gegessen! Was wird die gnädige Frau sagen, wenn das Kind krank wird?"
Am andern Morgen, ich hatte mich noch nicht ganz an- gekleidet, ging die Thür auf und herein trat ein junger Offizier nicht hoch von Wuchs, mit braunem und außerordentlich unschönem aber sehr belebtem Gesicht. „Entschuldigen Sie," sagte er zu mir auf französisch, „daß ich ohne alle Umstände komme, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gestern erfuhr ich Ihre Ankunft; der Wunsch, endlich einmal ein menschliches Gesicht zu sehen, bemächtigte sich meiner dermaßen, daß ich's nicht abwarten konnte. Sie werden das begreifen, wenn Sie hier noch einige Zeit gelebt haben."
Ich errieth, daß dies der Offizier sei, der wegen eines Duells aus der Garde versetzt worden. Wir wurden gleich näher bekannt. Schwabrin war gar nicht dumm. Er sprach witzig und anziehend. Mit vieler Jovialität schilderte er mir die Familie des Kommandanten, seine Gesellschaft und den Ort, an welchem das Schicksal mich verschlagen. Ich lachte von ganzem Herzen; da trat derselbe Invalide herein, der in des Kommandanten Vorsaal seine Uniform geflickt, und brachte mir von Wasilissa Jegorowna eine Einladung zum Mittagessen. Schwabrin erbot sich, mich zu begleiten.
Als wir uns dem Kommandantenhause näherten, erblickten wir auf einem freien Platz zwanzig alte Invaliden mit langen Zöpfen und Dreimastern. Sie waren in Fronte aufgestellt. Vor ihnen der Kommandant, ein rüstiger, hochgewachsener Greis in einer Zipfelmütze und wollenem Schlafrock. Als er unser ansichtig wurde, ging er auf uns zu, sprach einige freundliche Worte zu mir und setzte darauf sein Kommando fort. Wir waren stehen geblieben, um dem Ererziren zuzusehen, da bat er, wir möchten uns nur ja zu Wasilissa Jegorowna begeben, er würde uns auf dem Fuße folgen. „Hier," setzte er hinzu, „habt ihr nichts zu sehen."
Wasilissa Jegorowna empfing uns einfach und herzlich; mich behandelte sie, als kennte sie mich schon seit Jahren. Der Invalide und Palascha, das Stubenmädchen, deckten den Tisch.
"Was hat sich nur heute mein Iwan Kusmitsch so tief ins Ererziren vertieft!" sagte die Kommandantin. „Palascha, geh ruf' den Herrn zu Tische. Wo ist denn Mariechen ?
Hier trat ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren ein, mit rundem, rosigem Gesichtchen und hellbraunem Haar: sie trug dieses glatt hinter die Ohren gekämmt, welche ihr ganz glühten. Auf den ersten Blick gefiel sie mir nicht sonderlich. Ich betrachtete sie mit Vorurtheil. Schwabrin hatte mir Marien, die Capitainstochter, als recht einfältig geschildert. Sie setzte sich in eine Ecke und fing zu nähen an. Unterdeß wurde die Kohlsuppe aufgetragen. Als Wasilissa Jegorowna ihren Mann noch immer nicht kommen sah, schickte sie Palascha zum zweiten Male nach ihm. „Sage dem Herrn, die Gäste warten, die Kohlsuppe wird kalt: das Exerzieren läuft ihm nicht davon, er wird noch Zeit haben, sich heiser zu schreien.
Bald darauf erschien der Eapitain in Begleitung des einäugigen Greises. „Was ist denn heute mit Dir, Aelterchen?" rief ihm die Frau entgegen. „DaS Essen ist längst aufgetragen, und Du hörst gar nicht."
— „Siehst Du, Wasilissa Jegrowna," antwortete der Ca- pitain: „ich war mit dem Dienste beschäftigt, ich habe meine Soldätchen einerercirt."
„Geh' mir doch mit Deinem Erereiren!" versetzte sie. „Das sieht auch nur nach etwas aus. Du weißt soviel vom Dienste wie Deine Soldaten. Säßest Du doch zu Hause und betetest, das wäre viel gescheiter. Meine werthen Gäste, bitte zum Essen."
Wir nahmen Platz, Wasilissa Jegorowna schwieg feinen Augenblick und überhäufte mich mit Fragen: wer meine Eltern wären, ob und wo sie lebten, was sie für Vermögen hätten? Als sie hörte, daß mein Vater dreihundert Bauern besitze, rief sie: „Eine Kleinigkeit!" Was es doch auf der Welt für reiche Leute giebt! Und wir, mein Lieber, siehst Du, haben das Eine Stubenmädchen Palascha, weiter Niemand. Aber Gottlob, wir kommen auch durch. Nur Eins drückt mich; Mariechen ist ein erwachsenes Mädchen —und waS hat sie zur Aussteuer? Einen dichten Kamm, einen Laubbesen und eine Altün Geld (daß Gott erbarm' !), um ins Bad zu gehen. Gut, wenn sich ein edler Mensch findet — sonst bleibt sie ihr Lebelang sitzen als alte Jungfer.
Ich warf einen Blick auf Marien, sie war hochroth geworden, es fielen sogar Thränen auf ihren Teller. Sie dauerte mich und ich eilte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Ich habe gehört," bemerkte ich taktlos genug, „daß die Baschkiren einen Angriff auf Ihre Festung machen wollen."
— „Von wem hast Du das gehört, mein Lieber?" fragte mich der Kapitän.
„Man sagte mir's in Orenburg," erwiederte ich.
— „Dummes Zeug," versetzte der Kommandant. „Bei mir ist seit lange Alles still. Die Baschkiren sind eingeschüchtert und auch die Kirgisen haben eine Lektion erhalten. Getrost, die regen sich gegen uns nicht, und wenn auch, dann schlage ich sie so auf's Haupt, daß sie sich in zehn Jahren nicht erholen.
„Und Sie," wendete ich mich zur Kapitänin, „haben Sie keine Angst, in einer Festung zu bleiben, die so vielen Gefahren ausgesetzt ist?"
— „Gewohnheit, mein Lieber!" entgegnete sie. „Vor zwanzig Jahren, als man uns aus dem Regiment hierher versetzte, da hatte ich vor diesen Heiden eine Furcht, daß Gott erbarm' ! Wenn ich nur ihre Luchömützen erblickte und ihr Geschrei vernahm, wirst Du's glauben? da zitterte mir das Herz im Leibe. Jetzt aber bin ich's so gewohnt, daß ich mich von der Stelle nicht rühre, wenn uns gemeldet wird, daß die Wütheriche um die Festung herumsprengen."
(Fortsetzung folgt.)
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