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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M 138. Mittwoch de« 23. August 1848.

Die Nass. Atlg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr.Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Allgemeinheit und die Besonderheiten.

Wer ist zu mediatisiren?

Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Die Namen der Abstimine»- den bei dem Zehntgcsctz). Hadamar (Gegen das Zehntablö- sungSgesetz). Frankfurt (ReichstagsstKung). Berlin (Die Cholera. Vermischtes). Posen (Aufstand in Warschau.) Ham­burg (Die konstituirende Versammlung für die Stadt). Rendsburg (Die Nassauer). Wien (KleinerKrawall. Einzelzüge auS den Wiener Zuständen. Keine Truppen nach Schleswig-Holstein).

Ungarn. Pesth (Die Nachricht eines Sieges der Ungarn nicht bestätigt). Italien. Mailand (Rückkehr der Ruhe. Beraubung der Kassen durch Karl Albert).

Sprechsaal für Stadt nud Land.

i Die Allgemeinheit und die Besonder­heiten.

(Schluß.)

Das bisher zerrissene und unfreie Deutschland wird und muß die Ausbrüche so manchen logischen Unsinns, innerhalb und außerhalb Preußen allein vertreten. Deutsche Konsuln, deutsche Gesandten- deutsche Flotten, deutsche Heere wollte das uneinige Deutschland, trotz vielfacher Erinnerungen der wärm­sten Vaterlandöfreundè nicht aufstellen und überhaupt nichts konkretes für das Gemeinsame blicken lassen. Gestattet war nur die aus der Mannigfaltigkeit abstrahirte und reflektirte Ideeder deutsche Bund" unddie deutsche Bundesversamm­lung", deren Protokolle selbst in den letzten Jahren der Oef- fentlichkeit nicht mehr zugänglich wurden. Kam Etwas von Deutschland" zur Erscheinung, so fehlte das Symbol der Einheit und Allgemeinheit und es mußte z. B. aus den Spe­zialverordnungen der Einzelstaaten, wie an Naturkörpern, die Allgemeinheit erst durch Nachdenken und Abstraktion herauöge- funden werden. Deutsche Bundesfarben und ein deutsches Wappen gab es nicht, als konkretes Panier des Einigen und »«getheilten Ganzen, neben und an den Besonderheiten. Das durch, die deutsche Heraldik eben nicht legitimirte Schwarz- Roth-Gold war seit dem Hambacher Feste .aufgekommen und als rebellisch verpönt. Von Einheit Deutschlands zu sprechen und zu schreiben, auch nur für Maaß und Gewicht u. dergl., grenzte schon an Hochverrath. Das Burschenthum der Stu­denten, wie edel im Beginn, war doch zu stark auf Einheit Deutschlands gerichtet, und gehörte daher zu demagogischen Umtrieben. Die Konstantia ehedem, welche ebenfalls auf deut­sche Einheit abzielte, ließ man stillschweigend schwärmen und benutzte ihren Enthusiasmus höchstens 1812 und 1813 gegen Napoleon.

Nachdem nun Deutschland, wie eine Art von Kaspar Hauser, den Gebrauch der Gliedmaßen und der Sprache zum ^heil verloren hatte, muß es an der ungewohnten frischen freien Luft allerdings taumeln und stolpern, und selbst mit der Sprache und den Gedanken ringen. Da erscheint plötzlich gar ein deutscher Reichsverweser (nicht, wie ehedem, blos ein österreichischer Präsident der Bundesversammlung) mit einem Relchsministerium und einer Reichsversammlung, und bringt ole frühere blos abstrakte Allgemeinheit Deutschlands, die nur

in reflektirter Sphäre eristirte, an und für sich ohne alle par­tikuläre Zuthat verkörpert, zur unmittelbaren Erscheinung und sinnlichen Anschauung. Es reibt sich Deutschland verblüfft die blöden Augen und muß sich erst zurecht finden und an daS neue Schwarz-Roth-Gold neben dem Schwarz-Weißen, Schwarz- Gelben u. s. w. sich gewöhnen. Die unaufhörlichen Besonder­heiten, die Kopf und Augen und Ohren der Deutschen um­schwärmten, haben sogar die wenigen, früher wirklich vorhan­denen Allgemeinheiten so in Vergessenheit gebracht, daß die Theile ihren Untergang sehen, wo sie doch nur ihren Aufgang bemerken sollten. Oesterreich und Preußen waren europäische Großmächte mit ihren außerdeutschen Besitzungen, und konnten, als solche, besondere Kriege führen; aber als deutsche Mächte und Bundesglieder konnten sie dies nicht, ohne das Ganze. Preußen ist nun allerdings mit 2% bisher außerdeutschen Provinzen freiwillig weiter zum Bunde getreten und hat sonach für diese Provinzen auf die Eigcnmacht verzichtet, nur für halb Posen noch sie behalten.

Das Mißverhältniß auswärtiger selbstständiger Mächte, wie von Holland und Dänemark, als theilweisen Bundesglie­dern, hat Eifrvinus schon im vorigen Jahre durch die Deutsche Zeitung hinreichend dargethan.

Dagegen wollen Andere so deutsch und so allgemein deutsch seyn, daß sie alle besonderen Farben wegwerfen, und daß die Bürgerwehr ihres Ortes nur den deutschen Adler tragen soll. Ehedem fügten die deutschen Kaiser, sobald ihre Wahl erfolgt war, zu dem Reichswappen noch ihr Landes- und Hauswap­pen, in mannigfaltigen heraldischen Stellungen.

Die Aufgabe unserer Zeit ist, nach beiden Seiten hin ab­zuwehren, sowohl den Partikularismus, welcher sich gegen die Allgemeinheit sträubt, als die Zentralisationssucht, welche alle unschädliche Mannichfaltigkeiten verwischen will. England, wenn wir die ZeitschriftTimes" als dessen Sprachorgan"be­trachten dürfen, hält ohnedieß noch in diesem Augenblicke die deutsche Einheit für eine leere Abstraktion (German-unity-ab- straction), und hat wohl Ursache, eben jetzt darauf besonderen Accent zu legen, wäre es auch nur zum Scheintroste für ge­wisse Interessen, deren Störung durch wahrhafte und starke Einheit in Aussicht steht. In Frankreich, wo eine nivellirende Partei unter allgemeinen Sozialprinzipien ganz andere Absich­ten gegen Deutschland verbirgt, wird sogar der Humanismus und Kosmopolitismus zum Aushängeschild gegen Nationalitä­ten benutzt. Freilich sagte schon 1840 Lamartine in seiner Friedensmarseillaise: L'égoisme et la Haine ont seuls une patrie, ein Wort, das er heute noch zu rechtfertigen und zu erläutern vergaß, er, der eben daselbst auch sprach: Chacun est du pays de son Intelligence; La verité c'est mon payS. Die Weltanschauungen sind freilich verschieden und sogar selbst­mörderisch gegen das eigene Ich der innersten, angeborenen Nationalität. Doch glauben wir, daß Ruge und Lamartine nicht auf gleicher Linie stehen. Auf der großen europäischen Völkerkarte werden die germanischen, romanischen und slavischen tauptstämme, wie der Thatbestand zeigt, Christenthum und taatsverfassung je nach ihrer Eigenthümlichkeit auffassen und ausprägen.

Und so können auch die Deutschen in ihren Volksstânt-- men bei treuester Bewahrung der allgemeinen Einheit allerlei Schattirungen entwickeln, nach dem Spruche des H. Augustinus,