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Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

^. 143, Dienstag den 29, August 1848,

Uebersicht.

Die Vorgänge in Wien.

Deutschland. Frankfurt (Reichstag). Berlin (Verhaftungen).

Altona (Fvedensausfichten. Die Flensburger Schiffsbesitzer).

Ungarn. Pesth (Sieg der Ungarn).

Frankreich. Paris (Verhandlungen der Nationalversammlung. Ver­

haftung L. Blanc's und Caussidieres).

Sprechsaal für Stadt und Land.

Die Vorgänge in Wien.

Wien, 23. August. (D. Z.) Eine Errungenschaft Wien's sind die ungebändigten Arbeiter mit einem Arbeiterministerium. Die Ursache des vorgestrigen Tumultes war die Herabsetzung der Löhnungen der Weiber und jungen Leute unter 15 Jahren. Erstere bezogen bisher 20 Kreuzer K.-M., Letztere 15 Kreuzer K.-M. Die Löhnung wurde für beide Theile um 5 Kreuzer vermindert. Dies geschah ohne frühere Bekanntgabe, ohne Vorbereitung, wodurch die Erbitterung entstand, welche zu dem spätern Blutvergießen führte. Am 21. des Morgens wurde die Löhnung ausbezahlt; gegen 11 Uhr lief in der Stadt das Gerücht umher, die Arbeiter beabsichtigten einen Krawall. Nach 1 Uhr zogen sie vor den Gemeindeausschuß auf den hohen Markt und verlangten den alten Sold. Sicherheitswachen, welche den Polizeidlenst von den aufgelösten Polizisten über­nommen haben, wollten die Arbeiter zerstreuen, waren aber viel zu schwach und mußten sich flüchten. Auch die National- gardeabtheilungen reichten nicht aus.

Da die Arbeiter vom Sicherheitsausschusse Nichts erreich­ten, zogen sie auf den Hof (ein großer Platz vor dem Kriegs- Ministerium und bürgerlichen Zeughause). Ihre Zahl war immer größer geworden, die Haltung gefährlicher, Eine Kom-. pagnie Militär" rückte mit schars^gelafieneii Gewehren vor das Zeughaus, zu dessen und einer bedrängten Nationalgardeab- theilung Schutz. Das Militär blieb ruhig, aber imponirte. Die Sicherheitswachen hatten die berittene Abtheilung und Nationalgardekompagnien als Verstärkung erhalten und griffen nun die Masse an. Gleich anfänglich wurde eine berittene Sicherheitswache durch einen Steinwurf getödtet, welchen ein kolossaler Arbeiter geschleudert hatte. Die Arbeiter hatten nur Stöcke und konnten sich damit schlecht vertheidigen. Steine vom Straßenpflaster wurden als Wurfgeschosse benutzt. End­lich mußten die Arbeiter weichen. Gegen 30 Verwundete, worunter 2 schwer und 1 Getödteter, dann bei 40 Arretirte sind das Ergebniß des Straßengefechtes. Nachdem dies vor­über war, trommelte die Nationalgarde fort und fort Alarm, was sehr überflüssig, ja gefährlich war, denn die Wiener wur­den ängstlich, das Aergste erwartend, und die Gassen füllten sich mit Menschen, welche vergebens einen Ausweg aus den überall gesperrten Kommunikationen suchten.

Die Unruhe dauerte bis spät Abends, starke Pikets zogen in der Nacht zur Sicherheit auf und ab. Ein Plakat des Arbeitsministers erschien denselben Nachmittag, versichernd, von dem herabgesetzten Lohne nicht abzugehen. Der Sicher­heitsausschuß ersuchte die Bürger in einem andern Plakate zu Hause zu bleiben. Vor einigen Tagen las man auf einem Maueranschlage die Einladung zu einem Arbeiterparlament. Wozu? fragten sich die Vernünftigen. Wir haben ja einen Arbeitsminister. Man macht aber diesem Minister den Vor­wurf, daß er zu sehr schweige, die Presse nicht zur Aufklärung feiner Amtshandlungen benütze; nie wäre dieser Tumult so überraschend geworden, wenn vor acht Tagen der Minister die Anzeige gemacht hätte, daß er aus diesen und jenen Rücksich­ten gezwungen sey, den Lohn zu schmälern, wobei die gefalle­nen Brodpreise und wohlfeileren Lebensmittel als billige Aus­gleichung erwähnt werden konnten. Das geschah nicht. So auch hören wir von der Verwaltung dieses öffentlichen Arbei- terinstitutes Nichts. Keine Ausweise über die Bauobjekte, die dabei beschäftigte Arbeiterzahl, Zweck deS Baues, Monatsbi­lanzen, von alldem wird Nichts kundgegeben. Versteht man den Nutzen der Presse nicht, oder will man ihn nicht verstehen?

Die übrigen Ministerien sind ebenfalls zu stumm. Der Kriegs­minister publizirt keine Armeebefehle durch Zeitungen, höchstens das magere Bulletin eines theuer erkauften Sieges. Italien ist jetzt so weit von uns, wie die Marquesas, man hört Nichts von daher. Es soll die Arrieregarde des Bologna verlassenden Korps vom Feldm. Weiden bedeutend gelitten haben. Ein be­kannter Stabsoffizier und Hauptmann sind unter den Gefalle­nen. Jellachich soll nach Dalmatien gereist seyn. Seine Ab­sicht dies Land auch aufzuwiegeln und für seine Zwecke zu ge­winnen , wird ihm gewiß gelingen; denn er kennt Dalmatien genau und ist dort mit seinem einstigen Kommandirenden Li­lienberg in gutem Andenken. Sein Talent, sich populär zu machen, kommt ihm dort trefflich zu Statten.

Um 4V2 Uhr Nachmittags, den 23. Aug. Vor einer Stunde gabs ein neues Gemetzel. In der Allee des Praters wurden zwei Sicherheitswachen von den Arbeitern angegriffen und schwer verwundet. Die berittene Nationalgarde aus der Jägerzeile und Leopoldstadt rückte aus und hieb ein. Die Na­tionalgarde zu Fuß griff mit gefälltem Bajonnette an. Zwei Wagen Verwundete wurden in's Spital gebracht. Der Sturm geht fort. Gegen 200 Blessirte soll es geben. Auch Dechar- gen sollen abgefeuert sein.

Deutschland.

Frankfurt, 28. August, 3% Uhr Nachm. (67. Reichs­tagssitzung.) Von verschiedenen Ausschüssen wird Uebergabe von Berichten zum Drucke angezeigt. Hierauf wird zur spe­ziellen Diskussion über 8. 13 der Grundrechte geschritten. Nach Schluß der Debatte wird über die 88. 1113 ab gestimmt. Die 88. lauten nach der angenommenen Fassung:

8. 11. Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewis- zeugung zu offenbaren oder sich irgend eurer religiösen Ge­nossenschaft anzuschließen.

8. 12. Jeder Deutsche ist unbeschränkt in der gemern- samen häuslichen und öffentlichen Uebung seiner Religion. Verbrechen und Vergehen, welche bei Ausübung dieser Frei­heit begangen werden, sind nach dem Gesetze zu bestrafen.

8. 13. Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasielbe keinen Abbruch thun.

Die bedauerlichen Vorfälle in Berlin am Abende des 21. d. M. haben eine Menge Verhaftungen zur Folge gehabt. Es sind überhaupt 58 Personen zum Arrest gebracht, von denen 46 in den Kriminalarrest übergesetzt worden sind. Die Verhafteten gehören sämmtlich dem Stande der Handwerks und Arbeiter an. Die Mehrzahl von ihnen befindet fid), noch in sehr jugendlichem Alter, einige derselben sind bereits bestraft. So viel amtlich konstatirt, sind überhaupt 17 Schutzmänner an jenem Abende mehr oder minder erheblich verletzt worden; nur Einer derselben liegt an einer Kopfwunde gefährlich dar­nieder, und sein Aufkommen steht noch in Frage. Auch von der Bürgerwehr sind einige Personen, jedoch nur lelcht verletzt.

Altona, 25. August. (O.-P.-A.-Z.) Das Gerücht, nach dem die Feindseligkeiten wieder beginnen sollten, hat sich als grundlos herausgestellt; die Veranlassung zu demselben gaben die fortwährenden Truppenbewegungen in den Herzogthümern, veranlaßt durch den Zuzug aus dem Süden. Die Truppen aus Sachsen-Weimar, Nassau und Frankfurt, welche bisher in Flensburg stationirt waren, sind nordwärts gezogen z gegen­wärtig liegen dort Hannoveraner in Garnison. Die Flens­burger Schiffer haben sich geweigert, von ihren Schiffen das dänische BrandmalDansk Eienvom" vertilgen und denselben das schleswig holsteinische Wappen einbrennen zu lassen. Diese Weigerung geschieht weniger aus Mangel an Patriotismus, als aus der vermeintlichen Furcht, ihre Schiffe wurden dann unter den obwaltenden Umständen auf den Gewässern keine Sicherheit finden.