Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J^ LLS Donnerstag den 17. August 18418.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationspreiS ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des HerragthumS Nassau, des GroßherzogthumS und ârfürstenthumS Hessen, der Laiidgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebictes Ä fl. 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schcllenbcrg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämter» zu machen.
Uebersicht.
Kirche und Staat.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Frankfurt (Die deutschen
Interessen in der italienischen Frage). — Köln (Der zweite Tag der
Dombaufeier). — Posen (Eindruck des Reich'SbeschlustcS über die Einverleibung von Posen). — Salzburg (Uebergabe der Schlüssel von
Mailand an den Kaiser). — Triest (Noth in Venedig).
Ungarn. Ofen (Polnische Bauern).
Italien. Cavalcasello und Verona (Räumung der von Psemontesen besetzten Festungen).
Rußland. Petersburg (Die Ehslera).
Sprechsaal für Stadt und Land.
~ Kirche und Staat.
In dem Augenblicke, in welchem das allgemeine National- gefühl, den so lang gehegten Begriff und Wunsch nach Einheit, in’S Leben zu rufen suchet, erschallet auch eine eigene Stimme aus eine Trennung. In dem Augenblicke, in welchem die Hauptpunkte der Lebens- und Staatsverhältnisse für ganz Deutschland, nach innen und nach außen, in ein gleiches einheitliches Verhältniß geführt werden sollen, und in welchem zu diesem Zwecke sämmtliche Deutsche sich brüderlich die Hand reichen, erhebet sich auch eine Stimme auf Trennung der Kirche von dem Staate.
Wie der Ruf aus einem dichten Walde, in welchem die Stimme an der Masse von Bäumen verhallet, und nicht erkennen läßt, woher, sie eigentlich kömmt; so auch hier ist es in ein Dunkel gehüllt, woher die Stimme erschallet? was sie eigentlich veranlasset? was sie rechtfertiget? und was sie bezwecket? so daß ohne eigentlichen Anhaltspunkt, und ohne leitenden Faden nur die innere Stimme und Gabe der Entwickelung zur Lösung des Räthsels gegeben ist.
Jede Trennung setzt eine Vereinigung voraus, aber worin ist diese bestanden? und durch was wurde sie begründet?
Jede Trennung setzt eine Veranlassung voraus, und deßhalb eine Begründung, aber warum wird sie gefordert und wer fordert sie?
Jede Trennung hat eine Aenderung zur Folge, aber worin wird sie bestehen, wohin wird sie führen?
Dieses Alles sind Betrachtungen, welche nothwendig bei Erschallung der geheimnißvollen Stimme sich jedem denkenden Geiste und besorgten Staatsbürger aufdringen müssen. Die blöherige Vereinigung von Kirche und Staat, wie sie als be- tehend angenommen werden muß, in irgend einer Weltbege- venheit, in einer Uebereinkunft, in einem Vertrage, aufsuchen zu wollen, dürfte eine vergebliche Mühe seyn, denn sie lieget viel tiefer begründet, sie lieget in dem Menschen selbst, und gehöret zu den Erstlingen seines Denk- und Erkennungsvermö- gens. , Jeder Mensch mit der Gabe seiner geistigen Fassung tragt in sich eine Philosophie des Lebens, welche sich von dem wildesten Urbewohner an bis zu unserm gegenwärtigen Standpunkt nach und nach aus sich selbst entwickelt. Der erste ^neb des Menschen ist die Sucht nach Vereinigung, nach dem , cu "üt seines Gleichen, und die wechselseitigen Gefühle, 11115 Formen, unter welchen dieses zum Vollzug kömmt, enthalten tue ersten Keime zu einer künftigen Staatenbildung.
Aber dem Menschen genüget dieses nicht, seine innere Seelenkraft dazu bestimmt, immer nach dem höheren zu streben, fühlet daS Bedürfniß der Erkennung des Höchsten, aber auch die Schwäche es nicht mit seiner Kraft erreichen zu können, so daß immer noch ein weiteres Streben übrig bleibt, und dieses führet ihn zu der Erkenntniß , daß das Höchste, wonach er strebt, außer ihm liegen müsse, und so wie er dessen Einfluß auf sich fühlet, so erkennet er ihn auch auf alles, was außer ihm ist. Die Fortbildung dieser Gedankenreihe bringet ihn zur Anschauung, zur Bewunderung, zur Furcht und zur Freude, zum Wunsche und zum Danke, alles löset sich am Ende in Anbetung auf und hierin liegt der erste Keim der Kirche.
Beide Gefühle entstehen mit dem Menschen gleichzeitig und gleichheitlich, sie entwickeln sich in dem nämlichen Grade mit der Fortbildung, und von der Vereinigung der ersten Urmenschen, bis zu der späteren Bildung von Rationen und Staaten finden sich beide Gefühle, beide Bestrebungen oft dermaßen vereiniget, daß sie nur ein Ganzes bilden, eines mit dem andern bestehet, eines durch das andere erhalten wird. So finden wir es bei den Egyptiern, bei den Griechen, bei den Römern, und bc.; den Israeliten. Selbst das auf uns üdergtgangene erste geschriebene Gesetz „Du sollst Gott deinen Herrn lüden über alles und deinen Nächsten, wie dich selbst" enthält zugleich die Kirche und enthält den Staat, denn beide sind in ihrer Wesenheit bezeichnet. Dem Gefühl, dem Streben nach einem Höchsten ist eine Hinweisung, eine Richtung gegeben; dem Leben des Menschen in dem Staatsvereine ist das Grundprinzip ausgeprägt. Die Kirche versichert dem Staate den Glauben, das Bewußtseyn, die Moral; der Staat verleihet der Kirche Schutz, Sicherheit und ehrende Stellung in dem Staate. So haben beide in dieser Vereinigung fortbestanden bis an die gegenwärtige Zeit.
Der Eintritt des Menschen in das Leben, sein Scheiden von der irdischen Laufbahn sind begleitet von der Kirche/ und die Aufnahme in den Bürgerverein gehet gleichen Schritt mit der Aufnahme in den Bund der Moral. Der Gang des Menschen zu dem Traualtar ist begleitet von der Kirche und das Familienverhältniß erhält dadurch seinen geistigen Stand- Punkt. Eine Schlacht wird begonnen unter der Weihe der Kirche, ein Sieg gefeiert unter dem Beistände der Kirche, zur Erweckung des Glaubens, des Vertrauens und des Dankes. So noch weiters in vielen Fällen des öffentlichen Lebens, und alles dieses ist es, was bisher die Bereinigung von Kirche und Staat, beide in ihrem rechten Standpunkte genommen, gebildet hat, und welches alles ohne diese Vereinigung seinen Werth verliert, denn ohne sie gehet alles in eine Privathandlung über ohne allgemeine Theilnahme und Anerkennung. Diese Verbindung nun soll aufgelöst werden, Kirche und Staat sollen getrennt und beide für sich allein bestehen. Woher eigentlich dieser Ruf erschallet, will nicht recht deutlich werden." Ob von der Kirche, ob von dem Staate. Ob wegen eines erlittenen Unrechtes in der Vergangenheit, ob wegen einer Spekulation in der Zukunft? Vielleicht aus allen diesen Quellen zugleich, denn die Mitbeler und Nachschreier entscheiden nicht, das sind nur Stimmen, gewonnen durch Unverstand, durch Fanatisirung oder durch Interesse, welche nur auf ihre Urheber schließen lassen.
Gehet die Forderung von dem Staate aus wegen Unrecht der Kirche in der Vergangenheit, so war seine Stellung immer von der Art, daß Mißgriffe oder Uebergriffe auf dem rechten aber mäßigen und festen Weg hätten geheilt werden können,