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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^g 102. Freitag den LL. Juli 1848.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem beUetriiiijchen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige PränumerativnspreiS ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des HerzvgthumS Nassau, des GroßherzogthumS unt Kurfurjienthums Hessen, der Laiidgraffchaft Hessen-Hamburg und der freien Stadr Frankfurt 8 fl. 30fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verivaltungsgebietes 8 fl. 40 fr.Inserate werden die dreispaltige Petitzeile aber deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Befinden wir uns auf dem Standpunkt der Revolution? Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Die Regierung. Die Unver­antwortlichkeit des Reichsverwesers). Frankfurt (Erzherzog Johann in der Reichstagsversammlung. Illumination). München (Offizieren und Beamten die Theilnahme an den KlubbS untersagt). Halle (Versammlung sämmtlicher konstitutioneller Vereine der Provinz). Berlin (Volksversammlung mit Gendarmen. Eine Versammlung der deutschen Souveräne. Adelige Heirathsklauseln). Schleswig-Hol­stein (Welcker in Lauenburg). Wien (Der Minister Pillersdorf dankt ab).

Galizien. (Der Jesuitenorden). Donaufüvstenthümcr. Von der walachischen Gränze (Die poli­tische Bewegung).

0 Befinden wir uns ans dem Standpunkt der Revolution?

Als von den Zicthen'schen Husaren ein Haufen Kosacken und Baschkiren, die plündernd und raubend awgegriffen waren, vor Friedrich den Großen gebracht wurden, sagte er zu dem tapfern General Wedell:Sich' Er, mit solchem Gesindel muß ich mich herumschlagen!" Ein gleicher Widerwille bemächtigt sich unser, wenn wir in der Presse und auf der Tribüne ebenso vagabundirenden Begriffen und Phrasen begegnen, die den unbe­fangenen gesunden Verstand des Bürgers berücken und brand­schatzen und nur geeignet sind, durch immerdauernde Aufregung das Mißtrauen und die Unzufriedenheit fortwährend zu erhalten, die Befestigung der Einheit, Freiheit und Sicherheit Deutsch­lands zu erschweren und den Glauben an alle Gesetzlichkeit zu zerstören.

Eine solche Lieblingsphrase, die jeder patriotische Bürger verpflichtet ist, von Land zu Land per Schub aus der Gränze der gesunden Verstandes zu weisen, ist nämlich jene Behaup­tung,daß wir noch auf d ein Sta ndp u nkte der Re­volution stünden." Es ist allerdings sehr bequem, sich eines solchen fertigen Satzes zu bemächtigen und ihn auszubeu­ten in dem Interesse bèr Willkür, Gesetzlosigkeit und Anarchie; aber befremdend ist es und doppelt unwürdig muß es erscheinen, wenn selbst ein Landtagsabgeordneter mit diese Ansicht vertritt, er, der berufen ist, den durch eine Revolution erschütterten Zu­stand der Gesellschaft wieder auf die Bahn der Gesetzlichkeit und der Ordnung zurückzuführen, und den durch den Willen des Volkes mit dem Fürsten am 4. März neu eingegangenen Ver­trag nach dem Geist desselben durch organische Gesetze die er- Eigene Freiheit zu sichern und zu befestigen. Durch jenen Ver­trag wurde die Revolution mit Zufriedenheit der paktiren- den Theile beendigt. Sic ist mit Annahme jener 9 Punkte strirt^ kg ist ein abgelaufener Prozeß, der durch die Mitwirkung der Stände Festigkeit und durch die Kraft des Gesetzes seine Helligkeit und Unverletzlichkeit erhalten soll. Bedenkt jenes -Attglied der Kammer nicht, daß es sich durch jene Behauptung, daß wir uns noch jetzt auf dem Boden der Revolution befänden, / der überdies jede objektive Wahrheit fehlt, bedenkt es nicht, daß da sich den Boden der Gesetzlichkeit unter den Füßen wegzieht, es der ganzen Kammer den Nechtsboden nimmt, stellt ds sich nicht selbst auf den Boden der Gesetzlosigkeit? Stellt es

nicht die Kammer schutzlos und bloß, gibt es sie nicht der Ge­walt und Reaktion der Regierung preis? Und wenn dieser Fall einträfe und die Regierung den Weg des Rückschritts betreten würde, würde der Abg. Lang sich wohl wie ein Lamm den Folgen seiner Behauptung leidend und ergeben hingeben? Würde er nicht vielmehr Jammer und Roth über brutale Ge­walt, Beeinträchtigung aller Menschen- und Bürgerrechte, über Schutz- und Gesetzlosigkeit, Tyrannei und Despotismus, über Wort- und Treubruch des Vertrags klagen? In einem sol­chen Falle würde ohne Zweifel der Standpunkt der Revolution von ihm wieder aufgegeben und der Standpunkt der Ge­setzlichkeit beansprucht werden, bis die Heiligkeit und Unverletz­lichkeit seiner Persönlichkeit wieder gerettet wäre. Man soll daher den Teufel der Gesetzlosigkeit nicht an die Wand malen und die Reaktion provoziren, sonst könnte sie einmal über ibn Hereinbrechen.

Was ist das diagnostische Symptom der fortdauernden Revolution? Wo hat sie dann ihren Sitz, woran ist sie zu erkennen?

Es mögte schwer seyn, dies anzugeben oder gibt es vielleicht keine bestimmte Frist, innerhalb welcher eine Revo­lution ablaufen muß, ein Revolutions-Termin, eine Verjäh­rung. ähnlich wie der Besitz in einer gewissen Reihe von Jahren geheiligt wird? Over ist sie alsdann erst beendigt, wenn Herr Lang den Finger an den Puls des Staates legt und sagt: Nun ist die Krisis da, nun ist die Revolution vor­über. Run kann ich mich zurückziehen, der Patient ist gerettet, wenn auch sein Zustand noch ein wenig aufgeregt ist. Dieß ist von keiner Bedeutung.

Auch wäre es möglich, daß er unsere Revolution von der ersten französischen Revolution her datire, und daß er in der Konstitution von 91, 93, in dem Direktorium, dem Kai­serreich, der Restauration, keinen gesetzlichen geordneten Zu­stand anerkenne; vielleicht steigt er noch höher hinauf und wir befinden uns seit der Reformation in jenem Zustande.

Es wäre in der That Zeit, wenn ein Theil unserer Kammer mehr Intelligenz und Würde, mehr Gemessenheit in Gedanken und Wort in sich aufnähme und nicht einen Ton an­stimmte, den man auf den Sitzen der Deputirten nicht zu finden erwartet. Wir haben statt jener harmlosen, humori­stischen Kammerverhandlungenüber dfe Füchse und Ka­tzen" aus früherer Zeit, einen reichlichen Ersatz in anderer Weise erhalten.

Ein Abgeordneter, darf die Fahne der Revolution, die der Gesetzlosigkeit in den Räumen der Kammer nicht aufpflan­zen. Bei der Demagogie, wie bei dem Absolutismus sind die Leidenschaft und die Dummheit und der Egoismus stets die letzten aller Gründe und wo Selbsttäuschung und Wahn Prin­zip ist, da wird die Sprache der Mäßigung, des Gesetzes und der Besonnenheit stets Verrath heißen. Wenn diese Eigen­schaften einem Volke abgehen, dann ist die Freiheit für dasselbe gleich einer Waffe in der Hand eines Verrückten und führt zu Zuständen, wie die in Frankreich, zur Schreckensherrschaft der" gesetzlosen Masse, zur Tyrannei und Despotie von Unten.

Deutschland

* Wiesbaden, 12. Juli. cStânbcvn-s^

Während der Setz- und Hegezeit (2. Februar bro 24. * >3