Beiblätter
.rur Nauruischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 101» Donnerstag den 13 Juli 18^8.
Der Schmied von Löhnberg.
Eine nassauische Dorfgeschichte von W. H. Riehl.
(Fortsetzung.)
Es war nämlich selbiger Zeit ein streng Gesetz ergangen in den nassau-oranischen Landen, daß kein Schmied seine Esse heizen solle, bevor die Glocke vier geschlagen und das Morgen- glöckchen geläutet habe. Denn auf den Dörfern brachen wiederholt Feuersbrünste aus, denen man bei den strohgedeckten Lehmhütten des Gebirges kaum wehren konnte, veranlaßt durch das Schmieden in der Frühe, wann die Nachbarn noch im Schlafe lagen; und zudem riß die Unsitte, schon um zwei Uhr vor dem Ambosse zu stehen, meist doch nur deshalb ein, weil Meister und Gesellen des Nachmittags, der Arbeit ledig, in den Schenken umherschlendern wollten.
Tönges und Leisa machten sich übrigens wenig aus des Ortsdieners Warnung. Sie hätten freilich wegen des Schultheißen in Unruhe seyn dürfen; allein in Zeiten, wo der Tod zu jeder Stunde über unsere Schwelle schreiten kann, fürchtet man sich nicht vor dem Schultheißen von Löhnberg.
II.
Es ist wohl traurig, einsam in der Fremde zu erkranken, wo man verlassen liegt, ein ungesreundter Mann, wo kein liebender Mund uns Muth einspricht, wo keine Hand einer Mutter oder Gattin besorgt das Kissen uns glatt streicht. Da fühlt man recht, was „vergessen" und „verlassen" für schreckliche Worte sind. Aber es gibt ein noch schrecklicheres Wort, daS heißt „verstoßen".
Leisa schlüpfte scheu durch den Garten hinter des Schulzen Haus, der wüste lag in dieser traurigen Zeit, die Beete von Nesseln, Quecken und Nachtschatten überwuchert, die Obst- bäume durch Moos und Flechten verderbt. Leisa's Auge blickte ernst, aber der Abglanz einer stillen, seligen Freude spiegelte sich darin; das war der heimliche Gang — die Sonne stand etwas über Mittag —, von dem Tönges nichts wissen durfte und um deswillen sie Morgens so früh schmiedeten.
Sie trat durch eine Hinterthür in die Scheuer. Auch hier sah es öde genug aus. Die Räume oben und unten waren leer. Nur in dem dunkelsten Winkel fanden sich noch ein paar Gebund Stroh aufgehäuft, und zwischen diesen etwas altes Bettwerk. Leisa schlich sacht hinzu. Ein altes, krankes Weib lag in den Strohbündeln und Kissen.
Wie geht es Euch, Frau Katharina? sprach das Mädchen in mildem, herzlich theilnahmvollem Tone. Da erhob sich die hinfällige Gestalt ein klein wenig und erwiederte mit matter Stimme: Die Menschen haben mich verlassen, aber bald nimmt der Herr mich auf!
Leisa stellte das Körbchen, welches sie mitgebracht, nieder und bot der armen Frau eine Erfrischung. Sie winkte aber abwehrend mit der Hand und sprach: Thu mir nur noch Einen Liebesdienst, Leisa, und schicke mir den Pfarrer her. Darauf erwiederte Leisa: Der Pfarrer ist in's Hessenland geflohen vor der Pestilenz; aber weil Jhr's gestern schon gewünscht, habe ich den Glöckner bestellt, der hält in dieser Noth die Kirche und reicht die Sakramente.
Frau Katharina zog aus einem Täschchen, welches sie in ihrem Kleide verborgen hatte, zwei starke silberne Armspangen und sprach: Merke auf, Leisa! Da ich noch eine Jungfrau war, schenkte mir der Schultheiß, mein Verlobter, diese Spangen. Mit Jubel empfing ich fie — unter Kummer und Sorgen habe ich sie wie rin Heiligthum bewahrt während der langen traurigen Ehe. Als mein Eheherr, schon lange meiner müde, mich endlich gar verlassen, krank und hülflos, meinte er, ich müsse es noch gnädig nennen, daß er mich nicht vollends hinaus- gestoßen unter den freien Himmel, in die Wildniß, wie in meinen jungen Jahren wohl Viele an ihren Kranken gethan! — Du allein hast dich meiner angenommen, mich getröstet und erquickt in diesen bangen Tagen. Nimm diese silbernen Spangen zu meinem Gedächtnisse. — Was war mein Leben, daß mir's vor dem Tode bangen sollte? Es muß doch einmal gestorben seyn, und wenn ja selbst Kaiser und Könige daran müssen, darf sich unser eines nicht zu hart beklagen. Und ich darf wohl