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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 1^9» Dienstag den S September L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthum- Hessen, der Laudgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Kirche, Staat und Schule.

Deutschland. Biebrich (Brand.) Vom Fuße des Westerwalds (Die Aerzte).Frankfurt (Die Leitartikel der Oberpostamtszeitung). Köln (Die Verhaftung Freiligraths). Mannheim (Freisprechung Grohe's). Stuttgart (Dingelstädt). Breslau (Ruhestörungen).

Wismar (Die Unterhandlungen mit Dänemark). Hamburg (Die Waffcnstillstandsbedingungen. Mißmuth über den Waffenstillstand in den Herzogthümern). Altona (Gereizte Stimmung). Flensburg (Aufhebung eines nassauischen Vorpostens). Wien (Die italienische Angelegenheit. Trübe Stimmung). Von der russischen Gränze (Annäherung russischer Truppen und Gründe dafür). Triest (Die Cholera in Konstantinopel, Kleinasien und Griechenland).

Frankreich. Paris (Der schwedische Gesandte. Angebliche Truppen­einschiffung zu Gunsten Venedigs. Die Unruhen in Montpellier. Ver­mischtes).

Ungarn. Pesth (Wiedervereinigung des ungarischen Kriegsmiuisterittms mit dem österreichischen).

Italien. Livorno (Ruhestörungen).

Spanien. Madrid (Anzeichen eines republikanischen Handstreichs. Der Aufstand "auf Cuba).

Sprechsaal für Stadt und Land.

** KirHe, Staat und Schale.*)

Von der Dill. Dieses interessante Kleeblatt wird zwar in allen Tageblättern und in unzähligen Schriften fast bis zum Ueberdruß behandelt; es ist aber so wichtig vielseitig und ergiebig, daß ich dem Drange nicht wiederstehen kann, dasselbe in einigen Punkten zu besprechen. Bei der Kirche findet in der Regel ein arger Mißgriff statt, indem man die Diener derselben, die Geistlichkeit damit verwechselt, die durch eine Reihe von Streitigkeiten die sie mit der neueren Philoso­phie zu bestehen hatte, nun einmal mißbeliebig geworden und bei dem s. g. aufgeklärten Theil der deutschen Nation als das größte Hemmniß für die freie politische und soziale Entwicklung Deutschlands angesehen wird. Diese Anschauungsweise ist aber durchaus falsch, denn die Geistlichkeit ist weder die Kirche, noch steht dieselbe den Interessen der Nation entgegen, wenn sie der Staat aus den richtigen Standpunkt zu stellen versteht. Wenn aber der Staat, wie schon seit langer Zeit geschah, die Kirche blos als ein altes Herkommen duldete, und sein eigenes Interesse nur zu wahren sucht, während er das der Kirche preis gibt, das doch dieselbe Berechtigung hat: dann ist es nicht zu verwundern, wenn sich eine leichtfertige materielle Philosophie bildet, die im Wege der Negation alles Christen­thum über Bord wirft und sich nur allein an diese Welt an# klammert. Der Kirche muß vom Staate ein höherer Beruf eingeräumt werden, als der, die Menge einem gewissen Regie- rungs-Prinzipe mit geistigen Mitteln unterwürfig zu erhalten 77 und die Religion muß von demselben nicht blos dazu für gut gefunden werden, um damit Politik zu machen.

Ebenso wie die Kirche im Mittelalter ihren naturgemäßen Wirkungskreis überschritten hat und dadurch der weltlichen Macht zur Beute wurde; ebenso ist jetzt der Staat an einen Wendepunkt gelangt, wo er sehr leicht wieder unter die Bot­mäßigkeit der Kirche kommen kann. Denn die Verschlingungen und Lösungen der wichtigsten Fragen in dem,Leben der Völker,

*) Obgleich manche in diesem Aufsatz ausgesprochenen Ansichten. den nusrigen schnurstracks entgegenlaufen, so glauben wir doch im In­teresse einer allseitigen Prüfung des Gegenstandes dieselben unverkürzt' »littheilcn zu müssen. ' Die Red.

liegen sich oft wunderbar Inahe und den größten Gebrechen folgt nicht selten das Heilmittel auf dem Fuße nach, wenn eS die Völker nur zu deuten und anzuwenden verstehen.

Wer kann leugnen, daß das deutsche Volk ein christliches ist und daß es ein christliches bleiben muß, wenn es nicht zu Grunde gehen will? Wäre es kein christliches, dann wäre es eben das Volk nicht, daß es wirklich ist und. daß es christlich bleiben muß, geht einfach daraus hervor, daß seine wichtigsten, heiligsten Institutionen: die Ehe, das Familienleben und all die andern rechtlichen und sittlichen Anstalten die das Wesen der zivilisirten Staaten ausmachen, im Christenthume wurzeln, der ihnen demnach die Vorzüge verleiht, die man unter Zivilisa­tion begreift, und .die allein nur im Stande sind, ein Volk wahrhaft und auf die Dauer glücklich zu machen.

Es wird z. B. so viel von Emanzipation der Juden ge­sprochen. Die Juden aber, die wirklich bei uns emanzipirt werden, sind keine Juden mehr, sondern dem Wesen nach Christen und die, welche es nicht sind, bleiben unter uns Fremde, wenn sie auch hundertmal emanzipirt würden.

Es kann deßhalb von einer Trennung des Staates von der Luche nicht nie Rede seyn ; denn entweder würde dann der Staat sich in eine Kirche oder was dasselbe in seinen Fol­gen wäre, die Kirche in einen Staat verwandeln: während es sicher am Heilsamsten ist, wenn sie in inniger lebensthätiger Berührung neben einander herschreiten. Das ewige Bedürfniß bevölkerter Staaten nach Entwicklung ihrer nationalen Inte­ressen, führt das Bedürfniß einer höheren Gesittung, die ohne Religion nicht gedacht werden kann, in ihrem unmittelbaren Gefolge und es wäre viel besser, wenn der Staat dem Träger dieser Gesittung der Kirche und ihren Dienern die naturge­mäße Berechtigung einräumte, die sie mit Recht beanspruchen können, als daß er dieselben einer mißverstandenen Gewissenö- sreiheit Preis gibt und sie dadurch auf Abwege drängt, auf denen sie sich den Interessen des Staats entziehen und nur aus ihren einseitigen Vortheil Bedacht nehmen.

Man kann sich kaum etwas Lächerlicheres und Läppi­scheres denken, als das Wüthen einer Philosophie gegen die christliche Kirche, deren Diener und die christliche Religion selbst, deren unverwüstliche Kraft sich in schlimmeren Zeiten bewährt hat, als die jetzigen sind.

Ein vernünftiger Mensch kann nicht wohl glauben, daß diese Kraft blos in dem Priesterthum wohne und daß man mit demselben auch die Kirche und Religion zerstören könne. Die Geschichte lehrt im Gegentheile (und so muß es auch ver­möge des göttlichen Funkens in der Menschennatur seyn), daß in Zeiten argen Verfalls der Religion und Sittlichkeit, die immer auch die größten materiellen oder sozialen Gebrechen in ihrer Begleitung hatten, mit der Heilung dieser auch ein frisches Bestreben verbunden war, die religiösen und sittlichen Zustände zu regeneriren.

Die Trennung der Schule von der Kirche hat fast eine noch tiefere Bedeutung, als die der letzteren von dem Staate, denn sie bedingt eine vollständige Umgestaltung unseres Erzie- Hungöwesens. Unser ganzes Schulwesen wird dann einen Verlauf nehmen müssen, wie ihn unsere Gelehrtenschulen, die sich in einer ähnlichen Krisis von der Kirche, ihrer Stifterin, trennten, genommen haben. Es wird dann bald das Volk, dessen religiöses Bedürfniß ein ewiges ist, das aber nur in der Erziehung durch eine kirchliche Schule Befriedigung finden kann, wenig mehr berühren, und die Kirche wird, vermöge ihrer un­verwüstlichen Produktivität, die ihr nicht genommen werden