Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â NS. Freitag den 7. Juli 18418.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fL, für den Umfang des HerrogthumS Jiassau, des GrvßherjvgthumS und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fL 40 fr. —Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr« berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Der vierte März.
Metternichs Privatverhältniß zu Rußland.
Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Naturwissenschaftliche Akademie).
— Vom Taunus (Republikanische Bestrebungen). — Weilburg (Ne- gierungskommissiär Werren). — Kassel (Unterdrückte Bewegung). — Berlin (Die Abgeordneten der demokratischen Vereine).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* * Der vierte März.
Von der Dill. Wie es noch im großen deutschen Vaterlande gehen soll, wissen die Götter! In unserem gesegneten Nassau will es wenigstens durchaus nicht und anstatt daß sich unsere Zustände aufklären sollten, werden sie jeden Tag trüber, und drängen immer sichtlicher nach einer Katastrophe hin, wie wir sie kürzlich in Paris erlebt haben. (?) Wenn dieselbe auch weniger blutig werden sollte, so wird sie. doch gewiß von großer Erbitterung begleitet seyn und zu nachhaltigeren Uebelständen führen. Daß unter diesen Umständen eine versöhnendere Sprache von Seiten der Redlichen unter beiden Hauptparteien angenommen werden müßte, wenn namenloses Unglück verhütet werden will, liegt gewiß klar am Tage, und es muß sich jedem Wohldenkenden, der es ernstlich mit der Freiheit meint, die Nothwendigkeit aufdringen das Seinige zu einer Vermittlung beizutragen, die um so nothwendiger wird, als ehrgeizige Demagogen ihr frevelhaftes Spiel mit Schlagwörtern und politischsozialen Gaukeleien treiben und eine künstliche Spaltung bewirken, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist.
Ich will mich mit meinen Betrachtungen, die wohl auch auf einen großen Theil von Deutschland Anwendung finden können, auf den engen Raum unseres Landes beschränken, dem ich mit ganz Deutschland den friedlichen Genuß der möglichsten Freiheit und des größten materiellen Wohlstandes von Herzen wünsche.
Stelle ich mir die ersten Tage vom 4. März vor und die lautere Freude, mit welcher im ganzen Lande die neuen Errungenschaften begrüßt wurden ui;b wie Volk und Fürst in gegenseitigem Vertrauen Hand an ein neues Verfassungswerk und selbst an die politische Wiedergeburt unseres schönen großen Vaterlandes legen wollten; wie unser Herzog selbst auch die besten der Gaben, die freie Gemeinde-Verfassung seinem Volke aus eigener Entschließung gab, und der erste war, welcher für deutsche Einigkeit und eine Zentral-Vertretung Schritte that; wie da jedes Herz einer schönen Zukunft entgegenschlug und überall versöhnende Einigkeit herrschte: so kann man kaum begreifen, wie in wenigen Monden eine so große Veränderung in den Gesinnungen habe Wurzel fassen können. Es ist aber in der That so, und wir können es uns nicht verhehlen, daß wir im Verlaufe dieser kurzen Zeit mit Riesenschritten aus dem Drange nach politischer Umgestaltung auf sozialem Boden angelangt sind, dem wir nur noch in schroffer Selbsttäuschung einen politischen Rahmen zu geben suchen.
Dieser politische Rahmen ist auf der einen Seite die mo- u™.-,,....__ __________ _ „
narchische und auf der andern Seite die soziale Republik. In /nur dann in der höchsten Form erreicht werden kann,
beiden ist die Volkssouveränität der Grundstoff, und der Unterschied liegt nur darin, daß in bet monarchischen Republik der selbstthätigen und produktiven Entwicklung des Individuums im Geiste der menschlichen Natur durch die Form eines gesicherten Rechts- und Besitzzustandes, die im monarchischen Prinzip ihren Hauptstützpunkt hat, Rechnung getragen werden soll; während in der sozialen Republik eine Gleichheit der Berechtigung an dem Genuß der allgemeinen Freiheit und der materiellen Güter angestrebt wird.
Im Grunde genommen würde es gleich seyn , ob an der Spitze der monarchischen Republik ein Fürst mit erblichen Rechten oder ein auf Zeit gewählter mit einem anderen Namen stünde, wenn die menschliche Natur keine ungleichen Fähigkeiten und deshalb ungleiche Bestrebungen bedingte. Däs Endziel dieser Bestrebungen ist aber bei hervorragenden Fähigkeiten immer dasselbe: nämlich über die minder Fähigen zu herrschen. In einer Staatsgesellschaft sind aber immer Viele, die gleiche Fähigkeiten und gleiche Bestrebungen haben. Diese werden sich dann unter sich mit Hilfe von Parteien um die Oberherrschaft streiten, und das Volk wird diese theueren und erbitternden Streitigkeiten bezahlen müssen, ohne sich einer gesicherten Ruhe und fortschreitenden Zivilisation erfreuen zu können. Ist es da nicht besser, daß das Volk einen erblichen (und zumal unter unseren Zuständen, die mit den nordamerikanischen z. B. nicht verglichen werden können) Fürsten hat, der als sein oberster Beamter die von ihm selbst gegebenen Gesetze in Vollzug setzt, als ein Heer von Demagogen, die zur Befriedigung ihres Ehrgeizes und zur Erreichung materieller Vortheile sich um die Herrschaft zanken und vor lauter Freiheitsgeschrei keine wahre Freiheit, Ruhe und Ordnung aufkommen lassen, ohne die doch an materielles und geistiges Wohlbefinden nicht zu denken ist.
Die soziale Republik dagegen ist das Ideal einer Staatsverfassung, die wie alle Ideale nicht verwirklicht werden können, da dieser Verwirklichung die menschliche Natur, die neben dem Geselligkeitstrieb vorzüglich auf die Geltendmachung der Individualität hinarbeitet, und in der Erringung von materiellem und geistigem Besitz ihre Vestimmung zu erfüllen sucht, entgegen steht. Wären alle Menschen mit gleichen geistigen Fähigkeiten und Bestrebungen geboren, dann ließe sich diese Staatsform ausführen; dann wärrn wir aber keine Menschen mehr, sondern Schlaraffen, und ich möchte nicht mehr auf der Erde leben. Daß diesem wirklich so ist, und daß darin das ganze Geheimniß der menschlichen Bestimmung liegt, beweisen die heftigen Sympathien, die von allen Befitzlojen und zumal von der Jugend, die noch nicht die Wichtigkeit und die Nothwendigkeit des materiellen und geistigen Eigenthums kennt, für diese Staatsform an den Tag gelegt wird, während die besitzenden Klassen und die, welche im Wege bürgerlicher Ordnung und unter dem Schutze sittlicher Zustände ihre Bestimmung zu erfüllen suchen, immer wieder zu einer monarchischen Spitze kommen und sicher, wenn auch langsam, zu ihrem Ziele gelangen: da das ewige Gesetz der Menschennatur ihnen eine Zähigkeit und Ausdauer verleiht, die sicher zum Ziele führt und die flüchtige Begeisterung für ein Ideal bald überlebt.
Es gibt nun einmal keine unbeschränkte Freiheit, wie unsere sozialen Idealisten sie sich vorstellen, und es kann auch keine solche geben, wohl aber gibt es eine Freiheit, die in dem möglichsten Wohlbefinden des Ganzen begründet ist, die aber nur dann in der höchsten Form erreicht werden kann, wenn