag zu überfallen. Der Aufruhr hat sich offen um den Sitz der Versammlung Mb in den Straßen der Stadt erhoben. Abgeordnete, welche gewissenhaft und mu-

thig ihre Ueberzeugung vertraten, sind grauenvoll gemordet worden. Die Nationalversammlung, welche mit Trauer und Entrüstung auf das Geschehene hinblickt, fühlt sich georungen, bei so ernsten Ereignissen ein Wort an das deutsche Volk zu richten. Sie vertraut, daß das deutsche Volk seine Freiheit in der Freiheit seiner Vertreter ehre und nimmer dulde, daß Be­drohung oder Gewalt die Unabhängigkeit der Rebe und der Abstimmung beschränke. Sie ist gewiß, daß das deutsche Volk niemals Anderen, weder Einzelnen noch Vereinigungen, gestatten kann, ihren Willen an die Stelle dessen zu setzen, was sie, die Beauftragte der gesammten Nation, beschließt. Sie weiß, daß das deutsche Volk Niemanden als ihr das Recht zugesteht, die Verfassung Deutschlands zu begründen. Deutsches Volk! Wir werden nicht ablassen, Deine Freiheit zu schirmen und ihr eine sichere Stätte im Vaterland zu be­reiten. Nichts soll uns hindern, den Bau der deutschen Ein­heit zu vollenden. Mögen Feinde, von welcher Seite immer, uns bedrohen, wir werden stehen wie Ein Mann, wenn es gilt unser Recht zu wahren, und nicht werden wir von dèn Plätzen weichen, die uns überwiesen sind, bis Deutschland sich geeinigt hat in freier Verfassung. Die deutsche Nationalver­sammlung." Der Präsident verliest einen bereits in der letzten Sitzung übergebenen Antrag Schaffrath's und Genossen, fol­genden Inhalts:In Erwägung, daß die Zentralgewalt nur eine Vollziehungsgewalt, dagegen kein Gesetzgebungsrecht hat, in Erwägung, daß Ausnahmsregeln einer Schreckensherrschaft nur bei großen Gefahren zu ergreifen sind, in Erwägung, daß die Unrufyen in Frankfurt nur von einer kleinen Anzahl schlecht Bewaffneter ausgegangcn, in Erwägung, daß durch die getroffenen Maßregeln die freie Berathung der Versamm­lung, so wie Handel und Verkehr, besonders bei obwaltender Meßzeit, gehemmt werden, beschließt die Nationalversamm­lung die sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes und des Kriegsgesetzes oder Standrechts in der freien Stadt Frankfurt, so wie die Mittheilung dieses Beschlusses zu dessen Ausführung an das Reichsministerium." Die Begründung der Dringlichkeit dieses Antrags wird als nicht zulässig er­kannt.

Frankfurt, 23. Sept. Struve soll mit einer Bande deut­scher Handwerksburschen, Bauern rc., deren Stärke sich noch nicht bestimmen läßt, gestern das Städtchen Lörrach und das Dörfchen Schlingen, im badischen Oberrhein-Kreise, überrum­pelt und besetzt haben.

Freiburg, 22. Sept., Morgens 8 74 Uhr. (O.-P.-A.-Z.) So eben triffl bei der hiesigen Stadtkommandantur ein Kurier aus Lörrach ein, mit der Meldung,das Oberland sey im Aufruhr und es ziehen wenigstens 20,000 Mann (?) bewaffnete Bauern gegen Frankfurt, um die Nationalversammlung zu stürzen." Die Postverbindung mit einem Theil des Oberlands ist unterbrochen, daher wir ohne weitere Nachrichten sind. 9'/r Uhr. Ein eben eingetroffener zweiter Kurier meldet, die Freischaaren seyen nur noch fünf Stunden von hier entfernt. Alles ist in größter Bestürzung und Angst. Wir haben blos 1600 Mann Militär und einige Kanonen hier. 11 Uhr. Bis jetzt noch keine nähern Nachrichten. Mit. nächster Post schreibe ich wieder. Nachschrift: So eben geht ein Kurier ab, um Militär zu requiriren.

In Stuttgart treten eben die Stände zum Landtag zu­sammen. Staalsrath Römer ist schon vor einigen Tagen da­selbst eingetroffen. Große Volksversammlungen in Heilbronn und Eßlingen verlangen, daß die Stände bloß ein neues Wahlgesetz 'nach allgemeinem Stimmrecht erlassen und dann auseinandergehen sollen, um einer konstituirenden Ständever- sammlung Platz zu machen. Mittlerweile wurden auf diesen Versammlungen Hecker und der Republik stürmische Hoch ge, bracht und es fehlte (wie süddeutsche Zeitungen berichten) nicht an Demagogen, die mit rauschendem Beifall offen den Um­sturz predigten. Auch an Blättern, die in diese Flamme bla­sen, fehlt es in Würtemberg nicht. Die Paulskirche wird in denselben natürlich als ein erbleichter Stern behandelt, welcher derneuen Macht" weichen müsse. Die Verblendeten, die um das Feuèr tanzen, das sie mit unter seine Opfer fordern und sammt ihrer auf die Anarchie gegründeten Freiheit ver­zehren wird! Die Deutsche Ztg. macht wie früher schon die Kölnische dem Ministerium Vorwürfe, daß es dem Um­wühlen des ganzen Landes denn im Oberlande herrscht der­selbe Geist nichts als Worte entgegensetze.

Briefe aus München und bayerisch/ Blätter berichten, daß einige Bataillone Infanterie und mehrere Schwadronen Reiterei Befehl erhalten haben, sich zum Einrucken in das badische Oberland bereit zu halten, wenn die fortwährenden