Nassauische
Allgemeine Zeitung.
.M 70» Sonntag den 11» Juni L8L8.
v' Bei dem Herannahen des neuen Halbjahres erlauben wir uns die Bitte, Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung möglichst frühzeitig machen zu wollen, indem später für die Nachlieferung vollständiger Exemplare nicht gewährleistet werden kann. Die Expedition der W Mg. ^tg.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der halbjährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 4 fl., für den Umfang des HerzogthumS Nassau, des Großherzogthnms und' Kurfürstenthums Hessen, der ^»ndgrafschast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 5 fl., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen BerwaltungSgebieteS 5 fl. 20 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeil« oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Nassauischer Eulenspiegel.
Deutschland. W ie èb aden (Verhandlungen der Stände über den Jagdgesetzentwurf). — Frankfurt (Reichstagsstnung). — Kassel (Unsinnige VolkSverhetzung). — Berlin (Arbeiter. Zwangsanleihe. Der Prinz von Preußen). — Bon der sächsisch-böhmische n Gränze (Die Reaktion im Hintergründe des Sklavenkongresses). — Rendsburg (Vom Kriegsschauplatz).
Nachschrift. Paris (Die Festung Metz. Zusammenrottungen. Die KabinetökrisiS).
* Nassauischer Culenspiegel
L
(Schnelligkeit des nassauischen Gerichtsgangs.) Im April wurde eine Verläumbungsklage anhängig gemacht wegen einer durch die Presse verübten und als unwahr widerlegten Beschimpfung. Der Fall war sehr einfach und alles Material zur UrtheilSfallung in zwei Tagen herbeigeschafft. Allein vermöge der uns verheißenen Schnelligkeit deS Gerichtsganges fällt man noch immer an dem Urtheil.' Inzwischen ist die Zeit der Heuärndte gekommen, und daS GraS, welches über der Sache gewachsen ist, kann bereits gemäht werden; dauert eS noch eine Weile, so wächst auch noch Grummet über derselben.
Beim seligen NeichSkammergericht in Wetzlar betrieb man dergleichen Dinge doch um ein klein wenig schneller. Dort hing man die einlaufenden Prozeßakten mit einem starken Strick an dem Deckbalken deS Gerichtssaales auf und ließ sie so lange hängen, bis der Strick abgefault war und das Faszikel von selbst heruntersiel. Dann war die Sache „spruchreif" und wurde erledigt. Woher sich der Ausdruck schreibt, der Prozeß ist „anhängig" oder „schwebt."
II.
(Livre,Wechsel.) Man hat in Nassau die Bemerkung gemacht, daß allerlei Leute, die vordem so servil waren, daß sie sich nicht zu mucksen wagten, oder so aristokratisch, daß sie gar nicht wußten, wie sie den Hals steif genug in die Kravatte stecken sollten, jetzt wahre Jakobiner geworden sind. Darüber darf man sich aber nicht wundern. Diese Leute müssen schlechterdings Iemand's Bediente seyn; früher waren sie servil nach oben , jetzt sind sie eS nach unten. Es steckt ihnen einmal in der Haut, daß sie eine 8ivré tragen müssen, d'rum haben sie jetzt selbst die Bluse zur Livre gemacht. Der bekannte blaue Frack mit den gelben Knöpfen hängt aber nur einstweilen im Schrank und wird gut gegen die Motten verwahrt, damit man ihn nöthigenfallS wieder anziehen kann.
III.
(Injurienklage.) In einer Volksversammlung soll jüngst ein Republikaner den Minister-Präsidenten Hergenhahn angeklagt haben, weil er den Abgeordneten Lang einen Republikaner — geschimpft. DaS ist gerade, als ob ein Hofrath eine Injurien
klage einbringen wollte, gegen Einen, der ihn einen Hofrath - gescholten.
IV.
(Hannover, China und Nassau.) In Hannover hat es unlängst großen Spektakel erregt, daß man mehrere mißbe- liebige Amtleute, bie auf dem Lande vom Volke beinahe gesteinigt worden wären, deßhalb ihrer Stellen enthob, — um sie in die Negierung zu versetzen! In Nassau und China soll etwas Aehnlichcs geschehen seyn. Man hat nämlich in letzterem Land einen Beamten, den der Haß seines ganzen Amtes verfolgte, zur Rettung nach Pecking berufen, und zum Mandarin zweiter Klasse mit dem großen blauen Knopfe und der kleinen Pfauenfeder ernannt. Als das chinesische Volk darüber Rechenschaft verlangte, erwiederte ihm das Ministerium, im Buche des KonfutsiuS von der „Staatsweisheit" stehe geschrieben, daß man nur kleine Schelme hänge, die großen aber laufen lasse, deßhalb schütze man den kleinen Schelm am besten, wenn man ihm Gelegenheit gebe, ein großer zu werben.
(Finanzielle Weisheit der Bauern.) Diejenigen Landgemeinden, welche sich jetzt mit großen Knüppeln bewaffnen, um bei den Holzversteigerungen die Steigerer anderer Ortschaften fortzujagen, machen es genau so, wie die bekannten zwei Eckensteher, welche ihr Fäßchen SchnappS nur unter sich verzapften, und sich dafür gegenseitig immer den Einen Groschen, welchen sie besaßen, herüber und hinüber reichten. In ein paar Jahren wird der Gemcindcwald leer seyn, wie das Fäßchen, und die Gemeinde wird dann gerade noch den Einen Groschen, den sie abwechselnd auSgab und wieder einzog, »'n der Kasse haben.
VI.
(Zur $olen frage.) Ich unterhielt mich jüngst mit einem Bauersmann über politische Zeitfragen, und wir sprachen von dem Reichstage und der Reichsverfassung und von alle dem, was geschehen müsse, auf daß das deutsche Vaterland nicht gänzlich auseinander falle. Da meinte der Bauer, der Reichstag in Frankfurt habe vor Allem dahin zu wirken, daß die „Bolen" wieder ganz neu in's Reich eingesetzt würden. Ich glaubte aber, er spreche im Gleichniß von dem Reiche als von einem Hause und hatte die „Bohlen" verstanden, erwiderte ihm deshalb, mit bloßen Bohlen und Brettern sey's nicht genug, sondern mannsdicke Balken müßten eingezogen werden, wenn nicht Alles über'n Haufen stürzen sollte. — Nein, sagte er, ich meine die Pollacken. Es muß wieder ein Königreich Polen werden, sonst gibt's keine Ruh' in der Welt. Als ich den Mann nun fragte, warum er denn just ein Königreich Polen wollte, da er doch sonst Republikaner sey, gab er zur Antwort: das wisse er selber nicht, aber es klinge ihm so am besten, eine deutsche Republik und ein Königreich Polen -— so stehe es auch gedruckt und dabei müsse es bleiben.
Von den nassauischen Lankständen meinte er, sie hätten noch viel zu thun. Bis sie einmal mit der Domänenfrage fertig geworden seyen, und die „Administration von der Verwaltung getrennt" hätten, könne noch ein schönes Stück Wasser den Rhein hinunter fließen.