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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N SL. Donnerstag den 6 Juli L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S fl., für den Umfang des Herzvgthums Nassau, des Großher^ogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadr Frankfurt Ä fl. 30 Fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr.Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, aus­wärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Wird die deutsche Reichsversammlung kirchliche Fragen ver- vermeiden können?

Deutschland. Wiesbaden (Landtag). Mainz (Krawall). Frank- furt (Reichstagssitzung). Mannheim (Neue Intriguen). Nürn­berg (Jubelnder (impfang der Abgeordneten, welche dem Reichsverweser seine Erwählung ankündigen sollen). Wien (Die lombardische An­gelegenheit. Graf Zichy).

Italien. Venedig (Kriegerische Aussichten. Die Sympthieen für Karl Albert und die Republik).

Sprechsaal für Stadt und Land.

f Wird die deutsche Reichs-Versammlung kirchliche Fragen vermeiden können?

Mancherlei Stimmen der Wählenden und der Gewählten haben bei den Wahlversammlungen darauf hingewiesen, daß zu Frankfurt keine Kirchenversammlung gehalten würde, und daß es deshalb Unrecht wäre, bei den Personen der Abgeordneten nach Religion und Konfession zu fragen. Prüfen wir diese Stimmen und alle dabei vorgekommenen Umstände näher, so wird ihr Werth verschieden ausfallen. Die Mehrzahl war gewiß wohl­meinend. Aber wer nur einigermaßen weiß, was im Süden und Osten Deutschlands (um vom Westen und vom Binnenlande nicht zu sprechen) neuerdings vorging, wird sich, obwohl mit Wehmuth, gestehen müssen, daß weder in den unteren, noch in den oberen Schichten der Gesellschaft über das Wesen der Reli­gion klare Ansichten herrschen, noch daß absichtliche Umtriebe von Geistlichen aller Kirchen aufgehört haben. Die guten Tyro- ler, wie treue Deutsche sie sind, hat ihr Blut mehr als einmal und noch in diesem Augenblicke zweifellos bewiesen, aber dennoch hat auch sie eine Furcht angewandelt, man könnte sie zu Frank­furtprotestantisiren" wollen, und darum haben sie, zur Wah­rung ihres Seelenheils, sehr gute Katholiken zu Abgeordneten gewählt. Die armen polnischen Bauern wollen nicht unter das Zoch ihrer adeligen Bedrücker zurückkehren; sie wollen von Herzen gern preußisch seyn und bleiben, und verehren wohl allenfalls im Könige von Preußen ihren Wohlthäter; aber deutsch wer­den wollen sie nicht, weil ihnen deutsch und protestantisch als gleichbedeutend bezeichnet worden ist: etwa wie in Köln und Trier zu einer gewissen Zeit preußisch und lutherisch gleichbedeu­tend seyn mußte, vielleicht hier und da sogar noch seyn muß. Was man von Prag aus den böhmischen Slaven vorgepredigt hat von Nebenbedeutungen des Wortes deutsch, sahen wir so eben in deutlichen Wirkungen. Fast möchte man Wien dagegen aufgeklärt nennen, wenn nicht die Illyrier schon um Aufhebung des Zölibats ihrer Priester beim Kaiser petitionirt hätten. Von Bayern und Württemberg wollen wir schweigen, um nicht weit- läufig werden zu müssen. Aber selbst in Baden, wo politische Bildung am weitesten vorgeschritten war, drängte sich jeden Augen­blick bei den Kammcrverhandlungen kirchliches Interesse unerwar­tet und laut, obschon nicht ohne allseitige Zurechtweisung, hervor.

Unter solchen Umständen und bei der außerordentlich großen Mischung aller Farben der Abgeordneten, deren Zahl über ein halbes Tausend beträgt, dürfte es wohl gerathen seyn, jebe |

Berührung kirchlicher Gegenstände vorerst gänzlich zu meiden. Es wird ohnedieß auf rein staatlichem Gebiete, selbst nachdem die Wahl des provisorischen Reichsverwesers vollzogen ist, immer noch große und schwere Fragen genug geben, wobei Sonder- interessen aller Art sichtbar werden müssen, und es wird Mühe und Resignation von allen Seiten genug kosten, um sich dar­über zu verständigen und die Einheit Deutschlands, den großen Zweck des Ganzen, nicht zu opfern. Aber trotz des besten und festesten Vertrauens zu dem guten Willen der Abgeordneten darf man sich jetzt schon sagen, daß einige kirchliche Fragen gar nicht zu umgehen seyn werden, man mag sich dagegen stemmen, wie man wolle; ja es wird sich zeigen, daß etliche sogar in den Vordergrund sich stellen. Die Verständigen wissen dies, und Andern sagt es ein nicht undeutlicher Instinkt. Möchte der Genius Deutschlands mit der Palme des Friedens allen unfried- lichen Dämonen den Eintritt in die Versammlung wehren! Schon Art. III. §. 1116- des Entwurfes derGrundrechte des deutschen Volkes," welchen der Verfassungsausschuß geliefert hat, enthält Stoff genug zu allerlei näheren Erörterungen für die nahe bevorstehende Verhandlung, wobei rein Kirchliches nicht umgangen werden kann.

Freiheit für Alle und für Alles!" Ein schönes Wort, und werth, auf alle Fahnen Deutschlands gesetzt zu werden. Aber wo die Freiheit des Anderen beginnt, hört die Freiheit des Einen nothwendig auf für Personen und Sachen. Auch ist Frei­heit nicht das Ziel, sondern nur das Mittel, Mittel zu allsei­tigem leiblichen und geistigen Glücke. Selbst die Religion be­trachtete schon Göthe nicht als Ziel, sondern nur als Mittel zu Höherem. Wenn man sich einrichtet, wird Raum genug zur Bewegung für Alle bleiben , welche sich mit naturgemäßer Beschränkung begnügen. Und wer an die frische Luft der neuen allseitigen Freiheit nicht gewöhnt ist, wird wohl thun, zeitig Resignation zu üben und die Erfolge abzuwarten, ehe er Be­schwerde erhebt wegen möglicher Mißstände. Nur wird die all­gemeine Proklamation dieser Freiheiten in der neuen Älagna Charta Deutschlands ohne nähere Formulirung nicht hinreichen, um die Gemüther zu befriedigen, nach den vielfachen Erfah­rungen der Vergangenheit und bei dem herrschenden großen Mißtrauen aller Art. Es würden allzu allgemeine Sätze nur den Samen zu der größten Zwietracht enthalten. Wir wissen nach Kl üb er's Schriften schon, welche weitschichtige Verhand­lungen zum Entwurse der deutschen Bundesakte ehedem über landständische Einrichtungen stattfanden, und wie am Ende das ganze Resultat derselben, um des lieben Friedens willen, zusammenschrumpfte in die wenigen Worte des Artikel XIII.:

In allen Bundesstaaten wird eine landesständische (sic) Verfassung Statt finden." Wir wissen, welche unabsehbare Kämpfe und Unruhen dadurch 30 Jahre lang in den Bundes­staaten Statt gefunden haben. Also vestigia terrent. Ge­setzt auch, daß man sich streng nur mit dem Diesseits der Staa­ten und ihrer Bürger befassen, und alle Fragen des Jenseits abweiscn und den Individuen nach freier Wahl überlassen wollte; so wird schon das Oberaufsichtsrecht des Staates, selbst wenn er künftig die Rolle eines kirchlichen Erekutors ganz ablehne» und nur die Sicherheit haben wollte, daß nicht irgend eine Re- ligionsgesellschaft zum Staat im Staate werde, näher und fester als bisher zu bestimmen seyn ; damit die Gleichmäßigkeit in der Behandlung aller unter diese Fragen fallender Vorkommnisse im Voraus besser gewahrt wird, als in der Vergangenheit. Die neue Neichoordnung will in die bürgerlichen Gesetzbücher der