Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 115» Donnerstag den 27. Juli 1848»
Dir Kaff. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des GroßherzogthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Lrankfu'tT fl. 30 fr., in den übrigen Länderndes fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaitungsgebjetes Ä fl. 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts «/ den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
ZI e b e r s i ch t.
Der Gewinn Rußlands aus der Februar-Revolution. Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Der mathematische Theil in dem Spezialvotum des Abg. Lang). — Frankfurt (Reichstagssitzung).
, —Mannheim (Hecker soll nach Amerika gehen). — Karlsruhe Die Korrespondenz der Regierung mit dem bayrischen Kommandirenden).
— Berlin (Der konstitutionelle Kongreß). — Wien (Thronrede des Erzherzog Johann. Ein sanskülvttisches Blatt. Die Offiziere gegen die schlechte Presse).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Donaufürstenthümer. Jassy (Einrücken der Russen. Die Cholera).
Sprechsaal für Stadt und Vanb.
Der Gewinn Rußlands aus der Februar- Revolution.
Ein Londoner Blatt, der „Grammer" bringt folgenden Artikel über die politische Stellung Rußlands, der wenn auch einseitig, doch ein eigenthümliches und neues Licht aus die möglichen Absichten dès großen Slavenreiches wirft.
„Rußland hat keinen Grund, über die Februar- und März- revolutionen und ihre Ergebnisse verdrießlich zu seyn. Man hat den Czar fast allgemein so vorgestellt, als wüthe er vor Entrüstung und Ungeduld; bei einiger Aufmerksamkeit wird man im Gegentheil einsehen, daß er sehr kaltblütig und gesammelten Gemüthes beschäftigt war, die Früchte jener Revolutionen zu sammeln.
Die Julius-Ereignisse von 1830 störten einen der tiefst und geduldigst angelegten Plane zu russischer Vergrößerung; jetzt sieht Rußland den Weg vor sich geöffnet, denselben Plan zu verwirklichen, aber durch ganz andere Werkzeuge und Mittel. Die ersten offenbaren Ergebnisse der letzten französischen und deutschen Umwälzung sür Rußland waren: es hat dadurch die Herrschaft über den Sund und den Bosporus erlangt, diese zwei großen Ziele des russischen Ehrgeizes. Ja, diese beiden Ziele wurden erreicht ohne die Wahrnehmung, eweige denn die Empfindlichkeit Europa's zu erregen. Der
: hatte lange gewünscht, daß die Könige von Schweden und Dänemark volles Vertrauen in ihn setzen möchten. Aber beide, wie liebenswürdig und willfährig sie auch gegen ihn sich benahmen, behielten doch immer ein gewisses Maß von Mißtrauen bei, und während sie sich auf russische Freundschaft stützten, waren sie doch darauf bedacht, derselben in englischen uud selbst französischen Verbindungen ein Gegengewicht zu ân. Die russenfeindlichen Gesinnungen in Dänemark waren Üark, ja sie waren identisch mit ähnlichen Gesinnungen in Deutschland: der Teutone und der Skandinave schienen gemeinsame Sache zu machen gegen den Tataren.
Die Erhebung Schleswigs und der Einfall der Preußen hat all dies verändert. Nach diesem Einfall war der erste Impuls der Dänen zu England zu flüchten und mit Berufung auf Verträge dessen Hülfe anzusprechen. Die englische Regie- umg räumte das Daseyn der Verträge ein, Beistand zu leisten lag aber nicht in ihrer Macht; wenigstens konnte sie kein bewaffnetes Einschreiten versprechen. Der dänische Hof wandte Ilch sofort an Rußland, und Rußland gewährte, was England versagen mußte: allfällige Intervention um die Eroberung
einer dänischen Provinz durch die Deutschen zu verhindern. Diese Jnterventionsdrohung hat ihre Wirkung gethan. Die Deutschen haben sich zurückgezogen, einen Waffenstillstand geschlossen; über einen definitiven Frieden wird unterhandelt. Dafür mag Dänemark Rußland danken, und es dankt Rußland dadurch, daß es dasselbe an die Spitze deS skandinavischen Bundes stellt. Der Sund ist in russischen Händen oder unter russischem Einfluß; der Petersburger Hof kann ihn, und die ganze Ostsee dazu, morgen schließen. Nachdem wir so die erfolgreiche Thätigkeit der russischen Politik im Norden betrachtet, wollen wir uns nach Süden wenden.
Was war die erste Folge der sranzösischen Februarrevolution in Konstantinopel? Der Sturz Reschid Pascha's. Dieser Minister wurde gehalten durch Englands und Frankreichs Einfluß und durch das Vertrauen, welches der Sultan in die Macht dieser beiden freien und konstitutionellen Staaten gesetzt. Aber die Katastrophe in Frankreich und in Folge dieser die Suspension seines großen auswärtigen Einflusses Heften dem Sultan nur England als Stütze übrig, und England in seiner jetzigen übersriedfertigen Laune zählt für nichts. Der Sultan unterzeichnete daher, auf Rußlands Wunsch, ohne allen Grund oder auch nur Vorwand die Entlassung Reschidö, und ernannte auf seinen Posten in Riza Pascha's Person zwar einen fähigen Mann, der aber notorisch ein Werkzeug Rußlands ist. Sir Stratford Canning war abwesend; aber wär' er auch in Konstantinopel gewesen, was hätt' er thun können? Nichts. Die Zeitungen haben den nachherigen Empfang des französischen Gesandten, General Aupick, in Konstantinopel geschildert. Einen Lakaien hätten die Türken nicht unzerimo- niöser empfangen können. Und das Spaßhafte dabei ist: die Russen sind geschickt genug , dieß als die Wirkung englischer Eifersucht darzustellen. Während aber dieß in Konstantinopel gezettelt wird, bereiten die Russen die Invasion der Donau- sürstenthümer vor. Solange die jetzige deutsche und slavonische Gährung dauert — und wie sollte sie aufhören? — wird Rußland einen militärischen Cordon ausgestellt lassen um den Liberalismus, angeblich im Interesse der Pforte, in den Donau- provinzen darnieder zu halten. Dieser Vorwand, in Verbindung mit dem zerrütteten Zustand Oesterreichs, der Jsolirung Ungarns und der Unterwürfigkeit der Türkei, mag völlig hinreichen, den Russen die bleibende Herrschaft über jene Provinzen zu geben, und so einen seiner weltlichen Schritte (neben den geistlichen) zur Herrschaft über den Orient zu vollenden. Dennoch hegen wir annoch die stärksten Hoffnungen, daß diese Entwürfe Rußlands zu Schanden werben.
Die Cholera ist in St. Petersburg. Wenn sie dem Autokrator daheim zu schaffen gibt, und seine Macht und böse Lust, die Angelegenheiten Westeuropa's zu verwirren, beschränkt, so wird sie für die Leiden, die sie verursacht, einige Vergütung leisten. Aber wehe uns, wenn diese schreckliche Seuche, von der empfänglichen russischen Schweinenatur fortgepflanzt, mit russischen Heerhaufen nochmals bis an die Gränzen des zivili- sirten Europa rückte!"
D e u t f ch l a n d.
* Wiesbaden, 25. Juli. (Ständeversammlung.) Schluß. Beim 8. 2: „Bleiben diese Maßregeln ohne Erfolg, jo hat der mit der Erhebung der öffentlichen Abgaben und @e^ fälle beauftragte Rezepturbeamte alsbald dem Amt die An-