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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N LL6 Freitag den L September 18L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kursurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserats werden die dreispaltige Petit;eile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenbergsschen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Gespensterturnier des Abg. Raht.

Zu Deutschlands nationaler Zukunft.

Deutschland. Kassel (Wippermann Finanzminister). Dresden (Die deutsche Anwaltversammlung). Nord hausen (Die Freie Ge­meinde). Berlin (Verhaftungen und Haussuchungen. Das Aufruhr- gesetz. Die Cholera). Altona (Theilung Schleswigs). Rends­burg (Der Waffenstillstand), AuS dem Sundcwitt (Parade der deutschen Truppen, darunter der nassauischen Bataillone). Aus Nord­schleswig (Die Lage des Heeres). Wien (Amnestie. Die Gefal­lenen. Neue Truppenverstärkung nach Italien), Triest (Radetzky an den Admiral Albini).

Italien. Padua (Einschiffung der Piemontesen).

f* Gefpensterturnier des Abff Raht.

Wiesbaden, 30. Aug. Endlich hat unsere Ständeversamm- Iwg in ihr^r gestrigen Sitzung einen Beschluß gefaßt, wodurch der Fortbestand des hiesigen Theaters als gesichert gelten kann, und auf dessen Grund es möglich seyn wird, von Neuem Kontrakte abzuschließen. Unsre Stadt muß sich deßhalb zum größten Danke namentlich gegen die Abgeordneten verpflichtet fühlen, welche den Muth hatten, theils aus Billigkeits- und Gerechtigkeitsgefühl für die Stadt Wiesbaden, theils im Jn- tereffe der Wissenschaft und Kunst für die Erhaltung des Theaters zu stimmen, während sie sich keine Täuschung darüber machen konnten, daß sie dadurch bei einem großen Theile ihrer Kommittenten, welche von der Ständeversammlung nichts anderes als Befriedigung ihrer eignen materiellen Inte­ressen erwarten, theilweise auch wohl gar aus niedriger Scha­denfreude den Ruin von Wiesbaden gern gesehen hätten, eine nicht geringe Mißstimmung gegen sich Hervorrufen würden.

Welches Urtheil soll man sich nun, diesen muthigen Männern gegenüber, über den Abgeordneten Raht bilden?

Auf seinen Antrag wurde am Montag den 28. L M. eine außerordentliche allgemeine Auöschußsitzung zur Be­rathung über die der Ständeversammlung in Folge angeb­licher Beschlüsse einer Volksversammlung angeblich dro­henden Gefahren abgehalten.

Daß Sie Furcht vor diesen Gefahren nur in dem Gehirn des Abgeordneten Raht gespukt, konnte man schon daraus entnehmen, daß die Abgeordneten sich säumig und keines­wegs vollzählig zu dieser Ausschußsitzung zusammen fanden, auch das Sitzungslokal theilweise vor Eröffnung der Verhand­lungen wieder verließen, sowie daß die Physiognomien sämmt­licher Abgeordneten sowohl, (versteht sich mit Ausnahme des Herrn Raht und eines Zweiten) als auch die vorläufige Be­sprechung und beginnende Berathung eine äußerst heitere war.

Obgleich nun aus der ausführlichen Relation des Abge­ordneten Keim, die durch Wenckenbach I. als in jeder Beziehung richtig bestätigt wurde, sich die vollste Gewiß­heit ergab, daß in der am letzten Samstage dahier abgehal­tenen Volksversammlung, wobei die genannten 2 Abgeordne- ten zugegen gewesen, überhaupt kein Beschluß gefaßt, sondern nur von einem der darin aufgetretenen Redner die Ansicht ausgesprochen worden sey, daß sich möglichst viele Wiesbadener Einwohner in die nächste öffentliche Sitzung be­

geben möchten, um der Ständeversammlung dadurch den augen­scheinlichen Beweis zu liefern, wie allgemein das Inte­resse für die Theaterangelegenheit sey; daß ferner von Bedrohung mit Gewaltthätigkeiten auch nicht die lei­seste Andeutung in jener Volksversammlung zu vernehmen gewesen sey; so waren alle diese Mittheilungen doch keineswegs genügend, um das Heldenherz des Kämpfers bei Waterloo zu beruhigen. Herr Raht bestrebte sich vielmehr in einem äußerst eifrigen, von dem heftigsten Geberdenspiel z. B. Faustschlägen auf den Tisch, daß die Tintenfässer Gefahr liefen, begleiteten Vortrage die Kammer zu überzeugen-, daß die (nicht gefaßten!) Beschlüsse jener Volksversamnüung'^ètwas ganz Unerh örtes noch in keinem Lande Vorgekommenes enthielten, daß sich sogar Mitglieder des hiesigen Stadtrathes und Stadt­vorstandes dabei betheiligt hätten, daher solche auch nur als ein von der ganzen Stadt ausgehendes Attentat, gegen welches auch von der Regierung kein Schutz zu erwarten sey, angese­hen werden müßten, und daß es deßhalb nothwendig sey, die Ständeversammlung sofort aus der Stadt Wies­baden in einen andern Ort des Landes zu verle­gen (Man höre!!) oder wenigstens die Theater frage aus der Tagesordnung für die nächste Sitzung zu streichen. Wenn diese seine Anträge von der Versammlung nicht angenommen würden, so könne er, Herr Raht, in jener Sitzung nicht erscheinen (welcher Verlust!) werde aber Pro- teftationen ins Land schleudern, worin er alle unter einem solchen Drucke (Hört, Hört!) zu Stande gekommenen Beschlüsse für null und nichtig erkläre!

Der Erfolg dieser Philippika war nun zum Unglück für Herrn Raht kein anderer, als daß derselbe von den Wies­badener Abgeordneten und dem Regierungskommissär wegen seiner Verdächtigung von Stadt und Regierung derb zu­rechtgewiesen und von allen übrigen anwesenden Abgeordneten die Erklärung abgegeben wurde) daß sie in den hiesigen Vor­gängen und namentlich in der Volksversammlung im Schützen­hofe durchaus nichts Ungesetzliches erblicken könnten, von dem durch Hrn. Raht erwähnten Drucke überall nichts verspürten und es für eine Ehrenpflicht sowohl der Kammer im Ganzen, als auch jedes einzelnen Abgeordneten hielten, etwaigen Un­gehörigkeiten des Publikums mit den vorhandenen und voll­kommen ausreichenden gesetzlichen Mitteln und dem Muthe eines guten Gewissens entgegen zu Wen.

Hr. Raht suchte nun noch die Kammer zu überzeugen, wie er persönlich in der größten Gefahr schwebe, fand aber auch dafür kein geneigtes Ohr, vielmehr wurde ihm von einem der Abgeordneten als ein probates Mittel gegen ihn etwa bevorstehende Katzenmusiken empfohlen, er möge dann mitpfeifen und miauen!

Einen Beschluß zu fassen, konnte die Kammer natürlich sich nicht veranlaßt finden, und die Abgeordneten gingen unter Lachen und Achselzucken, mehr auch unter Murren über den nutzlos vergeudeten Vormittag auseinander.

Um nun als ächter Don Quirote sein Gespensterturnier fortzusetzen, erschien zwar Hr. Raht mit nicht geringer Todes­verachtung in jener halsbrechenben Sitzung (ungeachtet er, wie bemerkt, TagS zuvor seinen gegenteiligen Entschluß sehr be­stimmt erklärt hatte), verwahrte sich aber alsbald gegen die Rechtsgültigkeit eines Beschlußes, wenn von Seiten der Galle- rie irgendwie Demonstrationen gemacht würden.

Die Gallerie benahm sich denn auch musterhaft, waS na­türlich, mit Ausnahme veö Hrn. Raht, Jedermann vorauSge-