Beilage zur Nassauischen
Zeitung
^ 86. Dienstag den 27. Juni 18^8.
Uebersicht.
Die Vorgänge in Paris.
Deutschland. Frankfurt (Reichstag).
Die Vorgänge in Paris.
□ Paris, 24. Juni. (Sturz des Vollziehungs-Ausschusses; Arago, Lamartine, Marie, Garnier-Pages und Ledru-Rollin danken ab. Cavaignac zum militärischen Diktator der Republik ernannt; Paris in Belagerungszustand erklärt; augenblicklicher Sieg der Partei des National.)
Welcher Johannistag I Seit gestern Mittag unausgesetztes Kartätschen-, Tiralleur- oder Pelotonfeuer gegen die Barrikaden, mit denen die sogenannten Hunger- oder Lumpenviertel gleichsam übersäet sind. Nein, das ist keine Emeute, kein bloßer Arbeiterkrawall mehr: das ist der blutigste Prinzipienkampf, der seit 17^3 in unsern Mauern ausgefochten wurde. Die City, das sogenannte lateinische Quartier, das Faubourg St. Marceau und die halbe Nordseite des rechten (gegenüberliegenden) Seine- ufers schwimmen im Blute; morgen werden sie die Bomben und glühenden Kugeln Cavaignac's wohl in einen Schutthaufen verwandelt haben. Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor. Tragen wir zunächst die letzten Handlungen der erloschenen Staatsgewalt und ihres Hauptfeindes nach:
1) Proklamation Mar rast's an sämmtliche Maire von Paris. „Bürger Maire! Sie sind seit diesem Morgen von den Anstrengungen Zeuge, welche eine kleine Zahl Ruhestörer machte, um im Schooße der Bewohnerschaft die lebhaftesten Befürchtungen zu erregen! Die Feinde der Republik nehmen sich alle Masken, beuten alles Unglück und alle durch die Schwierigkeiten aus. Fremde Agenten gesellen sich zu ihnen, wiegeln sie auf und bezahlen sie. Sie wollen nicht blos den Bürgerkrieg unter uns entzünden: Plünderung, soziale Auflösung, Frankreichs Ruin bereiten sie und man erräth , zu welchem Zwecke. Paris ist der Hauptsitz jener infamen Intriguen. Paris wird aber nicht zur Hauptstadt der Unordnung werden. Möge die Bürgerwehr, als erste Wächterin des Friedens und des Eigenthums, wohl begreifen, daß es sich vorzüglich um ihre Interessen, ihren Kredit, ihre Ehre handelt. Ließe sie sich im Stich, so würde sie das gesummte Vaterland allen Zufällen überliefern. Familie und Eigenthum würde sie den schrecklichsten Drangsalen preisgeben. Die Truppen der Garnison sind unter den Waffen; sie sind zahlreich und vortrefflich disziplinirt. Möge sich die Bürgerwehr in ihren Vierteln an die Straßenecken aufstellen. Die Obrigkeit wird ihre Pflicht erfüllen, erfülle die Bürgerwehr die ihrige. Paris, den 23. Juni, 3 Uh^ Die Volksvertreter und Maire von Paris.
(gez.) Marrast. Flottard, Sekr."
2) Proklamation der Vollziehungsgewalt an die Pariser Arbeiter, d. h. diejenigen Arbeiter, die aus Paris gebürtig sind. Sie beginnt: . . . „In der Mitte des kriminellen Aufruhrs, durch welchen Einige verirrte Arbeiter der Nattonalwerkstatten die Hauptstadt in Betrübniß versetzen, fühlt die Regierung das Bedürfniß, in das Herz der Bevölkerung zu reden und sie auszuklären. Arbeiter aus Paris! Die Parteiführer, welche von Faktionen (Prätendenten ?) bestochen sind, haben Euch überzeugen wollen, daß Ihr mit in jene Maßregel begriffen seyd, welche die Nationalwerkstätten auflösen, deren Arbeltermaffe und unruhiger Charakter auf Paris und der ganzen Republik lastete. Arbeiter aus Paris! Das sind schändliche Verlaumdungen. In Euerem Interesse, im Interesse Euerer Wiederbeichäftigung, im Interesse des Wiederbeginns der freien Privatindustrie z zu Euerm Nutten entschied sich die Republik, die regelmäßige Ordnung der Arbeit energisch wiedcrherznstellen u. s. w." ^rotz dieser, schmeichelhaften Einladung haben die Pariser Proletarier ihre fremden Kameraden nicht verlassen.
3) Proklamation, die den Kriegsminister, Gèncrallieutenant Cavaignac, zum unumschränkten Gebieter aller Streit
kräfte in und um Paris ernennt. Cavaignac hat erklärt, daß er nur unter dieser Bedingung die Generalissimusstelle annehme.
4) Proklamation der Nationalversammlung, welche die Entlassung ihres Vollziehungsausschusses annimmt und den General Cavaignac zum provisorischen Präsidenten der Republik ernennt.
5) Proklamation, welche Paris in Belagerungszustand erklärt.
Der Moniteur und viele andere Zeitungen haben nicht erscheinen können.
(Nationalversammlung. Nachtsitzung vom 23. Juni.) Um 8*/4 Uhr wurde die Sitzung wieder ausgenommen. Präsident Senard meldet die Verwundung mehrererDeputaten, die am Barrikadensturm Theil nahmen (darunter Clemens Thomas, Dornös, Birio u. A.). Considerant schlägt eine Proklamation an die Kämpfenden vor, um die unter ihnen verbreiteten Gerüchte zu widerlegen und dem Blutbade Einhalt zu thun. (Zur Rechten: Ah! Sie wollen mit der Emeute paktisiren!) Baze und mehrere andere Ultrakonservateure wollen ihn vom Redestuhle reißen, werden aber noch bei Zeiten daran gehindert. Considerant versichert hoch und theuer, daß er nicht mit der Emeute paktisiren wolle, half aber Alles nichts, sein Vorschlag fiel durch. Perrèe erzählte dann, wie Arago und Lamartine zu den Barrikaden geritten seyen und nach vergeblichem Parla- mentirey selbst das Kanonenfeuer kommandirt hätten (Beifall). Auch das Pferd, worauf der Republikaner N. (Lucian) Bonaparte an der Seite Lamartine' s saß, wurde am Schenkel verwundet. Duclerc, Finanzminister, erscheint plötzlich im Saale mit Hut, Stock und Schärpe und erzählt der Versammlung die erlebten Vorgänge des Nachmittags mit der Versicherung, daß man noch in dieser Nacht mit der Emeute fertig werde. Die Versammlung war so beruhigt, daß sie Senard fragte, ob sie im Eisenbahngesetz fortfahren wolle? Caussidière fand dies empörend und schlug der Versammlung vor, sie solle lieber sich im Fackelzug zu den Barrikaden begeben, und das Volk beschwichtigen. Die Versammlung ging darauf nicht ein, sondern hob die Sitzung von Neuem bis 11 Uhr auf, wo sie ganz bestimmte Berichte von ihren Generälen Bedeau und Lamoricière vermutheten, die ihr das Ende der Emeute anzeigen würden. Um diese Stunde hörte sie einen Bericht von Garnier-Pagès über die Lage von Paris an, der aber eben so falsch ist wie die vorherigen, weil er wie sie alle den Sieg für das nächste Frühstück versprach und nicht Wort hielt. Degoussèe, einer der bornirtesten Menschen in der ganzen Versammlung, die ihn deshalb zum Quästor machte, trug auf Verhaftung sämmtlicher ultra- demokratischen Redakteure der Volksblätter, namentlich der „Organisation der Arbeit", an. Er fiel jedoch vorläufig damit durch und die Versammlung trennte sich um Mitternacht.
Ungeachtet der Permanenzerklärung wurde die Sitzung erst um acht Uhr Morgens wieder ausgenommen. Die ganze Gegend gleicht einem Kriegslager. Vom Pont St Michel und dem Pantheon her hört man Kanonenschüsse. Präsident Senard gibt einen kurzen Bericht über die Ereignisse der Nacht. Einige Barrikaden seyen wieder aufgebaut worden, indessen habe der Obergeneral so vortreffliche militärische Maßregeln getroffen, daß binnen wenigen Stunden die Fauburgs St. Jaques und St. Antoine gereinigt seyn würden. Die Bürger- wehren der umliegenden Städte eilen mit Eifer herbei, um ihren Kameraden der Bürgerwehr und des Heeres im Kampfe gegen die Emeutiers beizustehen. Ich schlage Ihnen darum vor, diesen Eifer nicht blos mit hohlen Dankesworten zu mindern, sondern trage darauf an, alle Wittwen und Kinder der in diesem Kampf Fallenden zu adopüren (Ja, ja! Stimmen wir fort). Leon Fancher hat mir zu diesem Zweck bereits einen Antrag überreicht. Dieser Antrag: „Der Staat adoptirt die Kinder und Wittwen gller derjenigen Nationalgardisten, die am 23. Juni oder an den darauf folgenden Kämpfen für die Freiheit sterben," wurde mit Emsigkeit angenommen. St. Georges bittet die Versammlung, seine Abwesenheit zu entschulvigcn. Sein Sohn sey gestern in den Reihen der Bürgerwehr stark verwundet worden, er müsse ihn Pflegen. Bei dieser Gelegenheit erfährt die Versammlung, daß er noch nicht todt, sondern auf dem Wege der Besserung. Eine Kugel fuhr durch seine Brust, ohne