Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^Z 67 Donnerstag den 8. Juni 18L8.
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Uebersicht.
Die politischen Parteien in Frankreich nnt> die Arbeiter. Deutschland. Wiesbaden (Landtagsverhandlungen. Der Plan zu einer Hypothekenbank). — Frankfurt (Verhandlungen des Reichstags). — Freiburg (Subtile Unterscheidung). — München (Polizei im Zopfstyl). — Breslau Projektirter Vertilgungskrieg gegen die Demokraten). —P o s Mt (Russische Agenten). — P r a g (Die neue Selbständigkeit Böhmens). — Schleswig (Neues Vordringen der Preußen).
Dänemark. Kopenhagen (Das Gerücht von einer russischen Flotte in der Ostsee. Die Friedenöverhandlungen).
Russland. Von der russischen Gränze (Kluge Kriegsmaßregeln der Russen).
Frankreich. Paris (Abstimmung über L. Blanc. Gerücht in Betreff des Papstes. Preßbeschränknngen. Aufwiegelung in Constantine. Arbeiterbewegung.
— Die politischen Parteien in Frankreich und die Arbeiter.
Als im Februar die Partei des National in Paris die durch einen Zufall gebotene Gelegenheit benutzte, um selbst das Ruder zu ergreifen und die Republik auszuriifen, wußte die Mehrzahl, welche dieser Negiernngoform durchaus entgegen war, keinen besseren Rath, als sie dennoch als „vollendete Thatsache" anzuerkennen.
Erst allmählich gewann Lamartine, ein ehrlicher, aber leider für viele Fragen zu idealistischer Mann, den man neben mindestens als höchst zweideutig anerkannten Menschen, wie Ledru- Rollin, Cremieur u s. w. und Fanatikern der „öffentlichen Meinung" mitnehmen mußte, die Nation in weiteren Kreisen für die republikanischen Ideen.
Durch die Einberufung der Nationalversammlung, bei welcher man übrigens absichtlich die Entscheidung über die Negierungsform des Landes übergangen hat, ist Lamartine in Stand gesetzt worden, seinen Einfluß gegen die Ultraradikalen bedeutend zu verstärken. Ja sogar die Mitglieder der alten Opposition der Dcpntirtenkammer, Odilon Barrot und Andere, stimmten so lange für ihn, als es jene Partei niederzuhalten galt.
Werkwürdiger Weise hatten sich an Barbös Partei die Legitimisten, Anhänger der älteren Bourbonenlinie, welche den Herzog von Bordeaux auf den Thron wünschten, angeschlossen, wohl nur in der Absicht, die Dinge auf die Spitze zu treiben, um durch einen legitimiftischen Putsch vielleicht selbst an's Ruder zu kommen.
Ein solcher Erfolg wäre gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, da die Legitimisten mindestens über eben so viele Kräfte verfügen können, als sie der Partei des National zu Gebote standen, welche durch.Ueberrumpelung der dynastischen Opposition jetzt regiert.
Dies sind die vier einander schroff entgegenstehenden Parteien, welche in Frankreich um den größten Einfluß auf die Geschicke der Nation kämpfen. Bis jetzt können sie immer nur, wenn sich zwei gegen zwei vereinigen, auf das Streichen von Resultaten hoffen.
Aber auch für jetzt schon trennen sie sich bei wichtigen Fragen, wie z. B. der Verbannung der Familie Orleans, wo die Opposition der alten Kammer zum Theil gar nicht mitstimmte, um ihrer Zeit einen geistigen Vorbehalt für ihren jetzigen Anschluß an die gemäßigten Republikaner zu haben.
Fragen wir uns, was eintreten wird, wenn nun die letzt
genannten Parteien in den Verfassungssragen den Sieg davon tragen, so ist die Antwort sehr einfach. Die Anhänger des Hauses Orleans werden dann ohne Zweifel ihr Ziel, die Herstellung der konstitutionellen Monarchie, etwa unter Joinville, aufnehmen und gegen die republikanische Staatsform mit allen Kräften ankämpfen.
In demselben Falle werden die Legitimisten seyn, falls sie mit den äußersten Revolutionsmännern zusammen jene gemäßigten Parteien überwinden.
Allen drei Parteien kann die gemäßigt-republikanische den Sieg entreißen, wenn sie, nach Lamennais Antrag, Frankreich zu einem Bundesstaat umbildet.
Tritt diese politische Nothwendigkeit nicht in's Leben, so kann man sicher die französischen Zustände, wie bisher, bei der geregeltsten sonstigen Verfassung nur für provisorisch halten. Denn die Opposition der Provinzen gegen die gute Stadt Paris, die jetzt statt Ludwig XIV. von sich sagt, „ich bin der Staat" wird im Stillen wachsen, und unaufhörliche Reibereien in der Kammer, in der Verwaltung hervorbringen und schließlich aus einer allgemeinen neuen Revolution gewiß siegreich hervorgehen.
Dies wäre die politische Seite der Sache, aber es gibt noch eine andere, welche sogar bedeutsamer ist als jene, die soziale.
Denn in Frankreich wenigstens har.Per wer Revolution des Februars das Proletariat durch sein selbst ständiges Ruf- treten einen Keil in das alte Staatsgebäude eingesetzt, der es am meisten auseinander getrieben.
Man hat es auf friedliche Wene los seyn wollen und die Nationalwerkstättön, systematische Faullenzer-Anstalten, errichtet, durch welche der Staat außer beträchtlicher finanzieller Einbuße in teil Gang der Industrie eingegriffen, die niemals als solche Staatszweck seyn kann und nur mittelbar zur Beförderung der allgemeinen Wohlfahrt unterstützt. werden muß. Und dies wird dem Staat theuer genug zu stehen kommen. Denn würden jene Nationalwerkstätten so betrieben, wie es der Staat verlangen müßte, so müßte die Privat-Jndustrie unmittelbar zu Grunde gehen, da unmöglich ein Privatmann mit dem Staate konkurriren kann, weder in der Masse noch int Preise. Die Proletarier waren auch durch materielle Hülfe bei Weitem nicht zufrieden gestellt, sondern sie haben weit größere Absichten.
Sie betrachten sich vorzugsweise als das Volk, sie verlangen die Anerkennung, daß es keine höhere Bildung gebe als die ihrige, allein berechtigte, daß eS keinen größeren Besitz gebe, als den ihrigen, kurz, sie gedenken zu nivelliren, wie man 1792 gethan.
Was wird da übrig bleiben? Durch Auswanderung die Massen abzuleiten, geht nicht, denn kein armer Arbeiter will aus dem „schönen Frankreich", wo er jetzt sein Paradies im Anzuge wähnt. Der Anbau großer unbebauter Landstrecken wäre auch ein Rettungsmittel, doch immer nur für einen kleineren Theil, denn die Mehrzahl mag Nichts mehr thun. WaS wird zuletzt kommen? Ein erbitterter Kampf der Besitzlosen mit den Besitzenden und in seinem Gefolge Schreckensherrschaft, Guillotine und andere Wiederholungen auS der ersten Revolution, daS Ende kann nur Militärdespotismus seyn, womit die Frage wieder vertagt nicht erledigt wird und FrankrsH abermals ein Vulkan bleiben wird, dessen Lavaergüsse Europa noch lange zu fürchten hat.