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Kahne spazieren führen wollen. Das ängstliche Mädchen wei­gerte sich dessen, da übermannte den kleinen Baron dermaßen sein böser Jähzorn, daß er das Kind mit aller Kraft in den Kahn hinab stoßen wollte; sie fiel aber daneben in's Wasser, und ihr blondes Köpfchen verschwand unter den zusammen­schlagenden Wellen. Von seinem ganzen großen Gefolge war Niemand in der Nähe; so sehr er rief und schrie, kein Mensch erschien. Mariechens Gefolge aber, das ihr zur Seite geblie­ben, und das freilich nur aus einem großen, starken Hunde bestand, war nicht müßig und rettete sie. Feldmann war ihr nachgesprungen und zerrte sie bald an ihren langen Flechten an's Ufer hinauf, wobei ihm der trostlose Fabrice half.

Die Augen des armen kleinen Mädchens waren fest ge­schlossen, als der Knabe vor ihr kniete und sich selbst anklagte in übermäßiger heftiger Reue.

Mariechen, werde nur wieder lebendig, ich will dich auch zu meiner Frau nehmen, und dir lauter sammtne Kleider geben, und nichts als Malaga und Kuchen; aber werde nur wieder lebendig!

Und sie that ihm den Gefallen. Sie schlüpfte aber still in ihr Kämmerlein und kleidete sich um, und Niemand erfuhr etwas von des Knaben jähzorniger That. Aber er gedachte es ihr auch.

Mehrere Jahre waren seitdem verflossen, und Karl hatte nicht mehr von seinen Planen gesprochen; wozu auch? sie glaubten ja ohne Worte an einander, und er hatte ja schon vier Jahre, ohne je eine Silbe zu verrathen, den Plan, Ma­riechen zu heirathen, in seinem Herzen getragen.

Im großen Saale im Herrenhause, in Gegenwart der Frau Baronin nahm sie Abschied von ihm, und er sah ihre fallenden Thränen, und nur sie hörte es, als er beim Abschied sagte: Ich schreibe bald, aber du mußt auch bald antworten.

In der Universitätsstadt Mainz machte es förmliches Auf­sehen, als der junge schöne Fabrice mit seinem Gefolge an­kam, Kein einziger Student-trug mit so ^fe^-Grerzio-ellrs -fv schöne, lange Perrücke. Keines Anzug war so geschmackvoll in Paris verfertigt, und gar keiner konnte sich mit ihm messen, wenn er zu Pferde saß, auf seinem stattlichen Mecklenburger, und rechts und links grüßend, mit wunderbarem Anstand, das mit Goldtressen besetzte dreieckige Hütchen lüpfte.

Aber alle jene Erfolge, die ihm natürlich kein Geheimniß blieben, hielten ihn nicht ab, schon in den ersten Tagen einen recht zärtlichen, innigen Brief an Mariechen zu schreiben und ihr auf dem Papier endlich kunv zu geben, wie lieb er sie habe. Er bekam keine Antwort. Seine neuen Freunde, wo­runter ihm der liebste ein junger Franzose war, suchten ihn, als er ihnen sein Leid wegen des Schweigens der Pfarrers- tochter anvertraute, aufls Beste deshalb zu trösten. Um ihn

zu zerstreuen, schlugen sie ihm einen Ritt nach Frankfurt vor. Er war gern einverstanden, und nachdem er seinen Hofmeister vermocht, zurückzubleiben, seine beiden Westentaschen mit dop­pelten Louisd'or gefüllt, stieg er mit seinen Freunden zu Pferde. Sein Kammerdiener, der alte Eberhard, bat es sich als beson­dere Gnade aus, statt des Reitknechtes mitzudürfen. Ihre Gnaden könnte etwas zustoßen! Fabrice willigte aus Gut« müthigkeit für den alten treuen Diener ein, wenn es ihm auch eigentlich unangenehm war. Aeltere Leute erscheinen den Jun­gen immer wie Aufseher. Die Gesellschaft bestand aus fünf Personen: Fabrice, dem Franzosen Marquis de L., zwei an­deren jungen Edelleuten, und dem Kammerdiener. Als sie in Frankfurt ankamen, waren alle ziemlich ermüdet, und nachdem man eine gute Mahlzeit angeordnet, warfen sich die jungen Leute in die breitarmigen Lehnstühle, die im Saale des Gast­hofes umherstanden. Der Marquis saß neben Fabrice und sagte diesem allerhand schmeichelhafte Dinge, aber in der leich­ten , unabsichtlichen Weise, wie Leute von Welt sie besitzen. Fabrice nahm sie in gutmüthigem Glauben für baare Münze und wurde sichtlich dadurch erheitert und immer mehr zu L. hingezogen, während die beiden Andern sich spöttische Blicke über des Franzosen Schmeichelreden zuwarfen; denn der Plan, den jungen, unerfahrenen, reichen Menschen zu gewinnen, war leicht zu durchschauen.

(Fortsetzung folgt.)

Miszellen.

Berlin. Ein originelles Werk ist in diesen Tagen hier erschienen: Nosology or hints towards a Classification venöses (Nasenlehre oder Finger­zeige zur Klassifikation der Nasen). Der Vers., Hr. Eden Warwick, hat sein Thema nicht etwa satirisch, sondern in vollem Ernst behandelt und sagt in der Einleitung: Wir haben einen auf einer lang fortgesetzten, persönlichen Beobachtung beruhenden Glauben, daß in der Nase bei weitem mehr liegt, -«ls-^e-meisten- Inhaber dieses Gesichtstheils in der Regel gewahr werden. Wir glauben außerdem, daß die Nase eine Zierde des Gesichts oder ein bequemer Henkel ist, wobei man einen unverschämten Kerl fassen kann*), sie einen wichtigen Fingerzeig für den Charakter ihres Inhabers gibt, und daß die genaue Beobachtung und sorgfältige Vergleichung einer großen Sammlung von Nasen verschiedener Personen, deren geistige Fähigkeiten bekannt sind, eine Nasenklassifikation und eine daraus gezogene Folgerung gewisser Einzelnheiten der geistigen Organisation rechtfertigt. Der Verf. theilt nun die Nasen in 5 Klaffen: die römische oder Adlernase, die grie­chische oder gerade Nase, die denkende oder Nase mit weiten Nasenlöchern: die jüdische oder Habichtsnase, und die himmlische oder Stutznase, und zieht nun aus der Gestalt dieser Nasen die Folgerungen, die man in dem Merk­chen selbst nachlesen mag.

*) Wer die englischen Sitten kennt, wird wissen, daß pulling a man's nose als die größte Beleidigung gilt und eine vollständige Herausforderung zur Falze hat. Red

Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.