Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 88. Donnerstag den 29* Juni L8L8.
Bei dem Herannahen des neuen Quartals erlauben wir uns die Bitte, Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung möglichst frühzeitig machen zu wollen, indem später für die Nachlieferung vollständiger Exemplare nicht gewährleistet werden kann.
Da wir die bisher im Verlag der L. Schellend erg'schen Hofbuchhandlung erschienene tägliche Fremdenliste unserer Zeitung, welche sich täglich einer größeren Verbreitung zu erfreuen hat, einverleibt haben, so machen wir noch besonders darauf aufmerksam, daß neben den in dèr Nass. Allg. Zeitung aufzunehmenden Anzeigen aller Art auch bejonders für das Kurpublikum Interesse habende Anzeigen von Erfolg sein dürften.
Wie Expedition der Aa^ 5111g. Ztg.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich.,— Der vierteljährige Pränumeratioushreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt $ fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 3 fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitteile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die Vorgänge in Paris.
Englaud's Stellung in der europäischen Politik.
Die Volksversammlung zu Höchst.
Deutschland. Wiesbaden (Landtagssitzungen. Die Mahnungen der neuesten Pariser Ereignisse für Deutschland). — Frankfurt (Kein Prä si- dent sondern ein R cichsv crweser). — Stuttgart (Die herrschende Aufregung und ihre Anzeichen. Bedenkliche Lage des Landes. Staatsrath Römer). — Prag (Nene Verhaftungen. Das Landvolk). Innsbruck (Pye Lage der Dinge in Jtalleu).
Frankreich. Paris (Telegraphische Depesche).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Die Pariser Vorgänge.
Aus den Pariser Zeitungen, die heute in sehr verkleinertem Format eintreffen, tragen wir noch folgende Einzelheiten des Kampfes am 24. Juni nach.
In der Cito hatten die Aufständischen alle Häuser besetzt und hielten sich darin in einer beinahe uneinnehmbaren Stellung; denn die tausend Gäßchen sind dort so eng, daß die regelmäßigen Truppen sich gar nicht entwickeln konnten. Endlich aber gelang es, Kanonen aufzupflanzen und einige der am stärksten besetzten Häuser zusammenzwchießen. Eine gute Zahl Insurgenten wurde darauf zu Gefangenen gemacht, und die Cito förmlich in Belagerungszustand versetzt.
Am Pantheon war der Kampf am heftigsten. 1500 Aufständische hatten sich in dem Innern des Gebäudes verschanzt. Man mußte Kanonen äusseren und Bresche in die Pforten schießen. Nach anderthalb Stunden konnte die Linie und die Bürgorwehr im Sturmschritt anmarschiren, und obgleich ein Hagel von Flintenkugeln die Stürmenden empfing, zwangen sie doch den Feind, die Waffen zu strecken.
Es wurde ein Mann verhaftet, bei dem man 4000 Franken in Gold und gedruckte Zettel gefunden hatte mit der Aufschrift: „Ruft Heinrich V zum König aus!"
Sowohl die Linie als die Bürgerwehr hat einen außerordentlichen Muth entwickelt, obgleich beide stark gelitten haben. Ein Linienregiment hat 68 Mann verloren, darunter einen Bataillons- sührer, einen Hauptmann, einen Adjutant-Major, einen Lieutenant :c. Viele Generale und höhere Offiziere sind verwundet oder todt. Die Leichname von fünfzehnhundert Bürgerwehrmännern sind in der Severinskirche ausgestellt.
Die Bürgerwehr von Amiens kam auf der Eisenbahn an v^?? Munition. Kaum schickten sich die Leute an, von den Wagen herabzusteigen, als sie angegriffen wurden und mehrere Todte auf dem Platz lassen mußten.
Die Telegraphen wurden zerstört, damit nicht die so wirksame Hülfe der Bürgerwehren aus den Provinzen weiter herbeigerufen werden könnte. Die Regierung hat sofort einen regelmäßigen Stafettendienst eingerichtet.
Hinter dem Hotel-Dieu wurde ein stark vertheidigtes Haus förmlich blokirt und bombardirt. Die Kanonensalven folgten sich in je zwei Minuten. Mehrere Kanoniere wurden auf ihren Geschützen getödtct, viele verwundet, ehe man das Haus nehmen konnte.
Lamartine durchritt am 24. die Boulevards. Da ward er plötzlieb in einer Straßenecke von einem großen Menschenschwarme umringt, mit dem Geschrei; „Nieder mir LamartluxL^WM-nn- die 4000 Aufständische bedrohten ihn. Bei diesem Anlaß geschah es auch, daß das Pferd Peter Bonaparte's verwundet zusammenstürzte. ___________________
):( England's Stellung in der europäischen Politik.
Es sind gegenwärtig so viele Täuschungen über die mögliche Stellung Englands in einem europäischen Kriege im Umlauf, daß es Noth thut, manchmal rücksichtslos den Schleier zu lüften, den unsere idealistischen Politiker über die thatsächlichen Verhältniße werfen.
' England's Politik im Allgemeinen wird und muß stets mehr oder weniger Handelspolitik seyn. Darum hat es ein natürliches Interesse dabei, das Aufkommen einer kräftigen nationalen Gestaltung in Italien-und Deutschland, welche in ihrem Gefolge nothwendig eine selbstständige Industrie haben wird, zu verhindern. ' Es würden ihm sonst wichtige Ausfuhrkanäle verstopft werden und eine Lähmung der eigenen Gewerbthätigkeit, begleitet von einer Hungersnoth in den niederen Klassen, müßte eine, auch dort längst vorbereitete Sozialumwälzung, d. h. Englands Ruin, herbeiführen. England kann daher wohl in dem Falle Deutschlands Bundesgenosse werden, daß ihm bei uns ein Markt gesichert bleibt, was aber unsere Industrie auf viele Jahrzehnten hinaus schwächen wird. Außerdem wird ein Bündniß Englands mit Deutschland nur dann gegen Rußland gerichtet seyn, wenn dieser Staat in auffallender Weise seine Gränzen nach Westen hin erweitert und dadurch Englands Handel in eben dem Grade, wie ein selbstständiges Deutschland, gefährdet.
Falls die nordische Macht solches Bestreben nicht zeigt, hat England keinen Grund, sich gegen sie zu erheben, da eine nationale Antipathie durchaus nicht eristirt und außerdem Rußland Mittel besitzt, um die gefährlichsten Repressalien zu ergreifen.
Eine Stockung des Handels beider Länder wird bte für England so äußerst nothwendige Getreidezufuhr aufheben und somit eine Sozialrevolution bewirken, außerdem aber ihm auch