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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

J£ SS Dienstag den LL Juli L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Staffan, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadk Frankfurt S fl. SO kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 kr.Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Sieben Artikel für's deutsche Volk.

Deutschland. Wiesbaden (Der Jubel aus allen Gauen über die Wahl des Reichsverwesers). Aus dem Rheingau (Die Eigenthums­frage des Johannisbergs). Höhr (Die Krugbäcker). Frankfurt (Goudchaur und die Pariser Börse. Kongreß sänimtlicher deutscher Schnei­dermeister). München (Bürgerverein für Freiheit und Ordnung. Republikanisches Komplott in der Schweiz). Thüringen (Der Miß­kredit des demokratischen Vereins in Frankfurt. Hamburg (Der Waffenstillstand). Berlin (Die Konstabler. Unterstützung der Ge- werbtreibeuden. Die Stadtverordneten. Englische Note an Rußland. Die Sendung des Generals Pfuel nach Petersburg. Bedingung der Rück­kehr des Königs). Breslau (Reibung zwischen Zivil und Militär).

Wien (Einzelheiten über den Empfang der Frankfurter Abgeordneten und die Erfüllung ihrer Sendung). Triest (Der Hafen von Pirano beschossen).

Ungarn. Pcsth (Die itthrischen Wirren).

Donauffürsten thümer. Von der moldauischen Gränze (Das EinschreUen âißlanoö und seine Folgen. Die Nachricht von, bereits erfolg­ten Einschreiten verfrüht).

Rußland. Petersburg (Die Cholera).

s» Sieben Artikel für s deutsche Volk.*)

I. Es ist gewiß wahr, der Deutsche ist ein gutmüthiger Schwärmer. Er schwärmt für ein freies Polen, ein freies Italien, die Freiheit der ganzen Welt, und weiß doch nicht, ob er selber frei wird, oder, wenn man lieber will, frei bleibt. So blickte Moses voll Zuversicht indas gelobte Land," aber er starb, und erst ein Josua erreichte das Ziel.

D'rum nimm der Stunde wahr, eh' sie entschlüpft!

So selten kommt der Augenblick im Leben Der wahrhaft wichtig ist und groß!

II. Wie manchen Widerspruch entfaltet die Zeit! Der Deutsche hat sich ein Parlament gewählt und ihm die Entschei­dung der wichtigsten Lebensfragen überwiesen. Statt nun diesem selbstgewählten Rathe zu vertrauen, fängt er an, hin und wie­der, wie man sagt,auf eigene Faust" das zu entscheiden, was er dem Parlamente übertragen. Er gleicht dem Menschen, der zu dem gefährlich Kranken einen geschickten Arzt beruft, und nun hinter dessen Rücken quacksalbert und Sympathie gebraucht. Ist Das aber Recht? Entweder oder.

III. Ein Gärtner hatte einen bejahrten Baum, der zwar herbe Frucht trug, aber ringsum Schatten verbreitete und des- halb geschätzt war. Ein Freund, der ein Liebhaber guter Früchte trat zu ihm mit den Worten:Haue den Baum ab, und lktze ein edles Stämmchen an dessen Stelle!"Das will ich "lcht thun,"" entgegnete der umsichtige Gärtner,einen so starken Baum zieht man nicht in wenigen Jahren, und wer wetp, ob das schwache edle Stämmchen gedeiht. Ich will den ahrten Stamm veredeln; schlagen auch vielleicht im Jahre die Reiser nicht an, so behalte ich doch den fräs- ^1 Stumm und kann das nächste Jahr einen neuen Versuch

*) Wir bitten den geehrten Herrn Verfasser um weitere Mittheilungen. Die Red.

Seht da das Bild unserer Zeit! Der Gärtner ist der be­sonnene deutsche Mann, der Freund der schwärmende, in seinen Idealen lebende Deutsche, der es zwar gut meint, aber nicht bedenkt, daß er mit seinen Vorschlägen das Daseyn eines ganzen Volkes ausss Spiel setzt. (Bassermann bemerkte in der National-Versammlung bei den Verhandlungen über die provisorische Zentralgewalt,man habe gegenwärtig in Deutsch- land nicht tabula rasa, sondern gegebene Verhältnisse; es gelte zu reformiren, nicht zu revolutioniren1")

Wollt Ihr ein anderes Bild?

Ein Bürger lebte schlecht und gerecht in seinem Hause, und wenn das Haus auch manche Mängel hatte, er bemerkte es nicht und fühlte sich glücklich. Nun geschah es, daß er eine große Reise unternahm, Paris und London und andere große See- und Handelsstädte sah. Als er zurückkam, genügte ih« seine bescheidene Hütte nicht mehr.Ich will," sprach er, einen Palast haben, wie sie an der Themse und Seine stehen!" ruft Arbeitsleute herbei und läßt sein Haus niederreißen. Bau­meister werden berufen, den Plan zu einem neuen zu ent­werfen ; die aber sind verschiedener Ansicht, der eine will cs nach Pariser, der andere nach Londoner Bauart aufführen; ein Dritter hat gar seine eigenen Gedanken. Indessen, während man sich streitet, geschieht nichts, die Zeit der Stürme kommt, und der arme Mann sitzt obdachlos auf der Straße, allem Unwetter preisgegeben.

Vor solcher Schmach und solcher Noth Behüt' uns, lieber Herre Gott!

IV. In neuerer Zeit sprechen so Viele von einem Bunde mit Frankreich. Dagegen habe ich nichts der redliche Mann sucht mit dem Nachbar in Frieden zu leben, nur seyd vorsichtig. (Timco Dandos etc.) Der Franzose hat, so lange es eine Geschichte gibt, nie wahrhaft mit dem Deutschen harmonirt, Franzosen und Deutsche sind auch für die Zukunft ein ungleiches Gespann. Der Vater aber heißt im ge­wöhnlichen Leben ein Rabenvater, der die Seinigen von sich stößt, weil ihm des Nachbars Kinder besser gefallen; sollte nun der deutsche Hausvater" Nachbarskinder in's Haus nehmen und die seinigen verstoßen? Das sei ferne!Der deutsche Mann," sagt Göthe,mag keinen Franzen leiden, doch seine Weine trinkt er gern! Was er Gutes hat, nimmt er mit Freu­den an, das Uebrige behalte er! *)

V. Die neuesten Ereignisse haben dem Deutschen ein Selbst­gefühl gegeben, das er lange nicht gehabt, und das gar wohl­thuend auf jeden Unbefangenen wirkt, aber das Selbstgefühl allein macht es nicht aus, es muß sich erst erproben.Jehova ging im Sturme vorüber und die Bäume beugten sich!" Ver­kennet das nicht und rufet nicht die Gefahren wach! Mit wah­rem Uebermuth reizen Viele zum Kriege gegen Rußland, aber sie wissen nicht, was sie thun. Man soll den Feind nicht heraus­fordern bevor man g e r ü st e t i st, und was bietet denn im gegen­wärtigen Augenblicke Deutschland zur Vertheidigung? Unruhe überall, Heere ohne Disziplin, Volkswehr ohne Waffen!

VI. Während die Söhne Deutschlands wie zumgroßen

*) Das wankelmüthigeflackrige" Wesen der Franzosen bei den ernstesten Dingen kann unmöglich dem gesetzten Deutschen gefallen. Man denke an die verschiedenen Verfassungen Frankreichs seit 1789 und an die Ströme Blntè, die sie gekostet. In neuester Zeil schien wgar der Pariser Rational-Versammlung die Verbannung einzelner Familien auf ewige Zeiten" beinahe komiseb vor,-kommen. Je nun. bei den Franzosen heißt es: Verba valent stent nummt, Worte sind ha piek gelb, das heute viel, morgen gar nichts gilt. U. d.