Nassauische
Allgemeine Zeitung
M 114
Mittwoch den 26 Juli
1848
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums und Kurfurstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes £ fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
U e b e r si ch t.
Deutschland und Oesterreich.
Deutschland. Wiesbaden (Die neue Organisation des Medizinalwesens.
Die Feier deS 24. Juli. Landtag). — Hadamar (Scheitern eines konstitutionellen Vereins). — Vom Fuße des W esterwaldeS (Die Uniform der Staatsdiener). — Frankfurt (Beschlüssedes Gewerbekongresses. Die Paulskirche für den Winter hergerichtet). — Mannheim (Die auS- gewanderten Heidelberger Studenten). — Karlsruhe (Verbot aller demokratisch-republikanischen Vereine). — Aus Franken (Die Ernte). — Köln (Die Werbungen für Hecker). — Berlin (Ehrengericht bei der Bürgerwchr. Brief des Königs von Hannover). — Prag (Der Belagerungszustand aufgehoben).
Türkei. Konstantinopel (Türkische Flotte gegen die Seeräuber).
Deutschland und Oesterreich.
(Aus der Weser-Zeitung.)
Die Erhebung des Erzherzogs Johann, welchem die alte Zuneigung des Oesterreichers zu seinem Kaiserhause heute allein noch treu geblieben ist, an die Spitze des vereinigten Deutschlands hat mächtig dazu beigetragen, den alten hâlbvergessenen und offen bestrittenen Satz, daß Oesterreich deutsch ist, vornehmlich auch in den südwestlichen Alpenländern wieder neu ins Gefühl und Bewußtseyn der Völker zu rufen.
Man weiß, welch eine Mauer ein verknöchertes Staatssystem um die deutschen Staaten Oesterreichs durch Zensur, Mauth und Polizei gezogen hatte. In den steirischen und ty- rolischen Alpenthälern war die Idee des Deutschthums so gut wie erloschen, und was die Gewalt der Rede und Schrift in langen Jahren dort schwerlich wieder hergestellt haben würde, das ist durch die Wahl des Erzherzogs, dessen Name in jeder Alpenhütte, vom Ortles bis zum Sömmering herab, wie der eines lieben Freundes klingt, mit einem Schlage erreicht worden. Nun werden die Blicke ihm willig nach Frankfurt fol- gm, welches bis dahin doch für diese Lande wie im fernen Auslande lag. Die Sache, welcher der Erzherzog seinen Namen leiht, muß eine solche seyn, für die jedes guttyroliscke Herz hoch schlagen kann. So führt der Erzherzog tausend tapfere und treue Tyroler Herzen der Sache der deutschen Einheit zu.
Unser Reichstag ist vor der Thür, von welchem wir die friedliche Lösung des verworfenen Knotens unserer politischen Me erwarten wollen. Eine Regierung gibt es nicht. Das Ministerium liegt seit Wochen in den Wehen, der Kaiser ist ^lc vergessen in seiner freiwilligen Verbannung zu Innsbruck. Tus Studentenregiment der Aula — das begreift sich immer Mr, — wird uns nicht die Verwicklungen lösen, die mit dem yrrannahenden Reichstag immer ernster sich gestalten. Waö unter solchen Umständen der Verlust einer Persönlichkeit, wie die des Erzherzogs Johann, bedeutet, brauche ich nicht erst zu uefchrelben.
Oesterreich, gestehen wir es uns, liegt jetzt in einer sehr gefährliche« Krisis. Abgesehen von dem Umstände, daß die ftudalen Jnstiutionen seiner mittelalterlichen Verfassung in .Pworfen , auf deren Basis die Freiheit ihr orqani- jcbeS Gebaute noch nicht aufgeführt hat, sind jetzt durch eine von oben bis unten herrschende Anarchie die inneren Verhält-
niffe in ein solches Chaos getrieben, welches allein schon jeder staatlichen Existenz den Todesstoß versetzen muß, und den Zusammenhalt der Provinzen noch derartig erschüttert, daß so leicht ein günstiger rettender Ausweg gar nicht abgesehen werden kann. Es müßte denn die Wirklichkeit in das Dilemma unserer Vernunft, dessen Beantwortung überall die Negation ist, noch ein drittes, zur Zeit uns noch unbekanntes hineinbringen.
Gegen Italien führt Oesterreich einen an Geld und Menschenleben kostspieligen Krieg, ohne Hoffnung, im günstigsten Falle mehr als das Venetianische zu erhalten, von dem doch nie und nimmer angenommen werden kann, daß es in einer derartigen, Verbindung nicht einen, seinen Sympathien und Pflichten widersprechenden Zwang erblicken sollte.
Gehen wir weiter. Sehen wir auf Dalmatien, das in seinen Hinneigungen zu Italien oder der südslawischen Idee noch zu keinem Entschlusse gekommen, auf Kroatien, Slawonien und die Militärgränze, Länder, die im blutigen Bürgerkriege mit Ungarn verwickelt sind, welches letztere noch sehr bedeutende Hindernisse der Gründung einer „Slowenin" zu legen verspricht und bei seinen gegenwärtigen Maßnahmen mehr der Verbindung mit einem großen und starken, von gleichen Interessen getriebenen Deutschland, als das Starkmachen der Gesammtmonarchie vor Augen hat; auf Galizien, wo zur alten zwischen Bauer und Edelmann ausgestreuten Kadmussaat noch der von einer bestimmten Seite her heraufbeschworene Kampf zwischen Ruthenen und Masuren hinzukömmt und das dennoch seine letzten verzweiflungsvollLN Anstrengungen zur Erlangung der Unabhängigkeit bei günstiger oder ungünstiger Gelegenheit machen wird; auf Böhmen, desten auflovernder, in seinen Konsequenzen dem Panslawismus zuarbeitender Czechismus noch lange nicht als erloschen betrachtet werden kann, und endlich die deutschen Provinzen, in deren Schoße das deutsche Bewußtseyn nach langem Todesschlaf plötzlich wieder lebendig geworden ist, für die der engste Anschluß an Deutschland gar keine Frage mehr seyn kann. Wo ist der Kitt, der da bindet? Wo ist der Staatsmann, der diesen tausendbrüchigen Körper einrichtet. An Quacksalbern wird es freilich nicht fehlen, die all die aus ihren Fugen gerissenen Theile in die eiserne Form eines „großen Oesterreichs" zu bringen suchen werden. Der bornirte Patriotismus, eines weiteren politischen Blickes unfähig, wird in sentimentalen rednerischen Ergüssen über diesen Gedanken sich ergehen, der Ultramontanismus und Büreaukratismus auS guten Gründen mit aller Kraft seiner Sophistik dafür einstehen und selbst der Slave wird wärmeheuchelnd ihn vertheidigen, da er die Form abgibt, unter welcher alle seine Plane systematisch weiter entwickelt werden können.
Die parlamentarischen Kämpfe über die obschwebenden Fragen werden, wenn auch weniger rhetorisch, so doch heißer seyn als irgend ein Reichstag sie noch gezeigt hat. Denn nirgends standen sich noch heftigere politische Parteien, — Nation gegen Nation, ein nacktes politisches Prinzip gegen das andere — entgegen. Der Deutsche ist zwar an Kopfzahl der Schwächere, aber er führt Intelligenz, Offenheit, Ueber# zeugung und starken Willen mit ins Feld. Darum fürchten wir nicht, daß nicht der deutsche Gedanke auch in dieses Chaos sein Licht bringen und endlich den Sieg davontragen wird. Der Deutsche, welcher nicht mehr darauf ausgehen kann, die eine Nationalität durch die andere zu erdrücken uno neue Keile in die Nisse des kaiserlichen Reichsapfels zu treiben, sondern