Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Jeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
Jfé 81. Donnerstag
den 22. Juni 1828.
Die Kapitänstochter.
Von Alexander Puschkin.
(Fortsetzung.)
Da kamen hinter der Anhöhe, die eine halbe Werst von der Festung sich befand, neue Reiterschaaren zum Vorschein, und bald war die Steppe mit einer Menge Bewaffneter übersät. Sie trugen Speere und Köcher; unter ihnen ritt auf weißem Roß ein Mann im rothen Kaftan, mit blankem Säbel in der Hand. Das war Pugatschew selbst. Er hielt an; mehrere umringten ihn, und auf seinen Befehl, wie es schien, trennten sich vier Mann vom Haufen und sprengten in vollem Galopp bis dicht an die Festung. Wir erkannten in ihnen unsere Verräther. Der Eine hielt ein Blatt Papier über seiner Mütze, auf des Andern Speer stak das Haupt Julay's, das er abschüttelte und über die Pallisaden zu uns herüber warf. Der Kopf des armen Kalmücken fiel dem Kommandanten vor die Füße. Die Verräther riefen: „Schießt nicht, kommt heraus zum Kaiser. Der Kaiser ist hier!"
— „Ich will Euch!" schrie der Kapitän. „Kinder, Feuer!"
Unsere Soldaten gaben eine Salve. Der Kosak, welcher das Blatt hielt, wankte und stürzte vom Pferde; die Anderen sprengten zurück. Ich sah nach Marien. Erschreckt vom Anblick des blutigen Hauptes, betäubt von der Salve, stand sie wie besinnungslos da. Der Kommandant rief dem Korporal und befahl ihm, dem getödteten Kosaken das Blatt aus der Hand zu nehmen. Der Korporal ging hinaus und führte zurückkommend das Pferd des Getödteten am Zügel. Er überreichte dem Kommandanten die Schrift. Iwan Kusmitsch las sie für sich und zerriß sie dann in Stücke. Unterdeß gingen die Empörer augenscheinlich an's Werk. Bald pfiffen uns die Kugeln um die Ohren und einige Pfeile blieben vor uns im Boden und in den Pallisaden stecken.
„Wasilissa Jegorowna!" sagte der Kommandant, „hier ist nichts für Frauen. Bringe Marien weg: Du siehst ja, das Mädchen ist halbtodt."
Wasilissa Jegorowna, die sich mit Kugeln vertraut gemacht blickte nach der Steppe, auf der sich eine große Bewegung zeigte. Darauf wandte sie sich zu ihrem Manne mit den Worten: „Iwan Kusmitsch, Leben und Tod ist tn Gottes Hand — segne Marien. Marie, geh zum Vater."
Bleich und zitternd trat Marie zu ihrem Vater, kniete hin und neigte sich vor ihm zur Erde. Der alte Kommandant bekreuzte sie drei Mal, dann hob er sie auf, küßte sie und sprach, während ihm die Stimme versagte: „Nun, Mariechen, sey glücklich! Bete zu Gott: er wird Dich nicht verlassen. Findest Du einen guten Mann, so gebe Euch Gott Liebe und Einigkeit! Lebt miteinander wie ich und Wasilissa Jegorowna. Nun, leb wohl, Mariechen. Wasilissa Jegorowna, führe sie schnell weg." Maric warf sich ihm um den Hals und schluchzte.
— „So laß uns auch Abschied nehmen," sagte die Kommandantin weinend. „Leb wohl, mein Guter, verzeih mir, wenn ich Dich jemals gekränkt!"
„Leb wohl, leb wohl, Mütterchen!" sagte der Kommandant, seine Alte umarmend. „Nun genug, geht nach Hause; und wenn es noch Zeit ist, laß Marien einen Sarafan (das Nationalkleid der russischen Bäuerinnen) anziehen."
Die Kommandantin entfernte sich mit ihrer Tochter. Ich blickte Marien nach, sie sah sich um und nickte mir mit dem Kopfe.
Jetzt wandte sich der Kapitän zu uns und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Feind. Die Empörer hatten sich dicht um ihren Anführer geschart und stiegen auf einmal von den Pferden. „Nun steht fest," sagte der Kommandant: „der Sturm geht an."
In diesem Augenblicke erscholl ein fürchterliches Geschrei und Getöse. Die Aufrührer rannten die Festung hinan. Unsere Kanone war mit einer Kartätsche geladen. Der Kommandant ließ die Feinde ganz nahe herankommen und auf einmal feuerte er ab. Die Kartätsche fuhr mitten in den Haufen, die Rebellen prallten zurück und wichen nach beiden Seiten auseinander. Der Anführer blieb allein voran. Er focht mit