Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^N 82. Freitag den 23. Juni 18L8.
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Uebersicht.
Wozu jetzt Muth gehört.
ZehntablösungSgesetz-Entwurf.
Deutschland. Wiesbaden (Anklage gegen den Chef des Generalstabs.
Landtag). — Frankfurt (Reichstagssitzung. Bundestagsbeschluß). — Leipzig (Die Soldaten sollen in Prag gesiegt haben. Die Unruhen in Altenburg). — Berlin (Die Mmisterkrisis). — Breslau (Die russische Truppenmacht an der Gränze). — Prag (Die Unruhen).
Ungarn. Pesth (Kriegsmaßregeln gegen den Bann von Kroatien).
* Wozu jetzt Muth gehört.
Wenn ich vor die Bauern trete und sage, die Zehnten sollen abgcschafft werden ohne Entgelt und alle Steuern obendrein, zu den Arbeitern und sage, jetzt sollt Zhr einen ewigen Feierabend kriegen, zu den Knechten und Mägden, jetzt sollt Ihr Herren seyn und die Andern sollen einmal dienen, zu den Besitzlosen und spreche, übermorgen fängt die große Theilung an, — dann kann ich leicht populär werden, ja ich werde wohl auch in die Kammer gewählt und am Ende gar in den Reichstag. Muth gehört aber nicht viel dazu; nur ungefähr so viel, als vor dem 4. März dazu gehörte, den hohen und höchsten Herrschaften einen allerunterthänigsten Kratzfuß und Katzbuckel zu machen.
Ich will Euch aber sagen, wozu jetzt Muth gehört: Wenn man weiß, daß in den Zehnten nicht blos gar manches große Unrecht, sondern auch gar manches kleine Privatrecht steckt, den Bauern zu sagen, cs ist ein Rechtsbruch, die Zehnten abzuschaffen und nicht âbzulösen ; wenn man weiß, daß schwere Zeiten auf Handel und Wandel lasten und noch schwerere kommen werden , den armen Arbeitern keine goldenen Berge vorzumalen, sondern ihnen zu sagen, daß nicht sie allein, sondern wir alle zusammen jetzt noch viel mehr arbeiten müssen, als bisher, um uns ehrlich durchzubringen, — dazu gehört Muth ! Denn das klingt den Leuten nicht lieblich in die Ohren, ist aber doch wahr. Ich möchte aber einmal wissen, wer es ehrlicher und besser mit den armen Arbeitern meint, derjenige, welcher ihnen Schmeicheleien sagt, wodurch sie nur um so tiefer in's Elend gerathen werden , oder der ihnen die bittere, derbe Wahrheit aufdeckt, damit sie sich durch eigene Thatkraft herausarbeiten können aus ihrer Noth !
Ich möchte wissen, in wem eigentlich der ächte republikanische Geist steckt, ob in dem, welcher will, daß wir alle, namentlich aber das ärmere Volk, erst Spartaner werden, bevor wir an den Aufbau einer Republik denken, oder in dem, welcher Vornehmthuerei und Nichtsthuerei, statt sie überall auszurotten , von den reichen Leuten auf die armen verpflanzen und also nur den Stiel umdrehen will! Wenn ich erst einmal sehe, daß Entsagung, Aufopferung für's gemeine Beste, verzehnfachte Arbeitslust, Weltverachtung in die jetzt sogenannten Republikaner fährt, daß sie Spartaner werden, und nicht blos um der Fleischtöpfe Egypti willen die Republik
wollen, sondern vielmehr mit der schwarzen Suppe ansangen, um cs zu was Rechtem zu bringen, dann bin ich der Erste, welcher den Hut vor den Republikanern zieht, tiefer als ich ihn je vor einem andern Menschen gezogen.
Dem Publikum vorzusagen, was es gerne hört, ihm nachzusprechen, was es spricht, der Eitelkeit und Selbstüberhebung der Menge und ihrer Wortführer die Schleppe zu tragen, — dazu gehört verdammt wenig Muth; aber dem Publikum zu sagen — was es nicht gern hört — wann und wie es auf dem Holzweg ist, dazu gehört Muth. Der Zeitschriftsteller ist nicht berufen, der Menge zu schmeicheln, sondern sie zu belehren, sie auch wohl zurechtzuweisen. Wer dem Volke blindlings schmeichelt, der thut ganz das nämliche, als wer den Fürsten geschmeichelt hat; es ist beides eine Niedertracht, die eines freien Mannes unwürdig. Es gehört aber Muth dazu, dieß auszusprechen. Verhüt' es Gott, daß so ein Ding wie die alte nassowitische Büroknutie wiederkehre, aber verhüt' es auch Gott, daß wir an ihrer Statt — nicht eine Demokratie — sondern eine D ema- gogokratie bekommen.
Auf wessen Seite ist jetzt die Herrschsucht? Ich sage, auf republikanischer. Darum taugt dieser Republikanismus nichts, weil er in seiner Art Despotismus ist. Prinz Hecker hat uns dies am klarsten gezeigt.
Wenn übrigens die große konstitutionelle Partei auf eine zeitlang drunter gekriegt wird von der kleinen republikanischen, dann geschieht es ihr ganz recht. Die Republikaner stehen auf der Hochwacht, Alles spüren sie aus, Alles benützen sie, da ist keine Zeitungslüge so einfältig — etwa wie die von dem nun bereits seit acht Tagen erfolgten Einbruch Rußlands — sie wird sofort trefflich ausgebeutet, um den Leuten die Hölle heiß zu machen. Die Republikaner hängen zusammen wie die Kletten. Ich bin überzeugt, daß ihre Zahl in hiesiger Gegend in den letzten drei Wochen vielleicht sich verdoppelt hat. Warum? Da war der Demokratenkongreß in Frankfurt, ein Parlament neben dem Parlament, der hat allen diesen Bestrebungen wieder Anhalt und Kraft gegeben. Die Apostel ziehen jetzt im Lande herum und halten Versammlungen, nächstens z. B. in Höchst, in Limburg. Warum halten wir denn nicht auch solche Versammlungen, solche Kongresse; warum theilen wir Konstitutionellen nicht auch Deutschland in Kreise, wie es bereits die Demokraten gethan? Einfach deßhalb, weil wir immer noch die große Schlafhaube auf dem Kopf haben. Die Sache steht wieder so, daß durch Ruhigverhalren keine Ruhe erzielt, sondern der Spektakel nur um so größer wird. Wenn Einer Herginge und wollte etwa einen solchen Kongreß der Konstitutionellen in Frankfurt anregen, wie der Demokratische war, dann würde er sich grenzenlos blamiren; denn wahrscheinlich versprächen Tausende zu kommen und hintendrein kämen — keine Zwölfe.
Fehlt uns etwa der Muth? Dazu gehört doch wenigstens nicht viel Muth, sich darüber hinauszusetzen, daß uns jeder Bube das Wort „Reaktion" an den Bart werfen kann. Ei, wir glauben eben, die Reaktion stehe drüben, und wir sind die Männer des Fortschrittes. Wir sind es, die in Wahrheit festhalten an der Volksso uveräni tät, denn wir