Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
J2 69» Samstag den 10» Juni 1848»
Übersicht.
Deutschland. Wiesbaden (Programm zu den Festlichkeiten der Fahnenweihe). — Stuttgart (Demonstration der Studenten in Tübingen).
— München (Gereizte Stimmung). — Hamburg (Verrücken der Preußen). — Tondern (Das Lygumkloster von den Dänen besetzt).
— Flensburg (Dänischer Parlamentär. Vertheidigungsanstalten. Das Bombardement angevroht. Verrath dänischgesinnter Bauern). —Königsberg (Von der russischen Gränze). — Tcplitz (Versammlung deutscher Männer). — Wien (Neue Aufregung. Kroatien). — Oberstcycr- mark (Komplott).
Italien. Verona (Der Fall von Peschiera, Radetzky).
Frankreich. Paris (Gesetzentwürfe. Die verschiedenen Bankerotte Frankreichs. Eindruck des Sturzes von Cremieur).
Dent f ch Land.
* Wiesbaden. Für die Festlichkeiten der Fahnenweihe der Bürg erwehr am zweiten Pfingsttage ist folgendes Programm festgesetzt:
Morgens 6 Uhr Neveille durch die Musik der Volks- wehr.
Um halb 1 1 Uhr treten die verschiedenen Abtheilungen der Volkswehr auf ihren Sammelplätzen an und verfügen sich auf den großen Platz vor dem Kurhause, um da die für sie bestimmten Stellen einziinehincn. Die Frauen versammeln sich um dieselbe Zeit in dem großen Saale des Kurhauses und ordnen sich zum Zuge.
Um 11 Uhr verlassen sie ihren Versammlungsort, tnbcm ihnen die Fahnen durch drei Bürger vorangetragen werden, und stellen sich auf dem für sic freigelassenen Platz in der Mitte des offenen Vierecks auf. Gelang der Vereine. Rede durch eine der Frauen. Uebergabc der Fahnen an die drei Aufgebote durch die dazu gewählten Frauen. Dankrede von einem Wehrmann an die Frauen. Gesang. Vorübermarsch vor den Frauen, welche sich unter dem Portale des Kurhauses aufgestellt haben. Hieraus werden die Fahnen in der Wohnung des Obristen der Volkswehr abgestellt.
Nachmittags 3 Uhr. Volksfest auf dem Nervberg. Versammlung um 2 Uhr in der Schwalbacherftraße.
Ordnung deS ZngcS. Eine Abtheilung Volkswehr. Die Musik. Drei Abtheilungen- Volkswehr mit den Fahnen. Die Gesangvereine mit ihren Fahnen. Die Turner mit ihrer Fahne. Die Volkswehr ohne Waffen schließt sich freiwillig diesem Zuge an.
Auf dem Neroberg angelangt, wechseln Musik, Gesang und Freiübungen der Turner mit einander ab.
Schluß des Festes um 8 Uhr. ES wird in derselben Ordnung abgezogen, wie oben angezeigt. Die Fahnen werden zum Obristen gebracht.
Mainz, 8. Juni. (Rh. Z.) Wir vernehmen auö der sichersten Quelle, daß die Staatöregierung nunmehr fest entschlossen ist, den Bau der Mainz-Ludwigshafener Eisenbahn zu übernehmen und zu Ende zu führen, und zwar nach Maßgabe der von ihr mit den Vertretern der Gesellschaft getroffenen Uebereinkommen.
Stuttgart, 5. Juni. Der Schw. Merkur berichtet von einer Demonstration der Studirenden in Tübingen am 2. Das Gesetz über das Verbindungswesen, welches die bisherigen Schranken nicht hinreichend aufzuheben schien, indem es zwar vollkommene Freigebung dieser Verhältnisse verspreche, daS Dargebotene aber durch lästige Bestimmungen wieder einziehe, gab die Veranlassung. Nachmittags verbrannte man das Gesetz und am Abend folgten lärmende Auftritte vor der Wohnung deS Rektors.
München, 5. Juni. (D. Z.) Die Stimmung unter den Studenten war gestern eine ziemlich gereizte, und man befürchtete Zusammenrottungen. Gestern wurde nämlich in der Michaels- kirche ein Student während der Predigt mißhandelt, weil er sein Mißfallen mit dem Inhalte dieser — der Pfarrer schimpfte über die Wiener Studenten — durch eine Bemerkung zu sei
nem Nachbar zu erkennen gab. Heute ist übrigens Alles wieder ruhig. Uebrigenö gährt es ziemlich auch unter den Arbeitern.
Hamburg, 5. Juni. (W. Z.) Die Neuigkeiten vom Kriegsschauplätze sind zwar nur spärlich eingetroffen, jedoch nicht ohne Wichtigkeit. Ein Reisender verließ vorgestern Flensburg gerade in dem Momente, als das letzte Bataillon der preußischen Truppen (vom Kaiser Franz Garderegiment) nach dem Norden ausmarschirte, also wahrscheinlich zu neuem Kampf. Ein dänisches Kriegsschiff hatte kurz zuvor ein Boot mit der Parlamentair-Flagge ausgesetzt, in welchem ein Offizier an das Land gesetzt wurde, um dem General Wrangel Depeschen vom dänischen Oberbefehlshaber zu überbringen. Ihr Inhalt blieb zwar vorläufig unbekannt, doch gaben sich alsbald nachher Besorgnisse in Betreff eines Bombardements kund, wogegen selbst Vorkehrungen getroffen wurden.
Aus Tondern traf gestern ein Privatschreiben ein , welches die Besitznahme von Lygumkloster durch die Dänen bestätigt, ferner meldend, daß 20 Mann Holsteiner daselbst von dem Feinde überrascht und aufgehoben wurden. In Tondern war man auf die Ankunft der Dänen schon gefaßt und viele Familien bereiteten sich zur Flucht vor. Uebrigens hofft man auf die Möglichkeit, bald eine entscheidende Schlacht geliefert zu sehen, da, wenn auch nicht der Muth, doch wohl die Verblendung der Dänen sie zum Stehen bringen könnte; es ist nämlich kein Zweifel, daß sie Vortheile, welche die deutsche Armee ihnen freiwillig einräumte (unbegreiflich genug!) auf Rechnung der dänischen Tapferkeit bringen!
Flensburg, 3. Juni. (Tageblatt.) Man ist hier sehr gespannt darauf, waS die nächsten Tage uns bringen. Gestern fanden die gewaltigen Truppenbewegungen Statt, und heute Morgen 8 Uhr näherte sich das Krsegrdampsschiff Geiser. In der Kupsermühler Bucht legte eö sich vor Anker , und ein Boot, auf dem vorne die weiße und hinten die dänische Flagge wehte, setzte einen dänischen Parlamentair an's Land. Ueber den Inhalt oer gebrachten Depeschen verlautet nichts Bestimmtes; wie man sich gerüchtweise erzählt, hat man dänischer Skits binnen 24 Stunden die Räumung Flensburgs von deutschen Truppen verlangt, widrigenfalls man die Stadt in Brand schießen werde. Der Parlamentair hielt sich sehr lange, 6—7 Stunden, in der Stadt auf; denn erst 4 Uhr Nachmittags ging er an Bord. Der Geiser zog alsbald die weiße Flagge herunter und entfernte sich.
Wie es heißt, sind durch Verrath dänisch gesinnter Bauern 20 Mann vom 5. Bataillon, die in Lygumkloster zum Schutz der dortigen Beamten ^irücfgelaffeu waren, gestern von dänischer Kavallerie gefangen genommen. — Das Gerücht von der Wegführung der im Norden zurückgelasscnen untransportablen Kranken scheint sich zu bestätigen, sowie auch das über die gewaltsame Aushebung der kriegsfähigen Mannschaft von 20 Jahren an.
Königsberg, 2. Juni. (D. A. Z.) Seit einigen Tagen ist der russische Grenzcordon schwächer als bisher; man hat das irgend entbehrliche Militär nach den südlichern Theilen Polens gezogen/auch ist neuerdings in der Nähe von Bialystock eine Truppenmacht konzentrit worden, über deren Stärke die Angaben jedoch sehr abweichen und die daher nicht einmal annähernd richtig veranschlagt werden kann. Die russische Grenzbesatzung ist neuerdings aufs strengste angewiesen worden, alle Maßnahmen, die irgendwie zu Konflikten mit Preußens Bewohnern führen könnten, sorgfältig zu vermeiden, wobei namentlich die größte Vorsicht bei Führung der Schußwaffe empfohlen wird.
Berlin, 7. Juni. (B. N.) Die kaufmännischen, Verbindungen mit Paris, welche seit mehreren Monaten fast ganz aufgehört hatten, beginnen all malig wieder. Einen guten Eindruck hat es hier gemacht, daß das Nothschild'sche Haus in Paris sowohl seinem hiesigen Agenten, als der Preußischen Bank wieder gestattet, Wechsel auf dasselbe abzugeben.
Tepliz, 29. Mai. (D.A.Z.) Gestern wurde zum zweiten Male auf den böhmisch-sächsischen Grenzmarken von deutschen Männern getagt, hoch oben auf dem Gebirgskamm in Zinnwald. Es hatten sich wohl an 1200 deutsche Männer aus