Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Aeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 132.
Freitag den IS, August
1828.
Zum sechsten August.*)
von Franz Dingelstedt.
Viktoria! Auf Mailands Dom Der Adler Oestreichs wieder! Wie blickt er gen Turin und Rom Gewitterfroh hernieder!
Wie horstet er so hoch und fest Auf seinem weißen Marmornest Im Sommersonuenstrahle!
Gott grüß dich, kaiserliches Thier, In Kronenschmnck, in SiegcSzier, Gott grüß dich tausend Male!
Das war ein ächter Adlerschwung, Ein Sonntag das voll Glorie: In Deutschland auf zur Huldigung, In Wälschland zur Viktorie! Gen Himmel scholl es dvnuergleich: Das, Deutschland, bringt dir Oesterreich, Dir und dem Reichsverweser! Und seitwärts zogen stumm davon, Die jüngst noch so voll Spott und Hohn, Die Herren Piemonteser!
Wie lachten sie, wie dachten sie Den Flüchtigen zu fangen: Karl Albert da, Karl Albert hie, Die wälschen Vögel sangen. Doch jener hat nach Adler Art Die Kraft der Schwingen aufgesparr, Der Fänge bis zum Letzten;
Verjüngt auf einmal steht er da Dein Retter, arme Austria, Der schier zu Tod gehetzten!
WaS ist dir, grauer Stephansthurm, Daß du so hoch errothest.
Und doch in deinem Grund den Wurm, Den eklen, noch nicht tödtest?! Auf, zeig dich deiner Helden werth, Gedenke was du ihrem Schwert, Was deinem Schilde schuldest; Zeit ist's daß du dich auch ermannst, Und die, die du zertreten kannst,
Als Zwingherrn nimmer duldest!
*) Aus dem Morgenblatt.
Die Kaiserstadt ein Kinderspott, Durch Fremdlinge und Knaben — Die neuen Türken strafe Gott! — Zerwühlt und untergraben; Der Ordnung letztes Band gelost, Des Aufruhrs Dolche frech entblößt, Des Thrones Glanz verdunkelt: Ach! finstre Wolken nah und fern, Worin nur tröstlich wie ein Stern Radetzkh's Name funkelt!
O hüte seinen schönen Glanz, Du ritterlicher Degen, Und flicht in deinen Siegerkranz Des Friedens milden Segen! Der Thränen floß, des Bluts genug, Es seh kein Rach- und Beutezug,. Den deine Adler flogen, Der Doppelaar kein Vogel Greif, Die ehrne Kron' kein ehrner Reif, Um Freier Herz gezogen!
Sprich, Oestreich, deine Kinder frei, Dich selbst befrei' in Wahrheit;
Dein Weg für alle Zukunft seh Der Weg des Rechts, der Klarheit! Wie Adler fliegen, flieg auch du Nicht ab vom Licht, dem Lichte zu Am deutschen Horizonte, Dem Sonnenlicht, das seine Bahn Durch alten Trug und neuen Wahn Zu dir nie finden konnte!
Das ist'die rechte Freiheit nicht. Die blutroth dich umschimmert, Die Kron' und Vaterland zerbricht Und daraus Systeme zimmert.
Du stehst allein und kannst allein Nicht deutsch und auch nicht Oestreich seyn, Du wirst ein wüstes Ei fand;
Laß ab, laß ab vom Bürgerkrieg, Zu Wien vollend' ein größ'rer Sieg ' Den großen Sieg zu Mailand!