Hiesel (Matthias), wie ein Unchrist zu schelten?" — „'s war völli aus," antwortete der Diener in seiner kernhaften Bayersprache, „i kenn' die zwoa Bräundl, als ob i's selber g'macht hätt'. D'Schwanzen woll'n nit b'stehn, wo sie's her hab'n, da hab' i's halt bei'n Ohrwasch'ln g'nommen und eini g'führt. Jetzt sperrt d'Vaterunserlöcher aus, ihr sakrischen Schwab'n- schäd'l. . ."
Die Wiederlejohannisenhofleute wollten den eifernden Knecht unterbrechen. Der Graf hieß sie sammt dem Hiesel schweigen. „Ich versteh' ungefähr, was mein Kerl meint," sagte er dazu: „doch geb' ich nichts drauf. Ihr werdet ein paar Braune im Stall haben ..." — Gervas nickte bejahend, und Dietz fügte hinzu: „Vom Roßmarkt zu Bopfingen." — „Gleichviel," -sprach der Graf: „unter allen Arten von Pferden ist keine schwerer wiederzuerkennen, als die Bräundl." — „Aber i kenn's, i," betheuerte Hiesel, „auf dem oan'n ist der Kolomann g'rit- ten ..." — „Schweig'," herrschte der Graf ihm zu mit einem ausdrucksvollen Drohblick; da sprach Hiesel vor sich hin: „Ja so, hätl's schier vergessen, i soll ja nir davon sag'n." Mit welchen Worten er sich zur Thüre hinaus trollte.
Ein Pletz auf dem Ellenbogen zeigt die Stelle nur noch auffallender, wo das Loch gewesen; Niemand wußte das besser, als der fremde Herr, und darum gab er sich weiter keine Mühe, Hiesel's Thorheit gut machen zu wollen. Als er mit dem Stadtschreiber wieder allein war, sagte er: „Verschnappt ist verschnappt, wie die Kugel aus dem Rohr. Hat der Herr die Gesichter der beiden Leute betrachtet?" — „Ja wohl," versetzte Gremmelsberger mißmuthig, „sie wissen, wie sie mit uns dran sind, und wir mögen jetzt dichten und trachten, mit einem Hauen Aug' davon zu kommen." — „Schon recht," machte der Graf, „eS heißt Halt: Hallunk, wehre Dich."
Der Hofmann und sein Sohn spielten indessen die Begleitung zu derselben Weise. „Wir sind verrathen und verkauft," sprachen sie unter einander, der Trauerritter und seine schwarzen Knechte gehören zu der Frau, die wir erschlugen und beraubten. Jetzt gilt kein Zaudern und kein Zagen. Wir haben bisher immer vermieden, irgendwen aus der Nachbarschaft zu schädigen, und höchstens einmal bei ganz geringen Leuten eine Ausnahme gemacht, doch diesmal muß der Gremmelsberger dran glauben, wir mögen wollen oder nicht. Uebrigens hat cr's längst um uns verdient. Wir wollen das Ding den Heimbürgern recht beweglich vorstellen, und den Teufel riesengroß an die Wand malen, vorerst aber zum Altvater Kilian gehen, der etwa noch bessern Rath weiß." — Sie machten sich auf den Weg. Unfern der Thüre stießen sie auf einen halbgewach- : jenen Burschen, der eilig daherlief. „Woher, Sepp, und wo- Ihin?" — Schnurstracks zu Euch," beschied der Knabe, „hab' I drunten zu Hirschbach Einen »erkundschaftet." — „Brav, mein Büble, schwätz' weiter. Wer ist er?" — „Ein alter Bettelmann." — „Pah, was thun wir mit Scheuernpurzlervolk?"
— „Seyd nur zufrieden, der Alte führt einen blanken Bettelpfennig im Ranzen; hab' ihm zugesehen, wie er die Thaler Hinterm Hag zählte." — „Aha, jetzt bist Du brav, nur hättest Du ihn selber abthun sollen." — „Ich versteh's noch nicht recht," meinte der Kleine, „bin erst als Lehrbub' aufgedingt worden."
(Fortsetzung folgt.)
Aus Frankfurt.
(Am Abende des 31. Mai.)
Wird Heinrich von Gagern der Mann des Volkes seyn? Daß er es im gegenwärtigen Augenblicke ist, hat der heutige Tag — 31. Mai — bewiesen. Heute Morgen in der PaulS- kirche abermals zum Präsidenten der deutschen Nationalversammlung erwählt — und zwar mit 499 Stimmen von 518 — ward er heute Abend von Frankfurts Bürgern durch einen großen glänzenden Fackelzug begrüßt, dem sich viele Tausende anschlossen.
Die Straßen wimmelten schon gegen 9 Uhr schwarz von Menschen. Ganz Frankfurt war auf den Beinen; besonders lebhaft wogte es zwischen dem Theaterplatze und Gagern's Wohnung in der Bockenheimer-Gasfe. Aber nicht hier hatte ihn die öffentliche Huldigung aufzusuchen; an seinem Hause vorbei wogte das brausende Gewühl, der Fackelglanz, die Musik zum Bockenheimer Thore hinaus, gegen das Eschenheimer hin, wo der gefeierte Mann mit seinen Kollegen, den Vizepräsidenten Soiron und Andrian, sich im Mumm'schcn Hause bei einem zur Feier des Tages ihm gegebenen Ehrenmahle befand. Als nun die Musik und das donnernde Hurrah verhallt war und er über dem wallenden Dampfe in die Mainacht hinaus trat auf den Balkon, mit seiner mächtigen Stimme Worte des Gelöbnisses, der Hoffnung, der Freiheit zu der lautlos horchenden Menge hinunter redete — er stand da oben wie ein Held, schon siegreich vor dem Beginne der Schlacht, weil die Zuversicht des Sieges in seiner Brust lebt, — da fragte ich obige Worte zu ihm hinauf.
Auch ich spreche Hoffnungsworte aus, auch ich habe zuversichtlichen Glauben und sage: Er wird es seyn! Er wird eö bleiben! — obgleich ich mir nicht verhehle, daß solcher Freudenglanz schon jetzt von Wolken umlagert ist, daß er auch für eine Zeit lang in Dunkel versinken kann. Aber durch Nacht zum Licht! Daß Gagern schon jetzt vielfach angegriffen, daß er mit Beschuldigungen beworfen, ja, verdächtigt wird, ist eine nothwendige Zugabe seiner Stelle. Welcher bedeutende Mann der Oeffentlichkeit, auf so hohem Platze stehend, wäre dem je entgangen? Wie könnte er ein Privilegium dagegen haben, und noch dazu in einer Zeit der Unsicherheit, wo Verwirrung unser Element ist, ängstliche Sorge in tausend Herzen klopft.