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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

J£ 122 Freitag den L. August 18418.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 Er., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 kr.Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Besetzung der Moldau und ihre Bedeutung für Deutsch­land.

Staatsdiener oder Staatsknechte?

Deutschland. Wiesbaden (Adresse an den Reichstag auf Anlaß der preußischen Vorgänge). Mannheim (Die Auswanderung). Berlin

(Die Stimmung des Militärs. Demonstration). Apenrade (Vom Kriegsschauplätze. Die Kranken in der Armee.) Wien (Adresse der

Kammer wegen der Rückkehr des Kaisers). Innsbruck (Der Kaiser.

KriegSbuletin aus Italien).

Frankreich. Paris (Verschiedenes).

Großbritannien. London (Blutiger Zusammenstoß in Irland.)

Schweden. (Die Cholera).

Sprechsaal für Stadt und Land.

Die Besetzung Der Moldau und ihre Be­deutung für Deutschland.

Das türkische Lager bei Galatz ist bereits etwa 5000 Mann stark. Die Truppen besuchen täglich die Stadt und be­nehmen sich mit großer Mannszucht, wogegen wir aus Verlad fortwährend Klagen über das Benehmen der dort gelagerten 20,000 Russen vernehmen. Zn dortiger Gegend ist niemand mehr seines Eigenthums sicher. Aus Jassy erhalten wir soeben die Nachricht von dem Einrücken von 4000 M. Russen. In dem türkischen Lager bei Galatz sollen bis 15,000 M. reguläre türkische Truppeu zusammengezogen werden, und dieses Korps sonach nach Fokschan rücken. Es heißt auch, daß die beiden Fürstenthümer im Ganzen von 110,000 Mann, d. i. 40,000 Türken und 70,000 Russen besetzt werden sollen.

Wozu diese außerordentlichen Truppenmassen? Um die Ruhe aufrechtzuerhalten oder um Fürst Bibesko wieder auf den Thron zu setzen? Wahrlich, hierzu genügten 30,000 M. für beide Fürstenthümer.

Die nun faktisch erfolgte Besetzung der Moldau durch russische Truppen verdient die größte Aufmerksamkeit Europa's, insbesondere sind aber dabei Deutschland und die österreichischen Staaten betheiligt. Für die öster­reichische Regierung wäre gewiß jetzt der geeignetste Augenblick, ihren früher in den Donaufürstenthümern gänzlich verlornen Einfluß wieder zu gewinnen. Die Walachen und Moldauer setzen ihre letzte Hoffnung auf das konstitutionelle Nachbarland. Es ^«re gewiß weder menschlich noch klug, die Hülfesuchenden den sich zu weisen, und diese ihrer geographischen Lage nach schon so wichtigen Provinzen ganz an die Russen verfallen und uns somit schon am eisernen Thor die Donau entfremden zu lassen. Ich glaube, daß diese Verhältnisse und Vorkommnisse bey Aufmerksamkeit des deutschen Parlaments sowie des öster­reichischen und ungarischen Reichstags gewiß nicht entgehen, londern daß vielmehr diese gesetzgebenden, dabei so nahe be- thetligten Versammlungen mit aller Energie und den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dahin wirken werden, eine neue Schmach, eine neue Gefahr von Deutschland und von Oester­reich abzuwenden. ' (Allg. Z.)

* Staatsdietter oder Staatsknechte?

Wäre unsere Kammer nicht zu so großem Theile aus Beamten zusammengesetzt; wäre ihr Liberalismus in seinen Hauptvertretern nicht wesentlich ein Beamtenliberalismus, der für Haus und Heerd ficht, dann würde man das General - Re­skript, welches die nassauischen Beamten vom bürokratischen Boden endlich einmal auf den konstitutionellen erhebt, mit Freude begrüßt haben, statt daß man ihm anklagend ent­gegen trat.

Konstitutionell ist's, daß der Beamte ehrlich in seiner Ueberzeugung sey. Wer für das konstitutionelle System arbei­tet, so lange er im Dienstfrack steckt, aber wenn er denselben auszieht, ein Republikaner oder ein Absolutist ist, den nenne ich einen Lügner und Heuchler. Für ihn habe ich nur meine volle Verachtung.

Der schlichte Menschenverstand und ein ehrlicher Sinn sieht das ein, nur Bürokraten begreifen's nicht, denen solche Ehrlichkeit den Hals brechen würde.

Der alten Bürokratie war der einzelne Beamte ein wil­lenloses Werkzeug; um seine Ueberzeugung kümmerte sie sich nicht, im Gegentheil, sie verlangte von ihm, daß er gerade­zu keine Ueberzeugung haben, daß er gar nicht nachdenken solle über das innere Leben des Staatsorganismus.

Der freie Staat verlangt Beamte, die aus Ueberzeu­gung dem Staate dienen. Wessen Ueberzeugung mit dem Staatögrundgesetze sich nicht versöhnen kann, den zwingt kein Mensch, einen Staatsdienst anzunehmen, oder in demselben zu bleiben.

Wenn in der Republik Frankreich Einer erklärte, ich bin Royalist, will aber doch im Dienste der Republik bleiben, den würde man für einen Verrückten erklären! Und in konstitu­tionellen Staaten soll man Republikanern und Absolutisten wohl noch gute Worte. dafür geben, daß sie gefälligst im Dienste bleiben und so gütig sind, das Staatsgrundgesetz untergraben zu helfen?

Auf eine so barocke Idee kann man eigentlich nur da kommen, wo der Staatsdienst als eine Versorgungsan­stalt betrachtet wird, wo die meisten Staatsdiener arme Schlucker sind, die mit dem Amt auch das Brod verlieren würden, wo die Staatsdiener in keiner Weise unabhängig und selbstständig seyn können, weil sich an den Dienst die Eristenz knüpft, wo der Beamte, dessen Gesinnung mit dem herrschen­den Staatsprinzip in offenen Widerspruch tritt, nicht sofort ausscheiden kann, weil er sonst mit Weib und Kind auf's Pflaster gesetzt wäre wo also in einem solchen KvllisionS- falle die Heuchelei eine Unvermeidlichkeit wird.

Das sind Früchte des alten bürokratischen Zopfsystems, welches geflissentlich dahin gearbeitet hat, den Staatsdienst zur Versorgungsanstalt zu machen, was er niemals seyn darf. Man kann nun bei uns nicht sofort verlangen, was eigentlich allein eines freien Staates würdig ist, daß die Beamten mit dem System, mit dem Ministerium wechseln; aber man kann doch darauf hinarbeiten, um endlich einmal Ueberzeugungstreue von den Beamten zu fordern.

Der Kammer steht hier nur Eine vernünftige Alternative offen: Entweder sie erkläre den Staatsdiener wieder zur blo­ßen Maschine, zum Staatsknecht, auf dessen politisches Wirken eS gar nicht ankommt; dann muß sie aber auch ein mit solchen Werkzeugen arbeitendes Ministerium von aller