Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 137.
Dienstag den 22. August
1848.
* Texanische Zustände nnd Sitten Mitgetheilt in einem Briest von Iulius Heusinger an seine Eltern.
Loredo am Rio grande, Nueces County, Teras» den 4, Jan. 1848.
Da Ihr mich gewiß noch in Ficdrichsburg glaubt, so muß ich vor allen Dingen einmal erzählen, wie ich hierhin gekommen bin. Wäre die Besetzung des Grantes mit größerer Energie betrieben worden und mir dort, wie mir war versprochen worden, die Vereinsapotheke übertragen worden, so hätte ich nöthigenfalls noch einen Kaufmannsladen nebenbei errichtet und hätte sicher mein gutes Auskommen gehabt. Aber es that'S nicht. Da kam eines Tages ein Herr von Cloudt, früher hannöverischer Offizier und nun schon seit drei Jahren hier in Teras bei verschiedenen Rangerkompagnieen stehend, nach Friedrichsburg , um seinen Bruder zu besuchen und für die Rangerkompagnie in Loredo anzuwerben. Ich wurde mit ihm bekannt und nachdem ich Alles gehörig überlegt hatte, meldete ich mich bei ihm. Ueber meine 3 Stadtloos« und 40 Ackër öänd zu Friedrichsburg gab ich meinem Freunde Schildknecht Vollmacht, packte meine Sachen zusammen und übergab sie ihm; über mein HauS in Jndianpoint gab ich Ronge eine Vollmacht. Ich schaffte mir ein Pferd an, nahm nur wenige durchaus nothwendige Kleidungsstücke mit, meine Waffen und für 40 Dollars Medjzinen, die in Neu - Braunfels auf einen Packesel geladen wurden. So gerüstet wandte ich der deutschen Kolonie den Rücken, um mein Heil auf einige Zeil einmal an der mexikanischen Gränze zu versuchen. Bruder Gustav wollte mit, jedoch rieth ich ihm ab, da er sich in Neu-Braunfels gut steht. Von der gefahrvollen Reise könnte ich gar viel erzählen. Es war eine höchst unangenehme Sache, die wüsten Gegenden zu durchziehen, insbesondere über die vielen Flüsse zu passiren, welche keine oder nur miserable Reisigbrücken haben. Dazu die vielen umherschwärmcndcn feindlichen Indianer vnd eine fatale Hungerepisode — und Ihr könnt Euch mein Vergnügen auf der Reise leicht ausmalën. Die einzige Annehmlichkeit fand ich in St. Anton, wo ein ungeheurer LuruS
herrscht, der mir in der deutschen Kolonie dergestalt fremd geworden war, daß ich fast Augen machte wie ein Bauer, der zum ersten Male in die Residenz kommt. Doch dieß Vergnügen dauerte eben nicht lange, besonders da wir sogleich durch dichten Ch paval passiren mußten. Unter Chapaval verstehen die Mexikaner ein dichtes, dorniges Gebüsch mit vorwaltendem Musquitgehölz und anderm Gebüsch, eins dorniger, als das andere, dazu eine Unmasse von stachlichen Kaktus und Agave'S. Die meiste Pein verursachen dem Reisenden die Kaktusarten mit ihren Stacheln, gegen welche doppelte Lcderhosen noch ein schlechter Schutz sind. Loredo muß unter den Spaniern eine blühende Stadt gewesen seyn, jetzt ist sie aber sehr verfallen. Die Einwohnerzahl beträgt 2000 Seelen. „Was ist aber ein Ranger?" werdet Ihr gewiß fragen, und da ich mit meinem Eintritte in Loredo zu dieser Menschenklasse gehöre, so muß ich vorerst etwas hierüber sagen.
Als Texas sich freigemacht hatte, hatte Kapitän Hoys in St. Anton, welches damals sehr isolirt stand, eine Kompagnie von 30 Mann , welche Rangers genannt wurden, und dieses war ein auserlesenes Korps, Menschen, die den Teufel nicht fürchteten, gute auserlesene Schützen, vorzüglich bewaffnet und mit den besten Pferden versehen. Diese waren ein Schrecken aller Indianer. Seitdem nun Teras zu den vereinigten Staaten gehört, hält der Staat 8 oder 9 Rangerkompagnieen, die an den entferntesten Niederlassungen stationirt sind, zum Schutze der Einwohner gegen die Indianer. An Uniformen ist nicht zu denken. Der Mann muß sich sein Pferd stellen, erhält aber die Lebensmittel für sich und sein Pferd. Der Sold beträgt 22 'A Dollar monatlich, 30 Dollar jährlich für Kleider, außerdem erhält man einen Titel über 160 Acker Kongreßland, welcher etwa 100 Dollars werth ist und Vergütung seiner Reise. Die Lebensmittel bestehen in frischem Fleisch, Speck, Weizenmehl, Reis, Salz, Zucker, Kaffee und Essig, wozu noch für andere Bedürfnisse Stearinlichter und Seife hinzugefügt werden. Für die Pferde wird ein Viertel Bushel Mais verabfolgt, mitunter auch Heu. Der Private (d. h. der gemeine Soldat, welcher Titel aber keinem zu Theil wird) steht sich