Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 137» Donnerstag den 14 September 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fL, für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und KurfuritenthumS Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fL 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Taiisschen Verwaltungsgebietes « fl. 40 ft. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellcnberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
u e b c r s i ch r.
Zn Deutschlands nationaler Zukunft.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Alls de III Amt Hachenburg (Die Dillenburger Schmähschrift). — Frankfurt (Reichstag. Erklärung Rußlands zu Gunsten Oesterreichs). — Hannover (Hannover und Schleswig-Holstein). — Lüdeck (Die Fricdensverhandlnngen mit Dänemark sollen in London stattfinden). — Altona (Besondere Gnade des Königs von Dänemark. — Schleswig-Holstein (Die angebliche republikanische Bewegung im Lande). — Rendsburg (Der Reichstagsbeschluß). — Wien (Die ungarische Deputation. Der Kaiser nimmt sie nicht an. Die Vermittelungöbedingungen der vermittelnden Mächte. Entschluß Oesterreichs, keinen Gebietstheil abzutretcn).
**A« Deutschlands nationaler Zukunft.
Fünfter Artikel.
Von der Dill. Ich kann von dem s.g. Gewerbswesen, das ich im vorigen Artikel behandelte, nicht scheiden, ohne noch von den Beziehungen zu reden, die es zu der großen Industrie- thätigkeit (dem Manufakturwesen) hat, zu dem es den Ueber# gang bildet und mit dem es häufig verwechselt wird. Es ist nämlich unter den Theoretikern in neuerer Zeit viel davon geredet worden, daß der kleine Gewerbstand der großen Industrie erliegen und verschwinden müsse, da die Kraft des Einzelnen nicht im Stande sey, der Arbeitstheilung, Maschinen- und Kapitalkraft das Gleichgewicht zu halten. Diese Ansicht hat in gewissen einflußreichen Kreisen eine sehr schädliche Apathie für die Interessen des Gewerbewesens hervorgerufen. Man hat das kleinere Gewerbewesen als ein nicht zu haltendes Institut verschrieen und seinem Schicksale überlassen — ja es ist demselben von dem Polizeistaate oft auf empörende Art entgegengetreten worden, wie man z. B. daraus abnehmen kann, daß der ehrsame und nützliche Stand der wandernden Handwerksgesellen fast als ein geächteter angesehen wurde, der die größten Unbilden zu erdulden hatte; woraus cs denn auch leicht erklärlich ist, daß derselbe sich z. B. kommunistischen Bestrebungen zugewendet hat.
Nicht minder schädlich hat die Verwirrung in den herrschenden Begriffen von Konsumenten und Produzenten im Staate, aus denen ein getheiltes Interesse derselben in Bezug der nationalen Industrie mit aller Gewalt hergeleitet werden wollte, auf die nöthige Sorgfalt für Fortbildung und bessere Organisation des Gewerbewesens gewirkt; während es doch zur Förderung ihrer gegenseitigen Interessen, die in beständiger Wechselwirkung stehen, erforderlich ist, daß sie das ewige, sozialsittliche Gesetz des „Lebens und Leben l a ssens", daß die Grundlage alles menschlichen Verkehrs ist, unter sich zur Anerkennung und praktischen Geltung bringen.
Man kann sich kaum einen Begriff von der Kurzsichtigkeit machen, womit die tbeoretisirenden Staatskünstler die wichtigsten und lehrreichsten Momente geschichtlicher Ergebnisse übersehen. Nach ihnen sollte man fast glauben, unser Gewerbewesen sey gerade fc^ auf die Welt gekommen, wie es vor dem Eintritt der neuen Industrie-Epoche war — und während der ganzen Zeit des Mittelalters und der darauf folgenden Jahrhunderte sey nicht das Geringste zu seiner Vervollkommnung geschihen.
Der kleine Gewerbestand kann nach meiner Meinung durch
aus nicht streng von dem Manufakturwesen get ennt werden, denn sie fließen offenbar überall in einander über, wo daS kleine Gewerbe, durch Umstände begünstigt, seinen Wirkungskreis durch intellektuelle und materielle Mittel über das gewohnte Maß — ein Meister, Gesellen und Lehrlinge — erweitert. Die größere Industrie würde auch sogar dann, wenn sie ganz streng vom Handwerke geschieden wäre, diesem wohl im Einzelnen, aber nicht im Allgemeinen schaden können, da dieselbe immer mehr Elemente der Nahrung für den kleinen Gewcrbestanv erzeugt, wenn auch in anderen Formen als die bestandenen. Die Uhrmacher, Goldschmiede und andere Gewerbe z. B. sind fast gar nicht mehr in ihrem ursprünglichen Berufe beschäftigt, sie sind deßhalb doch nicht zu Grunde gegangen, sondern sie haben sich im Gegentheile sehr vermehrt, da die Uhren- und Bijouteriefabriken :c. eine solche Merlge von Gegenständen zur Reparatur liefern, daß der Untergang des ursprünglichen Gewerbes nicht einmal von einer empfindlichen Uebergangskrisis begleitet war. Der kleine Gewerbestand wird im ÄUgemeinen durch die große Industrie eher gefördert als zerstört werden, denn er wird — über Stadt und Land verbreitet •— nicht allein berufen bleiben, die neuen Gegenstände des täglichen Verbrauchs herzustellen , sondern auch die Produkte der Manufakturthätigkeit in brauchbarem Stande zu erhallen! — Dagegen ist es aber nicht zu vermeiden, daß auch gewisse Handwerke, wie Nagelschmiede rc. rc. von der großen Industrie ganz verschlungen werden oder durch den Wechsel der Mode verschwinden. Das ist für die Betreffenden traurig, aber nicht zu ändern, wenn überhaupt nicht jeder Fortschritt im Gewerbs- und Handelswesen unterbleiben soll.
Die große Industrie, wie wir sie unter den Fabrik- und Manufakturänstalten verstehen, die ich als hergebracht und der Kürze halber „das Manusakturwesen" (obschon dieses Wort die Sache sehr schlecht bezeichnet) nennen will, führt in ihrer großartigen Ausbildung zu ganz anderen Erscheinungen, wenn sie sich selbst überlassen bleibt und einen fruchtbaren Boden in ungemessenem Absätze findet. Es ist dieses auch ganz natürlich, denn dei dem Handwerke bilden sich nicht allein unter den Genossen eines Geschäfts Rücksichts-Verhältnisse, die nicht wohl überschritten werden können, und immer zwischen Arbeiter und Arbeitgeber einen großen moralischen Zusammenhang bedingen; sondern bei dem Handwerk ist die Theilung der Arbeit auch lange nicht in dem Maße durchführbar, wie bei der Manufaktur-Thätigkeit, wodurch bei Geschäftsstockungen ihm nicht sogleich alle Nahrung entzogen werden kann.
Die große Industrie ist überhaupt eine für das Staatswohl sehr gefährliche, wenn sie sich an gewissen Punkten zu sehr konzentrirt und auf einen ungewissen Absatz angewiesen ist. Sie führt, wie die Pest die Sittenlosigkeit und Armuth die Wurzeln des Proletariats in ihrem Gefolge, da das Kapital, unter dem diese Industrie allein stellt, es weder in seinem Interesse findet, noch es ihm möglich ist, den physischen und moralischen Mißständen mit Erfolg entgegenzuwirken, die aus der Zusammenhäufung der ohne allen Anhalt für das Familien- und Bürgerleben eristirenden Arbeiter, die ein beständiger Spielball des Zufalls sind und bei jeder Betriebs- Stockung von dem Kapital in Stich gelassen, dem etaatc anheim fallen, nothwendig entstehen müssen.
Unter den vorhandenen Umständen ist es aber nicht möglich, daß Deutschland auf Hebung des Manufakturwesens verzichte, wenn es sich nicht zugleich als eine Beute Englands, das eS dann bis auf den letzten Heller aussaugen wird, way-