Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J£ 127 Donnerstag den IO» August 18L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des HerzogthumS Qlaffau, des GroßherzogthumS und Kurfürstentbums Hessen, der Landgrafschast Heffen-Honiburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Berwaltungsgebietes S fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
System der Verfassung und Verwaltung.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Aus der Graffchaft
Westerburg (Die Diäten der Abgeordneten aus dem Staatsdienerstande).
Frankfurt (Das Linienmilitär). — Köln (Der König von Preußen).
Dessau (Die Adelsfrage). — Berlin (Straßenszenen. Die Ereignisse in Schweidnitz. Die Huldigungsfeier. Der 6. August). — Stettin (Die Gesellen). — Wien (Beilegung der ungarisch-kroatischen Differenzen.
Die Cholera). — I nnSbruck (Antwort des Kaisers an die Wiener Deputation. Weitere Fortschritte der Oesterreicher in Italien).
Schweiz. Basel (Die Oesterreicher in Mailand).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Lugano (Die Auswanderung aus der Lombardei).
Sprechsaal für Stadt und Land.
t System der Verfassung und Verwaltung.
Let Pools on forms of government contest; the best is that which workes best.
Pope.
Vom nördlichen Taunus. Die politischen Umwälzungen Europa's folgten seit 1789 von Westen her so rasch und so erschütternd, und die stillen, harmlosen Deutschen waren dafür in ihren patriarchalischen Regierungssormen so wenig vorbereitet, daß noch jetzt allerlei Begriffsverwirrungen, selbst in sonst unterrichteten Kreisen sich vorfinden. Die beste Form des ètaates und seiner Verwaltung, sonst Gegenstand des vielseitigsten Nachdenkens und Produkt der reichsten Erfahrung für die Weisesten aller Völker, von Plato, Aristoteles und Cicero bis auf Montesquieu herab, ist jetzt Bierhausgeschwätz und Knabenlärm geworden. Diese trüben und wirren Wasser müssen erst ablaufen, und noch außerdem wird es lange dauern, ehe der Kontinent jenen besonnenen Instinkt für politische Dinge in den mittleren Schichten der Gesellschaft wird gewinnen könen, welchen man dafür theilweise bereits in England findet.
Verzeihlich ist es , wenn Unerfahrene bei jeder Unebenheit, welche sie berührt, bei jedem Druck, den sie empfinden, bei jedem Unrechte, das ihren Rcchlssinn beleidiget, den Hauptgrund in dem Geiste der Gesetze und im Prinzipe der Versas- snng suchen, während sie ihn bei größerer Aufmerksamkeit, bald ?^in nur in der Anwendung und Auslegung der Gesetze und ’n dem Systeme der Verwaltung finden würden und müßten. Frankreich, welches an entsetzlichen Mißbräuchen zu allen Zei- *en litt, suchte auch irriger Weise den Grund davon immer 111 der Verfassung, und hat uns nun länger als 50 Jahre mögliche Staatsformen vorerperimentirt, ohne dadurch allgemeine Zufriedenheit und das allseitige Glück seiner Cinwvhner erlangen zu können. Selbst die sozialen Erperi- Mente des laufenden Jahres haben ein trauriges Resultat ge- ilefert, indem sie mit einer militärischen Diktatur endeten.
Deutschland, mäßiger in seinen Forderungen und besonnener durch Charakter und Erfahrung, auch gebundener durch Mncre Verhältnisse, glaubt in der nun überall erkämpften fonftituttonenen Monarchie auf breitester demokratischer Basis und umgeben von republikanischen Institutionen den politischen
Höhepunkt erreicht zu haben, auf welchem der Zwiespalt aller Interessen ausgeglichen und jeder Andrang der Reaktion und der Anarchie gebrochen werden könne. Man kann überzeugt seyn, daß für Deutschland in dieser Form das einzige und wahre Heil liegt, und daß ihre allseitige und aufrichtige Ausbildung die erwarteten Früchte in reichem Maaße bringen wird. Aber man darf nicht übersehen , daß auch in Frankreich diese konstitutionelle Form der Monarchie mit denkbar weitester Ausdehnung der Volksfreiheiten unter Ludwig Philipp vorhanden war, und dennoch die gehofften Früchte nicht brachte, sondern, nach längerem Schwanken doch endlich zusammenbrach. Der Himmel bewahre uns, hierin eine böse Vorbedeutung für Deutschland erblicken zu wollen; es soll nur ein Beweis seyn, daß bloße äußere Formen und Systeme der Verfassung an sich das Heil der Völker nicht bewirken können, wenn nicht noch andere Faktoren hinzutreten, welche theils im Geiste einer Nation, theils in der Verwaltung vom Zentrum bis in die Peripherie, theils in vielfachen anderen Umständen gesucht werden müssen.
Wie oft ertönte in Frankreich der Ruf nach Verwirklichung der Verfassung (la charte vcrité), wie oft die Verwünschung des Systemes und des unwandelbaren Gedankens (pense'e immuable), welcher die hohlen Formen ausbeute und die rechtlichsten Männer des verantwortlichen Ministeriums düpirc oder abnutze. Die Geschichte hat noch über Ludwig Philipp und Guizot zu richten. Aber wir halten den Letzteren, nach allen seinen schriftstellerischen Produkten, worin früh die innersten Ueberzeugungen niedergelegt wurden und nach seinen Verwaltungsmaßregeln noch immer für einen ehrlichen Mann, der sich vielleicht täuschte, wenn cr Frieden und Ruhe, die er in Ludwig Philipp verkörpert annahm, wo nicht um jeden, so doch um hohen Preis wollte, weil er darin den einzigen Grund und Bestand für die Entwickelung der Zivilisation Europa's und der Menschheit erblickte, selbst die vorhandene und vielfach durch alle Stände verbreitete Korruption, welche er sah und nicht hindern konnte, hielt er vielleicht nach seinen Erfahrungen über Land und Leute, einstweilen noch in Frank- reich für das kleinere Uebel, um höherer Zwecke willen, welche er unablässig verfolgte. Und die Hunderte von Ehrenlegionskreuzen, die er zu Liseur, seinem Wahlorte, vertheilen ließ, mochten in seinen Augen und bei der Eitelkeit der Begehrenden eine nichtige Spielerei scheinen, die man Kindern nicht versagen mag. So viel ist klar, nach den unzweideutigen Kammerverhandlungen zu Paris, die auch in der Entfernung den Aufmerksamen zwischen den Zeilen lesen lassen, daß Guizot Manches mit stillem Seufzen und innerem Widerstreben auf der Tribüne verfochten hat. Man hat ihm diese Ergebenheit gegen das herrschende System des höchsten Eigenwillens, das er zu decken und zu vertreten hatte, zum Vorwurfe gemacht. Warten wir den weiteren Verlauf der Thatsachen und das Urtheil der Geschichte ab, ehe wir ihn verdammen, ohne ihn gehört zu haben, gehört nach den innersten Prinzipien, welchen all sein Handel galt. Die eigenen Bekenntnisse des strengen Puritaners haben wir sicher zu erwarten, wenn auch nicht vor dem Tode Ludwig Philipps.
Hastige Republikaner, vielleicht mit dem reinsten Tugend - eifer erfüllt, verwerfen nur zu rasch und zu ollger ein jedes Akkomodationöwesen und verkennen dabei die Weisheit, welche dem Staatsmanne ziemt und in gegebenen Verhältnissen leitet — und vielleicht entschuldiget. Lamartine, der, schwärmerische Dichter, wurde so zum Gegner Guizot'S, dessen Schwei-