Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interesse«.
JVs. 72. Dienstag den 13. Juni I8^L8.
Die Capitänstochter.
Von Alexander Puschkin.
(Fortsetzung.)
— „Was wünschen Sie?" fragte sie mich, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen. Ich erwiederte, daß ich zum Dienste hergekommen und meiner Schuldigkeit gemäß mich dem Kommandanten melde. Damit wandte ich mich an den einäugigen Greis, den ich für den Kommandanten nahm; aber die Hausfrau unterbrach meine einstudirte Rede. „Iwan Kusmitsch ist nicht zu Hause; er ist zum Besuche bei Vater Gerassim: doch gleichviel, mein Herr, ich bin seine Frau. Haben Sie die Güte, lassen Sie sich nur nieder." Sie rief das Stubenmädchen und befahl ihr den Urädnik (Unteroffizier bei den Kosaken) hereinzuschicken. Der Greis betrachtete mich neugierig mit seinem einzigen Auge. „Darf ich fragen," sagte er, „in welchem Regiment Sie gedient haben?" Ich befriedigte seine Neugier. „Und darf ich fragen," fuhr er fort, „warum Sie aus der Garde zur Garnison übergingen?" Ich erwiederte, das sey der Wille der Regierung gewesen. „Haben wohl was gethan, was sich für einen Gardeoffizier nicht schickt?" sprach der unverwüstliche Frager weiter.
— „Wozu das Gewäsch!" fiel die Kapitänin ein. „Du siehst, der junge Mann ist müde von der Reise, er hat seine Gedanken nicht bei Dir . . . halte doch die Sinne gerade .. . „Und Sie Verehrtester," fuhr sie fort, sich zu mir wendend, grämen Sie sich nicht, daß man Sie in unsere Einöde gesteckt. Sie sind nicht der Erste und nicht der Letzte. Geduld macht Alles gut. Da ist Herr Schwabrin, Alerj Iwanowitsch, schon fünf Jahre bei uns: man hat ihn wegen Todtschlag versetzt. Weiß der Himmel, was er vorgehabt. Sehen Sie, er begab sich mit einem Leutnant vor die Stadt, sie hatten ihre Degen bei sich, und nun ging Einer auf den Andern los. Alerj Iwanowitsch erstach den Leutnant, und noch dazu vor zwei Zeugen. Waö ist zu machen! der Sünde ist Keiner Herr."
In diesem Augenblick trat der Urädnik ein, ein junger,
stattlicher Kosak. „Marimitsch!" sagte ihm die Kapitänin, „besorge dem Herrn Quartier."
— „Zu Befehl, Wasilissa Jegorowna," erwiederte der Urädnik: „soll ich Seine Wohlgeboren nicht bei Iwan Polesha- jew unterbringen? "
„Bist nicht bei Troste, Marimitsch," sagte die Kapitänin. „Bei Poleshajew ist'ö ohnehin zu enge. Dann ist er mein Gevatter und kann nicht vergessen, daß wir seine Vorgesetzten sind. Bringe den Herrn .... wie ist Ihr Tauf- und Vater- name , mein Lieber? "
„Peter Andrejitsch."
„Bringe Peter Andrejitsch zu Semen Kusow. Zwar dieser Spitzbube hat sein Pferd in meinen Gemüsegarten gelassen . .. Nun, Marimitsch, ist Alles still und ruhig? "
— „Gottlob! " erwiederte der Kosak. „Nur der Korporal Prachorow hatte im Bade eine Prügelei mit der Ustinja Pegulin wegen einer Kanne heißen Wassers."
„Nimm beide vor und fiel), wer Recht hat. Laß aber keinen ungestraft. Jetzt geh in Gottes Namen, Marimitsch. Er wird Sie in Ihre Wohnung bringen, Peter Andrejitsch."
Ich empfahl mich, der Urädnik führte mich in ein Häuschen , das am äußersten Ende der Festung hoch am Ufer des Flusses gelegen war. Die eine Hälfte des Häuschens nahm die Familie Kusow ein, die andere wurde mir eingeräumt. Sie bestand aus einer ganz reinlichen Stube, die durch einen Verschlag abgetheilt war. Saweljitsch beschäftigte sich gleich mit der nöthigen Einrichtung, ich blickte zum schmalen Fenster hinaus. Vor mir lag die traurige Steppe. Schrägüber standen einige Hütten, auf der Straße liefen Hühner umher. Ein altes Weib stellte sich mit einem Trog vor die Thür und rief die Schweine, die ihr mit freundlichem Grunzen antworteten.
In einem solchen Neste also war ich verurteilt meine Jugend hinzubringen! Mir wurde weh zu Muthe. Ich trat vom Fenster zurück und ging ohne Abendessen zu Bette, trotz aller Ermahnungen Saweljitsch's, der mit großer Bekümmerniß wiederholt auSrief: „Du gerechter Gott! hat gar nichts