NÄfMUfW Allgemeine Zeitung.
^N 160» Sonntag den 17 September 18â8.
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Uebersicht.
Die Kannegießer.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Der Fortgang der Verhandlungen). — Frankfurt (Reichstag). — Leipzig (Unruhen in Chemnitz). — Berlin (Das Ministerium. Die Demokratenvereine an die Soldaten). — Potsdam (Militärerzeffe). — Aus dem nördlichen Schleswig (Die dänische Gesinnung der Landesbewohner und der Widerwille der deutschen Truppen gegen den Krieg). — Wien (Die Verwickelung der dortigen Zustände. Der Reichstag. Erzeffe. Verkündigung des Gesetzes über die Aufhebung der Feudallasten. Widersprüche in der italienischen Vermittelungs- und in der kroatische» Frage. Die ungarische Deputation und ihre Heimkehr. Der Banus von Kroati-n). — Triest
(Albini scheint den Golf von Venedig verlassen zu haben).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Die Kannegießer.
Der Abgeordnete Wenckenbach I., der überhaupt in seinem derben Humor gar oft den Nagel auf den Kopf trifft, hat vor kurzem ein sehr wahres Wort gesprochen, indem er ’ fasste : „Wir sind fast adefammt noch bloße politische Kannegießer ober sind es wenigstens bis vor ganz kurzer Zeil noch gewesen."
Das war mir aus der Seele geredet. Es ist aber auch ein Wort von ungeheuern Konsequenzen. Mischt Euch einmal unter das Volk, belauscht es da, wo es sich am offensten aus- > spricht, in der Kneipe, bei der Arbeit, Ihr Kannegießer, die Ihr den armen Leuten Eure Kannegießerei als unfehlbare politische Weisheit aufbindet, und sehet, welche schiefe Urtheile Ihr in die gesundesten Köpfe eingezwängt habt! Wer eine recht tolle Komödie schreiben will, der male einmal, nicht mit karrikirendcm Pinsel, sondern in getreuen Porträt-Zügen, das Bild aus, welches sich der Bauer von der Republik entwirft, ober der Arbeiter von der sozialen Reform und der Organisation der Arbeit! Und doch sind diese Leute keine Idealisten, keine Phantasten, keine verschrobenen Köpfe — o nein! es sind recht ferngefunbe. Naturen; aber der Kannegießer ist in sie gefahren, und so ist die Karrikatur fix und fertig geworden, die nur auf ihren Aristophanes wartet.
Hecker geht bekanntlich nach Amerika wie ein verzweifelter Schuldner, um den abenteuerlichen Anforderungen seiner Freunde iu entrinnen. Wer sich einen Begriff machen will von diesen Anforderungen, der durchstreife einmal die Gegend von Hanau und Offenbach, wo bei dem Landvolk noch immer alle paar Wochen die Sage umgeht, daß Hecker im Lande erschienen sey, und wo Jeder, der einen blonden Bart trägt, sich in Acht nehmen kann, daß er nicht von den Bauern, wie's dem Verfasser dieser Zeilen erst vor wenigen Tagen ergangen ist, sur Hecker angesehen wird. Wenn unser Herrgott das Alles mit Einem Schlage vollführen kann, was viele Leute dort von dem bloßen Erscheinen Heckers erwarten, dann ist die weitere Beweisführung für seine Allmacht in dem Katechismus völlig überflüssig.
I Wie gesagt, Hecker ist in die neue Welt gezogen, um den fabelhaften Folgen der politischen Kannegießerei zu entgehen,
die er unter die Leute gebracht hat. Diese Flucht Heckers vor seinen Freunden ist sein eigentliches Märtyrthum, diese Flucht ist tragisch, die Flucht vor seinen Gegnern war es nicht. Der Fürst der Republikaner sucht Rettung vor der republikanischen Kannegießerei in den Urwäldern Nordamerikas!
Wie vor den Märztagen kein Mensch mit Politik sich befaßt hat, so treibt jetzt Jeder seinen politischen Dilettanis- muS. Die Regierungen dilettiren, die Kammern dilettiren, die Zeitungsschreiber und das Volk. Dagegen ist nichts $u sagen, denn man kann nicht auf den ersten Sprung ein Meister werden; wenn nur nicht die Anmaßli chkeit das Hauptkennzeichen des Dilettanismus wäre! Leute, die vor den Märztagen kaum etwas Anderes gelesen haben, als das Frankfurter Journal, sprechen jetzt mit einer Zuversicht über die verwickelt- sten politischen Fragen ab, als ob die größten Staatsmänner ihnen gegenüber Schulbuben wären. Ich möchte wohl einmal wissen, wie viel Dutzend Männer in ganz Deutschland sich ordentlich orientirt haben in der schwierigen schleswig-holsteinischen Frage. Es werden ihrer nicht Viele seyn, denn kaum gab es je dunklere und verworrenere Streitpunkte zu lösen, als sie hier vorliegen. Doch urtheilt Jeder frisch ab._ Ja Tausende unterschreiben Adressen gegen einen Waffenstillstand, den wir selber keineswegs billigen, aber von dessen eigentlicher politischen Bedeutung diese Tausende so viel verstehen, wie von einer alten phönizischen Inschrift. Und wenn nun nach dem Wunsch der Adresse schrei der ein Krieg, nämlich ein tüchtiger europäischer' Krieg, der sich gewaschen hat, hereinbricht, wie werden sie da sich wundern und ausrufen, so sey es nicht gemeint gewesen! Es geht da just, wie es unlängst in Wiesbaden mit dem „Veto" ging. Hunderte tobten gegen dieses mysteriöse Wort, das ihnen der ungefähre dunkle Inbegriff von allen Gräueln der Reaktion dünkte, und als sie sich ausgetobt hatten, fragten sie sich unter einander, was denn eigentlich das „Veto" sey und Keiner wollte cs dem Andern verrathen.
Allein nicht blos die Masse kannegießert; unsere Regierung z. B. hat es auch schon weidlich gethan. Da ist etwa ein Generalreskript wegen der Förster im März erlassen worden, weil die Regierung ganz nach Art der vulgären Kannegießeret einen öffentlichen Unsinn für die öffentliche Meinung genommen hat, und nun trägt sich's zu, daß dieser Tage einer unserer radikalsten Abgeordneten die Regierung um Rücknahme dieses Generalreskriptes ersuchte, weil es ihm sogar nunmehr doch etwas zu radikal erschien!
Durch einen ähnlichen Dilettantismus der Regierung wurde die große Klippe im Zehntgesetzentwurfe von ihr selber in das Gesetz gebracht, ich meine den Vorschlag einer Ablösung int löslichen Betrag. Man wagte nicht konsequent zu seyn, man dilettirte, machte hüben ein bischen Konzession und drüben ein bischen, und rannte sich so in ein arges Dilemma. Konsequenz und einen festen politischen Standpunkt haben bei der ganzen Zehntfrage nur 2 Abgeordnete behauptet: B l u in und Lang; im klebrigen ist durch die Bank gekannegießert worden.
Aehnlich ergeht es gar oft der Reichsversammlung in Frankfurt, ähnlich ist es dem Reichsministerium ergangen.
Was sollen wir aber thun, daß wir diese Kannegießere! los werden? - , ,
Wir sollen in die politische Schule gehen, in die Schule