Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 116. Freitag den 28. Juli 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. —. Der vierteljährige PräiiumerationSpreis ist in Wiesbaden 8 fL, ir den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GrvßherzogthumS und KurfürstenthuniS Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt rankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige .stitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auS- >irts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
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Uebersicht.
Lk" Keichsverweser über den italienischen Strieg.
Nauanischer Eulenspicgel.
Dei'tfchland. Wiesbaden (Landtag.) — Dillenburg (Kotillon-
J wall). — Frankfurt (Reichstagssitzung). — Karlsruhe (Kammerbeschluß über das Verbot des demokratischen Studentenvereines). — Stu ttgart (Das Theater geschlossen). — Berlin (Der konstitutionelle Kongreß. Das Denunziantenwesen. Die Schutzmänner). — Wien (Aufhebung des demokratischen Klubbs. Des Kaisers Abwesenheit und ihr, Einfluß).
Lonaufürstenthümer. Wallachei (Die provisorische Regierung a» den Zar).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Reiehsverweser über den italienischen Krieg
^Mon der Oder, 20.' Juli. Der Erzherzog-Reichsverweser at bei seiner Durchreise ,durch die preußischen Staaten sich klegentlich dahin ausgesprochen, daß Oesterreich den italie, Erieg mit allen Kräften fortsetzen müsse. Obgleich lese Behauptung den Beifall einer gewissen Partei in Deutsch- anb nicht erhalten wird, so kann man sich im wahren Sitte# esse Deutschlands doch nur und zwar um so mehr darüber reuen, als der deutsche Reichsvcrweser sie ausgesprochen. Er weist nämlich dadurch, daß er die Politik Deutsch- ands aus einem höhern Gesichtspunkte betrach- tt. Da nämlich die Insurrektion der italienischen Staaten Oesterreichs als letzten Zweck die Einheit Italiens, also die Züchtung eines starken italienischen Reichs verfolgt, so ist eS krcht einzusehen, wie bedenklich es für Deutschland wäre, ivenn dieser Zweck erreicht würde. Jetzt ist Deutschland bereits zwei mächtigen Nachbarn, von Rußland und Frankreich, ’N Osten und Westen bedroht. Unterliegt Oesterreich im italischen Kampfe, so kommt zu jenen beiden noch ein dritter Mächtiger Nachbar, nämlich Italien, hinzu. Und was verlangt von uns? Nichts weniger als zwei deutsche Provinzen, ^mli# Südtirol und Istrien. Mögen daher unsere sentimen-
Kosmopoliten und die blinden Radikalen noch so laut 9?9en den italienischen Krieg auftreten und Oesterreich rathen, l Lombardei und Venedig aufzugeben: der im deutschen lchsverweser verkörperte wahre deutsche Patriotismus wird andern bekannten Gründen auch aus dem oben ange- den österreichisch-deutschen Waffen in Italien Glück Aschen. (D. A. Z.)
Naffanischer Eulenspiegel
XI.
entarische Konsequ e u z.) Als der Kam- daS „Von - Gottes - Gnaden" gefaßt wurde, ''“iVeftntgdfonuniffür die Kammermitglieder, ob sie fiep besinnen und diesen Beschluß wieder zurücknehmen
„Glauben Sie, wir seyen Kinder?" rief da ein Abgeordneter, „daß Sie uns ansinnen, nach fünf Minuten zu widerrufen, waö wir beschlossen?"
Als der Kammerbeschluß gefaßt wurde, welcher dem Ministerium einen Dank votirte, weil es unsere Stadt vor großem Unheil behütet hatte, erhob sich derselbe Abgeordnete und votirte mit der großen Mehrheit. Des andern Tages aber biß ihn die Reue über seinen Beschluß und er widerrief denselben, schwarz auf weiß sogar.
Dies ist auch keineswegs eine Inkonsequenz; denn wenn man einen Beschluß, welcher dem Regierungöbeamten Verdruß macht, widerruft, dann ist man allerdings ein Kind; wenn man aber einen der Regierung günstigen Beschluß widerruft, dann ist man ohne Zweifel kein Kind.
XII.
Vor Kurzem miethete ich drei Arbeiter in Tagelohn. Der Eine erschien des Morgens um 6, der Andere um 9 Uhr, der Dritte stellte sich ganz gemächlich erst um 11 Uhr ein. Um 6 Uhr Abends machten alle Drei Feierabend. Als eS nun an den Lohn ging, verlangten sie — ganz wie der Weinberg-Arbeiter im Evangelio — den gl eich en Loh n. Als ich mein Erstaunen darüber ausdrückte, sagten sie, das sey Organisation der Arbeit.
Die Thatsache ist buchstäblich wahr; ich möchte nur wissen, nach wessen Heften diese armen Leute ihre „Theorie der sozialen Fragen" hatten?
XIII.
(Pädagogische Winke.) Bei Knaben hilft bekanntlich das Predigen wenig, sie wollen, daß man sich kurz fasse; aber noch lieber als selbst eine kurze Vermahnung ist ihnen ein lebendiges Gemälde, ein Beispiel, an dem ihnen anschaulich gemacht wird, was sie zu thun und zu lassen haben.
Die alten Spartaner hielten sich deshalb, wenn sie die Tugend der Mäßigkeit ihren Söhnen empfehlen wollten, an einen oder den andern Sklaven, von dem sie voraus wußten, daß er betrunken sey — den zeigten sie dann ihren Söhnen; und das wirkte tiefer und bleibender als die ergreifendste Rede. Es dürste demnach eine weise Maßregel seyn, der Jugend Mittel an die Hand zu geben, durch die ihr, wie jenen jungen Spartanern, vor manchen Schwachheiten und Lastern ein unauslöschlicher Ekel eingeprägt würde.
Hast du z. B. einen Sohn, der zur Grobheit und Lümmelei hinneigt — führ' ihn in den Ständesaal, er wird dort lernen, was Anstand ist, und daß man anständiger Weise „sogar mit dem Rücken hören" kann.
Hast du einen Sohn, der zu Selbstvertrauen und männlichem Wesen nicht gelangen kann: zeig' ihm in jenem Saale Einen, der bei einer entscheidenden Gelegenheit wenige Minuten vor der Abstimmung sich in ein Nebenzimmer flüchtet und das Ergebniß derselben dort abwartet!
Hast du einen Sohn, der im Urtheile vorschnell ist, führ' ihn in den Ständesaal, er wird dort lernen, daß man auch über Dinge zu Gericht sitzen kann, die man weder gesehen noch gehört hat.
Wenn- aber selbst diese umgekehrte Pädagogik nichts hilft und dein Sohn nicht einmal im Ständesaal kurirt wird, dann gib ihn auf und denke, an ihm sey Hopfen und Malz verloren. —