Nassauische
Allgemeine Zeitung.
1SS Dienstag den 12 Septembev 1848*
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Uebersicht.
Denkschrift des linken Zentrums über die Waffenstillstandsfrage.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag. — Mainz (Freilassung. Die Auftritte zwischen den preußischen Soldaten und den Bürgern). — Frankfurt (Dahlmann bringt kein Ministerium zu Stande; Herrmann damit beauftragt). — Aus der Pfalz (Die Aerndte). — Stuttgart (Die Vereine in Würtemberg). — Berlin (Die Abstimmung in der Nationalversammlung. Die Bürgerwehr). — Görlitz (Landtag). — Wien (Abschlägliche Antwort des Kaisers an die ungarischen Minister. Massendeputation vom ungarischen Reichstag mit peremptorischen Forderungen).— Schleswig-Holstein (Die Truppenbewegung. Die Gefangenen).
Schweiz. (Widersprechende Meldung).
Ungarn. Ösen (Koffuth schlägt einen Staatsstreich und eventuelle Trennung vom Kaiserstaat vor).
Italien. Venedig (Traurige Lage der Stadt).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Denkschrift -es linken Zentrums über die Waffenstillstandsfrage.
, , Dom linken Zentrum der deutschen Reichsversammlung ist die nachfolgende Denkschrift ausgegangen, deren Inhalt um so wichtiger seyn dürfte, da sie zugleich als eine Art Pro- nunziaments des erwarteten Ministeriums erscheinen mag.
Die Nationalversammlung hat in ihrer Sitzung vom 5. d.
: beschlossen, daß die zur Ausführung des mit Dänemark abgeschlossenen Waffenstillstandes nöthigen militärischen und andern
( Maßregeln bis zur erfolgten Entscheidung über den Waffenstillstand selbst im Anstand gelassen werden. Je gewisser dieser Beschluß von der reaktionären Partei als eine Verletzung Preußens dargestellt werden wird, und je leichter solche Darstellungen da, wo die Fortsetzung des Krieges mit Dänemark große materielle Nachtheile herbeiführen würde, Eingang finden konnten, um so angemessener wird es seyn, jenen Beschluß einer
I genaueren Prüfung zu unterwerfen.
! Nach dem Gesetze über die Gründung der provisorischen Zentralgewalt, welches die Nationalversammlung kraft der ihr von der deutschen Nation übertragenen Machtvollkommenheit erlassen hat, und welches sämmtliche deutsche Regierungen überdies ausdrücklich anerkannt haben, entscheidet über Krieg und Frieden in Deutschland, sowie über Verträge mit auswärtigen Mächten die provisorische Zentralgewalt im Einver- ständniß mit der Nationalversammlung. Hienach darf keine deutsche Regierung für sich Frieden in Deutschland schließen, und ein von der provisorischen Zentralgewalt geschloffener Frieden ist nur gültig, wenn die Nationalversammlung sich damit
; einverstanden erklärt hat. Soll die Einheit Deutschlands, welche, wie Heinrich v. Gagern bei dem Kölner Dombaufeste io kräftig und wahr sich ausdrückte, das ganze deutsche Volk erwartet und nicht mehr entbehren kann, soll die Einheit Deutschlands eine Wahrheit werden, so muß die Zentralgewalt, w muß die Nationalversammlung mit eifersüchtiger Strenge darüber wachen, daß ihre Befugnisse nicht blos mit Worten, londcrn auch durch die That anerkannt werden; nur dann
! . Y das deutsche Volk Achtung und Vertrauen zu ihnen be-
! wahren, nur dann werden sie den Widerstand des Patikularis-
mus mit Erfolg zu besiegen im Stande seyn. Wem für die Einheit unseres großen Vaterlandes ein warmes Herz in der Brust schlägt — und wir wissen es, daß der überwiegende Theil des preußischen Volkes auch hinsichtlich seiner deutschen Gesinnung den übrigen Volksstämmen mit gutem Beispiele voranleuchtet, wer in der unbeschränkten Anerkennung der Nationalversammlung, und in ihr allein die Bürgschaft einer schönen Zukunft Deutschlands erblickt, den muß die Art des Zustandekommens des Waffenstillstandes, dessen Sistirung die Nationalversammlung beschlossen hat, mit Kummer und Betrübniß erfüllen. Dänemark hat Deutschland gehöhnt, und die preußische Regierung, sowie die Zentralgewalt, haben sich den Hohn gefallen lassen; die preußische Regierung, hat sich gegen die Zentralgewalt aufgelehnt, und beide zusammen haben ver Nationalversammlung Trotz geboten. Diese Vorwürfe sind hart, aber — wir können es leider nicht in Abrede ziehen, sie sind begründet. Dänemark, eine Macht von nicht zwei Millionen, weigert sich, die Zcntralgewalt, geschaffen von der deutschen Nation, begrüßt von sämmtlichen deutschen Regierungen, anzuerkennen und mit ihr zu unterhandeln. Deutschland, daS Land von 45 Millionen, welches laut verkündet hatte, dem schmachvollen, erniedrigenden Zustande, in den es die ehrlose Politik des Bundestags und der einzelnen deutschen Regierungen gebracht hatte, sich zu entreißen, die deutsche Zentralgewalt und im Einverständniß mit ihr die mächtigste Einzelregierung Deutschlands — die preußische — beugen sich vor dem winzigen Dänemark und gehen auf Unterhandlungen ein, ohne auf der vorgängigen Anerkennung der Zentralgewalt zu bestehen; in dem ersten Falle, wo Deutschland als ein einiges und kräftiges, als eine europäische Macht auftreten soll, wo seine Lenker an den Tag legen sollen, daß sie nicht blos zu reden, sondern auch zu handeln wissen, lassen sie sich von Dänemark Hohn sprechen! Und die preußische Regierung, welche durch Anerkennung des Gesetzes über die Gründung der provisorischen Zentralgewalt ausgesprochen hat, daß die Entscheidung über Krieg und Frieden fortan nur der Reichsgewalt und der Nationalversammlung zustehen solle: sie vergißt sich so weit, im eigenen Namen einen einem provisorischen Frieden gleichstehenden Waffenstillstand abzuschließen, sie schließt zugleich als Bevollmächtigte der Zentralgewalt diesen Waffenstillstand (und zwar im Namen des gar nicht mehr bestehenden deutschen Bundes) auf wesentlich andere Bedingungen ab, als letztere vorgeschrieben hat, ja sie vollzieht den Waffenstillstand, zu dessen Abschluß in dieser Weise sie überall keinen Auftrag hatte, ohne zuvor die Genehmigung der Zentralgewalt abzuwarten. Und die Zentralgewalt, sie hat der preußischen Regierung auf gewisse Bedingungen hin die definitive Abschließung eines Waffenstillstandes anvertraut, ohne das durch das Gesetz der Nationalversammlung gewährleistete Zustimmungsrecht zu wahren; sie muthet der Nationalversammlung zu, stillschweigend zuzusehen, wie ihre Stellung von der preußischen Regierung und der Zentralgewalt selbst mißachtet wird. Und wen vertritt die also gehöhnte, in ihrer Eristenz und in ihrer Ehre angegriffene Nationalversammlung? Wen anders als das gestimmte deutsche Volk? Und das preußische Volk, dessen höchster Stolz die Ehre ist, das Hannöver'sche Volk und alle die deutschen Volksstämme, welche zunächst unter dem Kriege leiden, sie sollten die Erhaltung ihrer Ehre nicht höher schätzen als materielle Vortheile? Mit welcher Stirne hätte die Nationalversammlung hintreten können vor die deutsche Nation, welche ihr die Schaffung eines einigen, freien und mächtigen Deutschlands