Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
^M 152. Freitag den 8. September 183=8.
Freitag-Abend (Schluß.)
Lea, Lea, warum so viel Schönheit, so viel Geist mit dem Verbrechen gepaart! Warum mußten wir uns finden, als es zu spät war, als wir Beide nicht mehr Herren unser selbst waren!
Verlassen Sie mich, Wilhelm, ich kann Ihren Anblick jetzt nicht mehr ertragen. Nicht eine Mörderin bin ich nur, auch eine Thörin muß ich mich schelten. Wie konnte ich mir vorspiegeln, daß ein Mord mich in Ihre Arme führen würde, daß ich nur eine Stunde mit dem Manne von so edlem Wesen leben könne, ohne vor ihm in den Staub zu fallen und zu jammern: Wehe mir, ich bin eine Mörderin! —
Es gibt Arbeiten, wo der, welcher sie verrichtet, jenem Todtengräber gleicht, der an seinem eigenen Grabe gräbt. Eine solche Arbeit war für Wilhelm die Vertheidigung Lews. Er bot seinen ganzen Scharfsinn auf, um Milderung für ihren Mord aufzufinden, er feilte und feilte an der Darstellung, er muhte sich viele Stunden lang an einzelnen Sätzen ab, um durch eine gewandte und glänzende Redeweise die Richter zu gewinnen. Und doch fühlte er, wie vergeblich diese Arbeit sey. Die Thatsache des Mordes stand durch das eigene Geständniß der Unglücklichen, durch das Ergebniß der Leichenöffnung, durch das Zeugniß des Apothekers unumstößlich fest. Und wenn er sie auch vor dem Scharfrichter rettete — war nicht ewiges Gefängniß schlimmere Pein? und schnitt die Reue, die endlose, unermüdliche Reue nicht schärfer in ihrer Seele, als das Richtschwert in ihren schönen Körper?
Als Wilhelm endlich mit seiner Vertheidigung fertig war, erhielt er von dem Gerichte wieder die Erlaubniß , Lea ohne Zeugen sprechen zu dürfen. Sie aber wollte nichts von ihrer Vertheidigung hören, nur um ihn zu sehen, um ihn einige Male ohne Zeugen sprechen zu könnens habe sie sich von ihm vertheidigen lassen. Und wenn die Thür dieses Gefängnisses offen wäre, rief sie in Thränen, und wenn mein Gold oder Ihr Mitleid die Wächter bestochen hätte, daß sie mich entfliehen ließen, was würde mir die Flucht helfen? Wenn ich dann
zu Ihnen käme und spräche: Wilhelm, ich bin frei, fort von hier, laß uns jetzt in fremde Länder wandern! — würden Sie nicht scheu von mir zurück weichen?
Er weinte laut, aber er vermochte nicht, ihr zu antworten.
Wilhelm, dieses Schweigen ist mein Todesurtheil. Ich muß sterben, aber ich will auch sterben.
Das Kriminalgericht hatte indessen auf Todesstrafe durch Enthauptung erkannt. In einer Sitzung des Senats wurde berathen, ob das Urtheil, welches das Gericht erlassen, zu bestätigen sey, oder ob eine mildere als die Todesstrafe cintre- ten dürfe.
Die Vertheidigung des Doktor Helfert war allgemein gerühmt: was die Kunst des Anwaltes vermochte, war hier erreicht; doch lag das Verbrechen zu schrecklich da, doch war, wo es sich um einen heimtückischen Mord an dem Gatten handelte, eine Milderung der /Strafe unmöglich. Einstimmig bestätigte der Senat den Spruch des Gerichtes.
Der Vater brachte diese Nachricht aus der Sitzung des Senats in das Arbeitszimmer seines Sohnes. Er fand ihn auffallend bleich. Die lange und schwierige Arbeit an der Vertheidigung, glaubte er, habe Wilhelm so sehr erschöpft. Das Urtheil des Gerichtes, erzählte er, habe vom Senate allerdings bestätigt werden müssen, aber allgemein sey das Lob der Herren vom Rathe über die Vertheidigung gewesen. Wäre eine Milderung der Strafe irgend möglich gewesen, deine vortreffliche Arbeit hätte sie bewirkt. Aber das hat sich doch bewirkt, daß alle meine Kollegen, nicht um mir zu schmeicheln, sondern aus wahrer Ueberzeugung, dich für den besten Kopf unter allen unseren jungen Juristen erklärt haben. Du bist auf dem Wege, schnell fortzukommen.
Ja, fort muß ich, mein Vater! Wenn du mich je geliebt hast, so gib mir meinen Segen und lasse mich fort aus dieser Stadt, aus Deutschland, ehe die fürchterlichste Stunde schlägt. — Und er erzählte dem erstaunten Vater, wie Lea durch Liebe zu ihm zu dem Morde getrieben worden sey.
Dann weiß ich, daß dich das Leben hier, daß es dich, wo dich deutsche Sprache an die Heimat mahnt, Tag für Tag,