Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M »3. Mittwoch den S Juli 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Präiiumerationspreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herrogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadl Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. —Jnsera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Das Ministerium Hergenhahn und die Volkssouveränität. Deutschland. Wiesbaden (Landtag. Die Gesellschaft für Freiheit Gesetz und Ordnung. DaS Bedürfniß einer nachdrücklichen Vollziehungsgewalt. Reorganisation der Landesregierung). — Frankfurt (Reichstag). — Ka rlsr uhe (Oeffentlicher Jubel über die Erwählung des Erzherzog Johann). — München (Die Blokade von Triest aufgehoben). — Berlin (Die Republikaner. Jagdgerechtigkeit in Schlesien) —Königsberg (Die russische Truppenbewegung). — Wien (Venedig bedroht).
Rußland. Petersburg (Der Adel und die Ochsen).
0 Das Ministerium Hergenhahn und die Volksfouveränität
Durch die seit 33 Jahren vielfach getäuschten Erwartungen des Volkes, durch die reaktionären Symptome, die hin und wieder, theils mit aufrichtiger Besorgniß, theils mit perfid übertriebener Angst und Sorge wahrgenommen werden, erzeugt sich ein solches Mißtrauen und kranke Gereiztheit und Empfind- Achkett der L>inne und des Geistes, daß es denjenigen, welche aus Ehrgeiz oder um hohler politischer Theorien willen stets auf neue Umwälzungen sinnen, nicht schwer fällt, das Volk zu täuschen und es dadurch um die besten Erfolge seines endlich errungenen Sieges zu betrügen. Die Erscheinungen jenes Mißtrauens treten in allen ähnlichen Zuständen und zu allen Zeiten in der Form von Verdächtigungen und Denunziationen auf, die in der Regel alles Maß, alle Gerechtigkeit und alle Wahrheit überschreiten. Der Natur der Dinge nach treffen sie diejenigen politischen Charaktere, welche das'Geschick an die Spitze stellt. Zn dem Bedürfniß, dem Volke alle seine bisherigen Autoritäten, an welche es sich im ersten Momente seiner Erhebung als erprobte Säulen der Freiheit anlehnte, zu entziehen, scheuen sich die Wühler nicht, solche Männer nur maßlosen Schmähungen zu überhäufen, wie dies einem Welcker, Venedey, Eise'n- mann, Jordan, Gagern, Bassermann re. widerfährt, Männern, die seit 30 Zähren den Boden der Freiheit in dem heftigsten Kampf mit der ungeschwächten Despotie von ganz Europa bearbeitet haben, — selbst ohne Hoffnung, einst die Früchte ihrer Saat aufgehen und den Tag der Freiheit anbrechen zu sehen. etc beugten sich nicht vor der Herrschaft der Gegner, sie ertrugen von Allen, selbst vom Volke, für welches sie kämpften, verlassen, Verfolgungen aller Art, und viele jener politisch Getödteteu tragen noch heute die Spuren der tödtlichen Kerkerluft auf ihrem Angesichte. Gerade jetzt, wo der Tag der Sühne für sie angebrochen und an den noch nicht Heimgegangenen jener unerschütterlichen politischen Charaktere das Verbrechen gesühnt werden sollte, macht man ihnen das Festhalten ihrer politischen Grundsätze zum Vorwurf. Gerade jene unwandelbare Hingebung und Treue an ihre Zdee, die sie unverändert bewahren, ! ist jetzt der Gegenstand des Hasses und der Verfolgung derjenigen, die noch vor Kurzem in den politischen Windeln lagen Ganz bequem treten sie nach entschiedenem Siege, der für das Volk nicht mehr zweifelhaft und für sie gefahrlos ist, auf die Schaubühne und bemächtigen sich, nachdem die große Sache durchgekämpft ist, der kleinen. Sie, denen noch keine politische Sorge den Durst und Appetit verdorben, suchen nun alle
von jenen erprobten Freiheitsmännern und dem Volke erkämpften Errungenschaften ohne die Reife sittlich-politischer Bildung für ihren Durst nach Volksgunst auszubeuten und sich so wohlfeilen Kaufs in den Vordergrund zu drängen, sogar öfters durch Mittel, die nicht immer aus lauterer Quelle fließen. Sie stützen sich auf jene höchst ehrbare und achtungswerthe, jedoch an politischer Einsicht und Bildung weniger befähigte Klasse der Gesellschaft, bei welcher es oft genügt, wenn man ihr sagt, daß man sich schlaflos ganze Nächte, des Volkes Wohl bedenkend, auf dem Lager wälze, um ein Vertrauensvotum und ihren Beifall zu erhalten; — es sind diejenigen, welche das Volk mit den Stichwörtern „Reaktion, Fürstenknechte, verthierte Söldlinge u. j.w." aufreizen und ihm schmeicheln, wie die Kammerherrn und Höflinge früher den Fürsten; sie sind dieselben servilen Bedientennaturen , und wie man den Fürsten vor solchen Höflingen warnen soll, so muß man das Volk vor solchen Schmeichlern warnen, die überall da sich einfinden, wo Kraft, Macht und Herrlichkeit ihre Stätte haben.
Ein ähnliches Schicksal, wie jenen eben bezeichneten Männern, scheint auch unserm Volksmann Hergenhahn vorbehalten, der Mittelpunkt, die Seele der gegenwärtigen Bewegung in Nassau; auch ihn hat schon der Undank der Zerdächtigung erreicht, er soll der Aristokratie und wer weiß, wem noch mehr verfallen seyn, während er derselbe Mann, von denselben unwandelbaren politisch-sittlichen Grundsätzen erfüllt blieb. Allein eben dies ist es, was den Gegenstand der Schmähung und Verdächtigung bildet, weil er einer Partei nicht über jene Grenze folgen will, jenseits welcher jede Staatsgewalt als exekutive Behörde alle Stärke, Selbstständigkeit und Würde verliert, Dinge, die in einem so erschütterten Zustande doppelt nöthig sind, um Ordnung , Ruhe und Gesetzlichkeit zu bewahren. Und durch sie allein können doch die am 4. März errungenen politischen Freiheiten verwirklicht, der Kredit, die Gewerbe, der Handel und also die Arbeit wieder gehoben und die dem Herzogthnme und besonders Wiesbaden so nöthigen Erwerbsquellen wieder eröffnet werden, um unser gesegnetes Land vielleicht vor einem Zustande und vor Ereignissen zu bewahren, wie wir sie leider in einem großen Nachbarlande schon mehrfach wahrgenommen haben und noch täglich wahrnehmen, die es an den Rand des Abgrundes drängen und es der Auflösung aller gesellschaftlichen Bande nahe bringen. — Gedrungen durch die sittliche Verpflichtung, die Errungenschaften des 4. März zu. befestigen, hat Hergenhahn jenes schwierige) keineswegs beneidenswertste Amt übernommen. Er hat es übernommen, um jene Errungenschaften auf dem gesetzlichen Wege auszusühren, auf dem an diesem Tage vom Volke selbst bezeichneten allein rechtlichen und allein heilsamen Wege. Denn als das Nassauische Volk das Wort seines Fürsten mit tausendfachem Jubelruf als Pfand für die Erfüllung seiner Forderungen annahm, als es selbst verlangte, daß die zweite Kammer zusammen berufen werde, um ein neues Wahlgesetz zu berathen, erklärte es unzweideutig, daß es nicht den revolutionären Weg der Gewalt, sondern den der Reform zur Entwickelung seiner durch die moralische Kraft der Masse errungenen Freiheiten eingeschlagen sehen wolle. Hergenhahn rechnete dabei auf die Unterstützung aller derjenigen, die ein gleiches Ziel mit ihm verfolgten, und es kg keine einzige Thalfache vorhanden, welche ein Verlassen jener Bahn auch nur im Entferntesten andeutet; «ein Ziel hleidr ent und dasselbe. Ueberschreiret nun eine Partei jenen Ziel, so i|r «4 m ind essens ungerecht) den beharrlichen und den an dem