Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 76. Samstag den 17. Juni ISO.
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Die Expedition der Nast. Mg. Ztg.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden ® ft, für den Umfang des HerzogthumS Qlafsau, des GroßherzogthumS und KurfürstenthumS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Sfadr Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. — Inserate werden die dreisvaltlge Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelleuberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Nassauischer Eulenspicgel.
Wie man Petitionen „mit Unterschriften bedeckt".
Die neue .Kirchenverfassung für das Herzogthum Nassau.
Deutschland. Aus dem nassauischen Feldlager (Zuschrift an die
Badener). — Alain; (Die Buchdruckerversammlung). — Eisenach
(Ein Universttätsparlament). — Leipzig Schilderhebung der Tschechen in Prag. Kannouade in den Straßen. Alarmfeuer durch's ganze Land). — Dresden (Die russische Kriegsgefahr). — Potsdam (Ueber- siedlung vieler Familien). — Breslau (Gerüchte über einen bevorstehenden russischen Einfall). — Flensburg (Die tannische Freischaar.
Die deutschen Kriegsgefangene). — Von der Oder (Affazionsrecht der Soldaten). — Wien (Prof Hye freigesprochen. Zulassung der Arbeiter zu den Wahlen). — Botzen (Gefecht bei Rivoli und Dolce). — Bom
Bren ner (Rivoli von den Piemotesen besetzt).
Frankreich. Straßburg (Louis Bonaparte).
Rußland. (Die Rüstungen und die drohende Kriegsstellung des russischen .H-«r-»)tz--°
* Nassauischer Culenspiegel
VII.
(Anleitung für unsere Stände, sich die Zuneigung der Altnassauer und der Katholiken zu gewinnen.) Mit der Abschaffung des „von Gottes Gnaden" haben unsere Landstände einen erstaunlich gescheiten Streich gemacht. Eulenspiegel selber hätte nichts Pfiffigeres ausfinnen können. Es stellt sich nämlich fetzt heraus, daß der Herzog zwar nicht mehr „von Gottes Gnaden" ist, wohl aber einer seiner Unterthanen — nämlich der B i schof von Limburg. Derselbe schreibt sich: „von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden". Was ist da zu machen? Da unsere Volks- i Vertreter viel Muße und Neigung zu haben scheinen, sich mit dergleichen hochwichtigen Dingen zu belassen, welche anderen Kammern, die doch auch für volköthümlich gelten wollen, z. B. der sächsischen, der Württembergischen, der badischen, bisher unbegreiflicher Weise gänzlich entgangen sind, so schlagen wir ihnen vor, zu berathen , ob dem Bischof von Limburg das „von Gottes Gnaden" nicht auch zu streichen sey?
Ein Bauer bemerkte mir übrigens bei diesem Anlaß, die alten Landstände hätten ihm doch noch besser gefallen als die neuen. Wenn die alten gestrichen hätten, dann sey es doch allezeit am Budget gewesen, und da hätte der Bauer vergnüq- | sich auf die Kreuzer geblickt, die er* im Säckel behalten, und hätte gewußt, wozu und warum die Herren in Wiesbaden streichen. Die neuen Stände aber wüßten nichts zu streichen als die Unterschriften von Adressen und die Ueber- ; schriften von Gesetzen, und da hätte kein Mensch einen Heller von.
; VIII.
,(Die freie Presse in Nassau.) Ein Bauersmann "klärte mir jüngst, als ich mit ihm von den bekannten Lel- ‘ stunden eines Theiles der nassauischen Tagespresse sprach, Folgendes:
„Da machen die Leute ein großes Getöse von der freien Presse! Was ist sie denn? Was hat sie uns denn gebracht? Was so schmutzig ist, daß man sonst sich schämte, sich's unter vier Augen zu sagen, das liest man jetzt alle Tag' gedruckt. Das ist die freie Presse."
Der Mann hatte in seiner Art so Unrecht nicht.
Wie man Petitionen „mit Unterschriften bedeckt".
Da man neuerdings auch in Nassau zu lernen scheint, im Lande Petitionen zu „bestellen," so dürste folgende nähere Anleitung, wie man's in Köln gemacht, um die nöthigen Unterschriften zusammenzubringen, vielleicht lehrreich für die Zukunft seyn. Wir entnehmen sie der Deutschen Zeitung: Jedenfalls sind die Details des Unterschreibens bezeichnend und charakteristisch für das hiesige Petitionswesen oder Unwesen, und vielleicht gestatten sic auch anderswo eine Nutzanwendung. So erinnere ich mich lebhaft, daß, nachdem eine solche Petition, die auf ein allgemeines deutsches Hei maths recht antrug und „mit Unterschriften bedeckt" worden war — ich meine, das ist der technische Ausdruck — in der nächsten Volksversammlung als belegtster dreier Gewerbe ein ehrlicher Maurergesell auftratt und sich — wohlbemerkt, nachdem die Petition längst 'abgegan- gcn war — nachträglich eine Definition des allgemeinen deutschen Heimathsrechts erbat, da man — ich zitire wörtlich — darüber gestritten habe, ob ein allgemeines deutsches Heimathsrecht das sey, wenn fremde Arbeiter im Frühfahr nach Köln kämmen und im Herbste wieder fortgingen, oder wenn sie dort blieben. Die Verlegenheit des Präsidenten bei dieser Frage können Sie sich denken; nichtsdestoweniger entschied dieselbe kompetente Versammlung gleich darauf, daß der direkte Wahlmodus der allein vernünftige sey.
Doch das Alles verschwindet gegen die Art und Weise, wie die Unterschriften zusammengebracht wurden, als der Protest gegen die Zurückberufung des Prinzen von Preußen beschlossen war. An den Ecken und Plätzen, wo sonst die Bänkelsänger mit ihren Mordgeschichten ausstehen, waren kleine Tische ausgestellt und an einer zehn Fuß hohen Stange: „Protest gegen die Zurückberufung des Prinzen von Preußen^ zu lesen; an jedem Tisch saß ein Mitglied deS Komitè's, das bis zur Stunde der regelmäßig erfolgenden Ablösung die Vorübergehenden, Vornehm und Gering, Klein und Groß zur Unterzeichnung aufforderte; ganze Schaaren von Knaben zogen jubelnd von einem Tische zum andern und protestirten, und in der Quinta der höheren Bürgerschule konfiszirte der Lehrer, der offenbar seine Zeit noch nicht begriffen hat, ein dort zur Unterschrift aufgelegtes Exemplars Das klingt wie eine abgeschmackte Uebertreibung und ist doch Nichts, als die reine Wahrheit, die Ihnen jeder Kölner bestätigen kann.
Diese Geschichte ist übrigens köstlich teerst flirt in zwei Im seraten, welche zwei aufeinander folgende Nummern der Kölnü