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Nassauische
Allgemeine Zeitung.
* 3ä 120. Mittwoch den 2. August ISAS.
ft Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., J fir den Umfang des Herzogthums Nassau, des Grossherzogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Krankfurt 2 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige
1 Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- !-! «ärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
, Uebersicht.
1 Preußen und Deutschland.
Ueber Ablösung des Zehnten.
Deutschland. Wiesbaden (Die Gesellschaft für Freiheit, Gesetz und 1 Ordnung. Aus dem Stândesaalc). — Koblenz (Fehde zwischen Ems - und Koblenz). — Stuttgart (Die Frömmigkeit und das Wahlrecht.) ( Berlin (Gerücht über den Erlaß des Reichsministeriums. Die „Neue Preußische Zeitung" über die Berliner Zustände. Der König und der ' Prinz von Preußen. Camphausen als Bevollmächtigter nach Frankfurt, i Englands diplomatische Stellung zum Reichsverweser. Die.deutsche Frage ! in der Stadtverordneten-Versammlung).
t Niederlande. Mae st r i ch k (Proklamation des Gouverneurs der Festung). - Italien. Verona (Siegesbericht Radetzky's über die Schlacht bei t Custoppa).
* Preussen und Deutschland.
. Die thörichten Schmähungen gegen Preußen, in welchen 1 es Süddeutschland seit den Märztagen zu einer wahren Vir- ‘ tuosität gebracht hatte, beginnen ihre bitteren Früchte zu tra- ' gen. Das preußische Volk ist nun mit Einemmale störrig geworden. Ließ sich das nicht schon lange vorausschen? Jene haudfesten^Adrèssen der pommerscheu, märkischen, westfälischen Bauern, über welche wir uns vor einigen Wochen noch amü- sirten, gaben sie nicht zu noch etwas weiterem Stoff, als zum bloßen Lachen? Der Unwille, mit welchem das preußische Volk sie Schmäh - und Schimpfzuschriften an den König von Preu- 1 ßen aus den Rheingegenden zurückwies, hätte er nicht zum ' Nachdenken führen sollen? Nein! so feinsühlige Politiker sind ' wir noch lange nicht, und bis unsere Agitatoren etwas spüren sollen, muß wenigstens bereits mit Dreschflegeln dreingeschlagen
' werden. Ist Robert Blum, ist Vogt, Zitz, ist die ganze Linke ' des Reichstags kein politisches Genie? Ja! Sie haben uns ; das bewiesen, als sie die Preußen wie Schulbuben herunter-. putzten und wie Gesindel wegwarfen in einer Zeit, wo Preu-s M allein mächtig ist von allen deutschen Staaten, wo es allein im Stande ist, die Ehre des deutschen Namens nicht blos mit Worten, sondern auch mit den Waffen zu wahren? War das nicht eine fabelhaft feine Politik? Ja! Just eben so fein, wie die unserer Wiesbadener Anarchisten, welche in Wiesbaden ein Nevolutiönchen spielen wollten und dazu mit bewundernswer-
; ihem Takte gerade den Augenblick abpaßten — wo ganz Deutsch- i I innd jubelte, weil die ersten Garantieen der Ordnung und des Gesetzes wieder gegeben worden waren!
I In den Tagen des Vorparlamentes ist auch aus unserer Stadt eine jener Adressen an den König von Preußen abge- sungen, in welchen es an Derbheiten nicht fehlte. Wir halten ks wohl der Mühe werth, die Worte, mit welchen wir damals dwse und ähnliche Thatsachen beleuchteten, jetzt zu wiederholen,, wo sie schier wie eine erfüllte Prophezeihung klingen.
, „Sollen da," so schrieben wir, „die Völker sich ent- iweien, wo ein König den allgemeinen Grimm aufreizt und Ane Takt in bewegter Zeit gehandelt hat? Ist es denn diese . Proklamation werth, daß sich ein gefährlicher Bruch zwischen tzanzen Gauen Deutschlands um ihretwillen vorbereitet? Viel- stlcht lassen doch diese Adressen einen tiefen Stachel — auch N Preußischen Volke zurück. Mir däucht, es hätte Eine Ureste gegeben, beredter noch als alle die, welche nach Berlin gesandt worden sind — das allgemeine Schweigen. — Um des ersten Objektes willen ist es freilich gleichgültig, ob die Ant
wort auf die eine oder die andere Art gefallen wäre, aber die Lage des deutschen Volkes macht einen Unterschied. Die Macht und Herrlichkeit deutscher Nation kann versinken in dem Augenblicke, wo sie eben am glänzendsten auftauchen wollte — durch innere Zwietracht. Und dazu sollte so ein taktloser Aufruf einen, wenn auch nur kleinen Anstoß gegeben haben?"
So hat sich's erfüllt! Ja, mehr noch; der Erfolg ist zur wahren Satyre auf die Wirkungen geworden, aus denen er ursprünglich hervorgegangen. Der König ist jetzt der liberale Mann und ein großer Theil des Volkes spielt den Reationär und spricht sogar von einer Thronentsagung, weil der König zu sehr mit Frankfurt sympathisirt, weil er nicht denkt, wie weiland Metternich ihn gerne denken lehren wollte! Mit dieser beißenden Ironie der Thatsachen ist den polternden Politikern der äußersten Linken recht eigentlich eine weltgeschichtliche Ohrfeige gegeben worden.
Aber diese Stimmung in Preußen, welche mit aller Macht die Selbstständigkeit des Einzelstaates, des Einzelstammes wahren will, hat doch ihren tieferen Sinn. Sie ist der naturgemäße Gegendruck, der sich anstemmt gegen die von der anderen Seite gewünschte Zentralisirung und Ausebnung von all den herrlichen, reichen Abstufungen der deutschen Stammescharaktere ,chie unser Volk ewig verjüngen werden, die es vor Dem trostlosen Schicksal des zentralisirtcn Frankreichs bewahren. Dieser Gegendruck macht sich jetzt in Preußen einseitig geltend, übermächtig, er ist in seinen letzten Konsequenzen eine wirkliche Reaktion, eine Reaktion, gegen die kostbarste Errungenschaft der Gegenwart, die deutsche Einheit. Aber in seinen letzten Gründen ist derselbe wohl berechtigt. Ganz ebenso reaktionär in seinen Uebertreibungen ist das Zentralisirungsgelüste Ruge's u. Ä., und doch wieder ganz ebenso gerechtfertigt in seinen Motiven. So streiten die Grundmächte des Völkerlebens mit einander; die Wagschalen steigen, fallen, halten sich in der Schwebe, — auf beiden Seiten Recht und Unrecht!
Wir dürfen diese preußische Bewegung nicht gering anschlagen, wir müssen sie bekämpfen, wo sie über das Maß steigt, aber wir dürfen auch nie verkennen, daß sie naturgemäß nothwendig war, daß sie uns vielleicht einer tieferen deutschen Einheit entgegenführt, als sonst der Fall gewesen wäre. —
Daß nun die Agitatoren dazu getreten sind, daß sie den natürlichen Wunsch des Volkes, Herr seyn zu wollen im eigenen Hause, in ihrer Weise ausgebeutet haben, ist leider die Schattenseite. Hat man doch den Soldaten weiß gemacht, daß mit dem Huldigungseid für den Reichsverweser der jüngst für den König und die Verfassung geleistete Schwur gleichsam wieder abgeschworen würde, daß nunmehr Preußen so gut als mediatisirt sey, hat man doch dem Volke aufgebunden, daß jetzt der Reichsverweser Alles nach Belieben drunter und drüber werfen könne im preußischen Staate, daß er nur seine Hand in des Landes Kassen zu stecken brauche, wenn er Geld' bedürfe w. Darin besteht leider jetzt noch größtentheils die Mündigkeit des Volkes, daß es Dem am liebsten glaubt, der am allerfabelhaftesten a u f sch n e i d e t!
Wir sehen nicht ohne Bangen dem 6. August entgegen, aber wir hoffen doch auf eine glückliche Lösung und dann'auf einen reichen Gewinn. Es ist uns wieder einmal ein Crem- pel statuirt worden! Und der erste Gewinn, den wir aus der, Lösung dieser schwierigen Frage ziehen dürften, wird, so Gott will, eine Staatenkammer neben dem Reichstage seyn.