Todten so groß sey, daß man für Niemand mehr läutete, und daß die Leichname Aller, der Reichen wie der Armen, auf gleiche Weise auf dem allgemeinen Wagen fortgeschafft würden. Mitten in dieser Drangsal, als der Kaufmann eben anfing, mit seinem neuen Kommissionär recht zufrieden zu seyn, und dies um so mehr, da er sich auf ihn verließ, weil er durch die Krankheit selbst vor ihren Angriffen geschützt war, überraschte es ihn sehr, als er ihn eines Morgens vergebens rief; er rief ihn noch mehrere Male diesen und den folgenden Tag: feine Antwort erfolgte. Er konnte keinen andern Aufschluß erhalten, als den, welchen ihm endlich ein an der Thür eines benachbarten Hauses sich aufhaltcnder Watchman gab, der ihm sagte, sein zweiter Kommissionär, Thomas Molins. sey von der Pest ergriffen. „Manche von denen, die zwei oder drei Mal genesen waren," fügte er hinzu, „sind endlich doch noch daran gestorben." Am folgenden Tag benachrichtigte ihn derselbe Watchmann, Thomas Molins sey in der vergangenen Nacht mit dem Leichenwagen geholt worden. Der Kaufmann schloß sogleich sein Fensterchen und ward durch den Gedanken sehr betrübt, daß zwei Unglückliche auf diese Weise ihr Leben verloren hatten, um ihn zu retten.
Nach Verlauf von zwei Wochen öffnete er, ungeduldig darüber, daß er ganz und gar ohne Nachricht blieb, die Listen der Gestorbenen nicht mehr erhielt und nur den traurigen Lärmen der Wagen hörte, das Fenster wieder, zündete doppelt Lauspulver an, rief den Watchmann, fragte ihn nach seinem Befinden und that noch einige Fragen an ihn über das Haus, zu dessen Bedienung er angestellt war.
„Ach, mein Herr," entgegnete dieser, „alle Glieder dieser Familie ssind gestorben, der Tagelöhner ausgenommen, und auch diesen hat man in das Hospital geschafft. Ich bin jetzt vor dem Hause daneben, in welchem drei Kranke und ein Todter sind."
Er fügte noch hinzu, daß die Liste der vergangenen Woche 800 Todesfälle enthalte, daß aber die Pest an dem andern Ende der Stadt, in den Vierteln Saint-Gilles und Holborn, in denen die mehrsten Bewohner gestorben oder verreist waren, an Wirksamkeit Nachlasse, dagegen auf der Seite von Oldgate und Stepney furchtbar überhand nehme, so wie in Southwark, wo sie bisher nicht so heftig gewesen, als in den andern Vierteln. Es starben noch vier- bis fünfhundert Personen wöchentlich in Cripplegate und gegen achthundert in Stepney.
Nach Verlauf eines Monats fing die so eingeschlossene Familie an, am Scharbock sehr zu leiden, eine Wirkung der gesalzenen Speisen, von denen sie lebte; doch wurde dieses Uebel durch Anwendung von Limonien und Zitronensaft bald gehoben.
Nicht zu erwähnen die mit einem Kreuze und den über der Thür befindlichen Worten: „Herr , erbarme dich unser!" bezeichneten Häuser, boten die Straßen einen traurigeu Anblick dar. Das Pflaster war mit Rasen bedeckt. Zwanzigmal sa
hen der Kaufmann und die Seinigen durch das an der Hausthür befindliche Fensterchen, und bemerkten kaum einen Vorübergehenden. Alle Läden waren geschloffen, ausgenommen die der Apotheker und Höcker, welche man für diejenigen halb offen ließ, welche Arzneien oder Lebensmittel kaufen wollten. Keine Kutsche, kein Wagen den ganzen Tag, wenn nicht von Zeit zu Zeit der Wagen des Hospitals kam, einen Kranken zn holen, während der Glöckner drei- bis viermal des Nachts vorausging und rief: „Bringt Eure Todten her!"
(Schluß folgt.)
i Ueber die ursprüngliche Bedeutung der Formel „Von Gottes Gnaden". (Archivalisch-historische Nachweisungen).
Vom nördlichen Taunus. Unkenntniß der Geschichte und der geschichtlichen Urkuudenformeln hat an dem obigen Ausdrucke in der neueren Zeit Anstoß genommen und Ideen damit in Verbindung gesetzt, welche dem ursprünglichen Gebrauche ganz fremd waren. Unsere frommen Vorfahren noch im vorigen Jahrhunderte pflegten zu Anfang einer jeden schriftlichen Abfassung irgend ein Zeichen des Andenkens an Gott oder Christus zu setzen *). Die ältesten christlichen Schrlften jeder Art, nicht bloß amtliche Urkunden, beginnen in vielfachen Abwechselungen mit einer und derselben ständig gewordenen Formel In nomine Dei, oder Domini, oder Salvatoris , oder in nomine sanctae et individuae trinitatis (Im Namen Gottes, im Namen des Herrn, im Namen des Heilandes, im Namen der heiligen und untheilbaren Dreieinigkeit), bis letztere im Laufe der Zeit feststehend wurde. Ebenso schließen sie mit einem Preise Gottes, oder einem Wunsche, z. B. actum , ex- plicit feliciter, Amen, Aehnliches geschah bei den alten Heiden; die Anfangsformel der Römer Q. B. F. F. F. Q. 8. (d. h. Quod bonum, felix, faustum fortunatumque sit) ist hinreichend bekannt. So wurde im Mittelalter nicht nur dieses Explicit, sondern auch Deo gratias ein gleichbedeutender Ausdruck für Schluß, Ende. Daher findet man am Schluffe von allerlei Schriften, theils vom Verfasser, theils oft bloß von dem Abschreiber ausgehend, den Trost- und Freudenruf: „Ach Gott, wie froh ich was, do ich schrieb deo gratias." Sogar B ö h m e r hat ihn gebraucht, in Scherz und Ernst, am Schluffe des ersten Bandes seines codex diplomaticus Francofurtanus vom Jahr 1836. — Macht, Glück und Reichthum hielten schon die alten Heiden, den neidischen Göttern gegenüber, wie bei Herodot steht, für Etwas, wofür man gleichsam die Himmlischen um Verzeihung bitten
*) Sogar Schneider- und Schuster-Rechnungen begannen mit L. D. d. h. Laus Deo , weßhalb bei den Studenten jede Philister-Mahnung all- mählig scherzweise „ein laus Deo" zubenamt wurde. Danach heißt auch „Jemandem sein laus Deo geben" soviel als „den Tert lesen."