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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

M lOO. Mittwoch den L2 Juli I8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des HerrogthumS Nassau, des Großherjogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt 8 fl. 30 fr., tn den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schell ende rg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Unsere Bürokratie!

Deutschland. Wiesbaden (Antwort des Abg. Schulz auf eine An- ftage der Gesellschaft fürFreiheit, Gesetz und Ordnung"). Weil­burg (Zu viel oder zu wenig Bildung?). Mainz (Konstitutioneller Verein).Frankfurt (Erzherzog Johann). Mannheim (Wegzug der Bayern). Von der badischen Schweizergränze (Die Anar­chisten). Köln (Die Verhaftungen der Kommunisten. Untersuchung gegen die Redakteure der Rhein. Ztg.). Leipzig (Die deutschen Aus­länder). Berlin (Verbot des wandernden Zeitungsverkaufens. Das gemüthliche Du". Straßenaufläufe). Breslau (Johannes Ronge).

Schleswig-Holstein (Die Bedingungen des Waffenstillstandes). Wien (Die Szene in der Hofburg). Innsbruck (Jntoleranzedikt).

Von der Etsch (Feindlicher Angriff). Triest (Die Blokade).

Frankreich. Paris (Vermischtes).

Sprcchsaal für Stadt und Land.

** Unsere Bürokratie!

Von der Dill. Während in unserer Volkskammer das er­habene Schauspiel persönlicher Beziehungen mit großem Schalle ausgeführt wird und die Kammer sich darinnen gefällt, sich an dem Budget um einige Tausend Gulden die Zähne auszubeißen; während wir es bald erleben werden, daß die hohe Versamm­lung die neue Universität Rennerod in Berathung nimmt und sich in konfessionelle Streitigkeiten verwickelt, bei der wir auch wohl hoffentlich die allgemeine Religion des Abgeordneten von Weilburg näher kennen lernen werden , worauf nur sehr begierig , sind, während die linke Seite unserer Kammer über diese Wahl des Erzherzogs Johann schmollt, und dadurch die deutsche Einig­keit fördern hilft, wie auch nicht minder jede Gelegenheit wahr­nimmt, der Majorität einen Fuß zu halten, damit die ganze Kammer darüber stolpert und nicht vorwärts kommen kann: lacht unsere Büreaukratie ins Fäustchen und freut sich der guten Zeiten, die nie besser für sie seyn können. Der Hauptzopf, den wir anhängen hatten, hängt noch in frischer rebensfülle behaglich und wohl aufgeputzt über unsern unver­besserlichen Rücken, dem nur noch fehlt, daß sich der Zopf in eme Knute verwandelt. Unsere Kammer denkt an Alles, aber "'cht a" die Hauptsache, sie macht Gesetze, die liegen vletben; baut Brücken und Straßen, um die müssigen Hände zu beschäftigen und gönnt den fleißigen Kollegien kein Federmesser und Zeitungen u. f. w. Sie denkt aber nicht daran, daß all le Gesetze, die sich auf das allgemeine Volksleben beziehen, uvn zhr nicht einseitig vorgenommen werden können und die rauf verwendete Zeit rein verloren ist und das Geld dazu. ^ merkt auch nicht einmal, daß sie durch diese Lockvögel nb Hauptsache, an der Umgestaltung unserer werden r w a l t u n g s b e h ö r d e n hübsch vorbeigeführt

Eina?? tvâre unserer Kammer sehr zu wünschen, daß sie zu der gelangte, unsere Zustände und Bedürfnisse von einer t eren Seite aufzufassen, als dieses bisher geschehen ist. Es . » Zu wünschen, daß sie den Staub der Bürokratie ausfegte, uns noch immer wie auch früher das Leben sauer macht,

und unsere ursprünglich gute Gesetzgebung in lauter Lug und Trug umgewandelt.

Denn was nützen die besten Gesetze, wenn sie willkührlich gehandhabt und ausgelegt werden können, und was helfen alle Freiheiten, wenn sie uns Anstalten unterworfen halten, die vermöge ihrer Natur der Sitz der Despotie und heimlichen Ränke sind und bleiben werden?

Aber es will Niemand in unserem durch und durch familiären Lande Hand an diese geheiligten Versorgungsanstalten der Trägheit, Unfähigkeit und zärtlichen Familienrücksichten legen, an denen nur Wenige für Viele die Arbeit thun , die sich dann aber auch durch Nepotismus und andere bürokratische Tugenden schadlos zu halten suchen. Grdj.

Deutschland.

):( Wiesbaden, 11. Juli. In der gestrigen Versammlung der Gesellichaft fürFreiheit, Gesetz und Ordnung" wurde neben Anderem auch Bericht erstattet über einen Briefwechsel, welchen die Gesellschaft mit dem Reichstagsabgeordneten Fried­rich Schulz geführt, indem sic ihn, als einen nassauischen Ab­geordneten, gebeten hatte, eine Aufklärung darüber zu geben, wie seine Namenounterschrift unter das bekannte Pamphlet von Ronge, Metternich und Bayrhosser gekommen sey, und welches Verhältniß diese Namensanführung zu dem Inhalte des frag­lichen Pamphletes habe.

Herr Schulz antwortete hierauf in einer sehr freundlichen Zuschrift, daß ihm das fragliche Druckblatt erst nach seiner Ver­öffentlichung bekannt geworden und er über die Art und Werse, wie die Namen von Abgeordneten darunter gekommen, nichts Besseres zu sagen wisse, als was bereits die Nass. Allg. Ztg. bemerkt habe, nämlich, man müsse das Pamphlet näher an­sehen, um den wahren Sachverhalt zu erkennen. Zu Metter­nich, Ronge und Bayrhosser stehe er (Schulz) in gar keinem Verhältniß, habe diese Herren niemals gesprochen, noch in der Nähe gesehen.

Auffallend erschien es, daß Schulz zugleich auf eine im Lahnboten abgedruckle Rechtfertigung seiner Abstimmung über die Zentralgewalt verwies, da doch Niemand darüber angefragt hatte, noch überhaupt das Recht hatte, darüber Auskunft zu erbitten.

0 Weilburg, 10. Juli. In einer der letzten Kammer- sitzungen äußerte der Abg. Justi:Was wir sind, sind wir durch die vorgeschrittene Bildung." Hätte er gesagt, was wir nicht sind, aber von Gottes und Rechtswegen seyn sollten, sind wir wegen Mangels der Bildung, dann hätte er Recht gehabt. Fürwahr die Bildung, die ins Volksleben eindringt, den Geist frei macht, ohne ihn zu verwirren, die Bildung, welche die Marschall'schè Aeußerung nicht mehr gelten ließe, daß die Nassauer lediglich ein ackerbautreibendes Volk seyen, welche im Munde dieses Mannes keines Kommentars bedarf, die Bildung fehlt uns.

Und dennoch sträubt sich die Kammer, wo es gilt, wissen­schaftliche Anstalten und Zwecke zu fördern, die dieses unschätz­bare Kleinod dem Lande erobern, diese erste Lebensfrage lösen sollen.

Sie findet sich gar nicht einmal bemüßigt, Techniker zur Beurtheilung solcher Gegenstände beizuziehen, sondern streicht und läßt stehen, wie es Gott gefällt. Ganz ist eS ihr freu io?