gen und Nachgiebigkeit ihm die Grenzen zu überschreiten schien. Aber die Linie zu finden, wo Schweigen zum Vergehen und Sprechen zur Pflicht wird, bleibt für alle konkrete Fälle eine schwere Aufgabe. Lamartine, ein gewiß ehrenwerther Charakter, ist dem Grundsätze seiner kosmopolitischen Friedens-Marseillaise vom Jahr 1840 stets treu geblieben. Nur mancherlei getäuschte Hoffnung über das System Ludwig Philipps mochte in ihm schon seit längerer Zeit innere Veränderungen und allmâhlige Uebergänge hervorgerufen haben, wodurch es wunderbarer Weise geschah, daß der Sänger des schwung- und prunkvollen Krönungsliedes (chant du sacre), welcher am Schlüße die Freiheit*) anredet: Ton temple le plus suc est le coeur des bons Bois, im I. 1848 Mitglied der provisorischen Negierung der neuesten französischen Republik war. Dichter sind freilich selten Männer der That und so trat Ca- vaignac an die Spitze. Was mag Lamartine jetzt, nach wenigen Monaten eigener Verwaltungserfahrungen im Innern und im Aeußern, über Guizot denken?
Doch wozu suchen wir Beispiele und Beweise jenseits des Rheins? Wir haben in Deutschland mehrere gute konstitutionelle Verfassungen gehabt, nicht blos oktroyirte, sondern sogar paktirte, und dennoch wußte bald List, bald Gewalt den inneren Sinn und wahren Geist zu beugen und zu verderben, ja man scheute sich am Ende nicht, die äußeren Formen, die man anfangs schonend wahrte, offen zu verletzen. So können die besten Gesetze durch Instruktionen für die Ausführung illusorisch gemacht werden und in's schnurgerade Gegentheil umschlagen. In Rußland tröstet sich der arme Bauer bei den widerrechtlichen Bedrückungen der nächsten Beamten mit der althergebrachten Resignationsformel: „Gott ist hoch und der Kaiser weit." In England, wo the king kan not do rong, sind die Stellen des Unterhauses ziemlich offen käuflich, und Justiz und Verwaltung voll von Mißbräuchen. In Frankreich, wo es hieß: le roi règne et ne gouverne pas, wußten die verantwortlichen Minister mit künstlichen Kammer - Majoritäten nicht nur die Budgets sammt den geheimen Ausgaben, sondern auch die Septembergesetze und die Befestigungen von Paris, welche für Louis Philipp im Augenblicke der Gefahr ganz nutzlos waren und erst der Gegenwart ungeahnte Vortheile darbieten, votiren zu lassen. Was die neue Republik bringen wird, hat erst begonnen, und das Ende muß abgewartet werden.
Auch Deutschland hat sich erhoben und für vielfache Mißbräuche und Bedrückungen Abstellung gefordert, durch neue Gesetze und neue Staatsformen, im Ganzen aber doch genügsam vor der Hand, wie ehedem Frankreich, nur die konstitutionelle Monarchie in vollem und wahrem Sinne zur Ausführung begehrt, weil es überzeugt ist, auf diesem Wege, vereint mit seinen Fürsten, gegen welche die Pietät noch nicht ausstarb, wenn schon Manches zwischen Volk und Regenten vorher miß- rathend und hemmend sich stellte, zum allgemein erwünschten Ziele zu gelangen. Die verfassunggebende Reichsversammlung zu Frankfurt wird, wie die Aufstellung der Volksrechte in ihren fortgehenden Abstimmungen zeigt, dieses Ziel befestigen und beschleunigen, wenn in einzelnen Ländern Hindernisse entstehen sollten. Möge dann aber nur auch die Ausführung dieser Gesetze und die Verwaltung mit allen ihren Gliedern und Werkzeugen von Oben bis Unten aufrichtig und unverkürzt das Wohl des Volkes besorgen. Denn dieses Wohl ist mit dem wahren Wohle der Fürsten, wenn sie Väter des Volkes seyn und bleiben wollen, wie es die ursprüngliche germanische Stammeseigenthümlichkeit noch immer herzlichst heischt, so innig und unzertrennlich verschlungen, daß ein schöneres Band auf Erden nicht gedacht werden kann, und daß aufrichtige Monarchisten Pope's Wort am liebsten auf diesem unblutigsten aller Wege in Erfüllung sehen. Manche Opfer sind schon gebracht worden, und es bleiben noch manche zu bringen; aber auch reichlicher Lohn stehet dafür sicher in nächster Aussicht. Wenn die Reaktion von warnender Höhe ihr „vae victis“ und die Anarchie aus drohender Tiefe ihr „Zu spät" rufet, da gibt es mitten hindurch einen sichern, wenn auch eben jetzt noch harten Pfad zum Ziele.
Deutschland.
* Wiesbaden, 9. Aug. (Ständeversammlung.) Reg.- Komm. Werren übergibt die versprochenen Akten, welche über den Verkauf des Reis und Mehls Aufschluß geben.
Wenckenbach I. fragt nochmals an, wie es mit den beschlossenen Chausseeneubaulen stehe. Reg.-Komm. Ler erwi-
*) Vergleiche damit méditation 20, la liberté, oj une nuit â Rome, und harmonie 13, les revolulions.
1 dert, daß das Ministerium bereits die betreffenden Anordnungen getroffen habe.
He Huer erinnert nochmals an die Vertheilung der Gewehre und ein dabei aufzustellenbes Prinzip. Reg-Komm. Werren. Das Prinzip der Gleichheit ist im Allgemeinen ausgestellt und die betreffenden Aemter sind angewiesen, sich mit der Bewaffnungskommissson in Beziehung zu setzen.
Die Tagesordnung führt zur Berichterstattung über die Rechnungsprüfung der Landessteuerkasse für 1846. Berichter, statter Bertram. Es ergibt sich eine Gesammtmehreinnahme von 496,649 fl.
Die Vorausgaben mit 2,509,000 fl. sind um etwas mehr als 100,000 fl. überschritten worden. Das Resultat der des- fallsigen Rechnungsnachweisungen wird hierauf von dem Berichterstatter im Einzelnen vorgelegt. Mehrere dieser Etatsüberschreitungen im Ministerialbudget erscheinen durch die Zeitumstände gefordert, dagegen werden die übermäßig hohen Diäten bei auswärtigen Missionen und die hohen Gratifikationen K. gerügt. Bei dem Budget des Generalkommandos findet sich eine besondere Remuneration für den Flügeladjudanten des Herzogs. Der Ausschuß erklärt dies für ungesetzlich und trägt darauf an, den Posten nicht anzuerkennen, die Auszahlung zu suspendiren, resp, den Rückersatz anzuordnen. Außerdem werden zwei Posten für den Besuch auswärtiger Schulen von 2 Offizieren beanstandet. Wenckenbach I. spricht sich gegen einen Posten von 120 fl. aus, welche einem Offizier für Begleitung seines Vorgesetzten auf einer Inspektionsreise ausgezahlt wurden. Der Berichterstatter beanstandet außerdem 500 fl. als Gratifikation für die Reise eines Arztes an auswärtige Sanitätsanstalten. Bei einer Gratifikation für den Zeughauskassirer wird um Aufschluß gebeten. Eine nachträglich geforderte Gratifikation für den Kommandanten der Marr- burg wird beanstandet. Reg.-Komm. Werren erklärt, daß hierbei ein Irrthum obwalte, indem diese Gratifikation für die Dienstleistungen des Kommandanten bei der Reservekompagnie gegeben worden sey. Wenckenbach I. glaubt eine solche Vereinigung zweier Aemter in Einer Hand wiederholt rügen zu müssen. Ferner bemerkt derselbe, vor 1845 pensionirte Offiziere seyen der Wohlthaten des Gesetzes von 1845 theilhaftig, während dies bei Andern gleichsam ausnahmsweise nicht stattfinde. Bei dem Budget der Militärschule wird der Versammlung die Vorlage deS Inventariums anempfohlen, da schon seit Jahren so große Bewilligungen für Anschaffung physikali, scher und mathematischer Instrumente gemacht worden sind, daß wohl ein sehr reicher Vorrath vorhanden seyn dürfte.
(Schluß folgt.)
— Aus der Grafschaft Westerburg. Nichts hat dahier und auf dem hohen Westerwalde mehr Beifall erregt, als der jüngst ergangene Vorschlag, an unsere Ständekammer eine1 Petition vorzubereiten, nach welcher den gegenwärtig in der Kammer fungirenden StaatSdienern die Hälfte ihrer Besoldung für die Dauer des Landtages in Abzug gebracht werden möge. — Obgleich cs schon die Aufgabe der vorletzten Ständever- sammlüng gewesen wäre, über derartige Kostenpunkte die conditio sine qua non zu firiren, so wird denn doch die Vorlage einer solchen Petition, namentlich die Diskussion über dieselbe noch bei Zeiten jedem unserer Herren Abgeordneten Veranlassung geben, bei dieser Gelegenheit zu zeigen, in wie weit ihm das eigentliche Wohl des Vaterlandes und des Volkes, für welches so Vieles erspart werben soll, am Herzen liegt. Unserer Linken schenken wir das Vertrauen, daß sie in dieser Beziehung mit dem guten Beispiele vorangehen werde — ein Zug, mit welchem die ganze Kammer sich das höchste Vertrauen wird erringen müssen.
Frankfurt, 9. August. (O.-P.-A.-Z.) Heute früh ist unser Linieninfanteriebataillon, etwa 550 Mann stark, aufgebrochen, um mit den übrigen süddeutschen ReichStruppen nach Schleswig-Holstein in's Feld zu ziehen.
Noch in den heutigen Vormittagsstunden ist eine kurhes- sische Militärabtheilung eingerückt, die einstweilen unsere abgezogene Garnison ersetzen soll.
Köln, 8. August. Sicherm Vernehmen nach wird Se. Maj. der König dem großen Dombaufefte bestimmt beiwohnen und am 14. Nachmittags hier eintreffen.
* Der deutsche Reichstag hat bekanntlich die Abschaffung deS Adels abgelehnt. Nun kommt aber nachgehends der vereinigte Landtag von Anhalt-Dessau und Köthen und beschließt, daß der Adel in Anhalt nichtsdestoweniger abzuschaffen und alle zur Bezeichnung des Adels dienende Ausdrücke zu verbieten seyen. Ein auhaltischer Adeliger darf daher in Anhalt seinen Abel nicht mehr führen, in Deutschland ist es ihm da-