Seit dieser Zeit- war mir ein Platz im Grase zwischen Blumen uud Blüthen der liebste Leseplatz geblieben. Und zwischen hohen Eichen und Tannen gelagert zog ich darum auch diesmal die Denkwürdigkeiten meines neuen Freundes aus der Tasche und begann Folgendes zu lesen.
(Fortsetzung folgt.)
Die armen Lent' von Au. Von W."v. Chëzy.
(Fortsetzung.)
Der Graf zuckte abermals die Achseln. Er war ein Freigeist, der nicht recht an Fahrten durch die Luft und derlei Heren« werk glauben mochte. Greinmelsberger verstand ihn falsch. „Der Herr Gras kann mir auf's Wort glauben," betheuerte er eifrig, „die Erfahrung hat herausgestellt, daß kein getaufter Christenmensch ohne seine bösliche und frevelhafte Einwilligung durch die Luft geführt werden kann. Ich muß das wissen; hab' ich doch selber an die hundert Unholden befragen helfen." Der Fremde begnügte sich mit der Gegenversicherung, seine Frau sammt ihrer gestimmten Begleitung seyen keinem Verdacht der Zauberei ausgesetzt gewesen, hätten weder Sonntags gefastet, noch Freitags Fleisch gegessen, oder sonst dem Erzfeind gedient. Als die Reiter sich dem Wiederlejohannisenhof näherten, tönte ihnen wüstes Geschrei entgegen. „Merkt der Herr Graf nun, daß ich recht hatte?" fragte der Stadtschreiber, „wir hätten wohl bis morgen warten dürfen. Unter dem trunkenen Bauernvolk wird der gnädige Herr sich nicht allzuwohl befinden." — „Meine Sache," versetzte der Fremdling, „ich hab' es selber nicht anders begehrt und überhebe den Herrn aller Verantwortlichkeit. Nach meiner Bequemlichkeit pfleg' ich übrigens nie zu fragen. Zwölf Feldzüge hab' ich als ein Dragoner in Ungarn und im Reich mitgemacht, und von Kindesbeinen auf war ich ein Waidmann mit Herz und Seele. Dabei wird einer nicht verwöhnt. Ich strebe nach dem Ziel und achte keiner Mühseligkeit." — Grem- melsberger lobte des vornehmen Herrn standhafte Sinnesart, und wiederholte einen Nath, welchen er schon vor dem Ausreiten ertheilt: den Holzwirth in's Geheimniß der Nachforschungen zu ziehen, und des Mannes Ehrgeiz nicht minder wie seinen Eigennutz anzuspornen. — „So denk' ich's allerdings zu machen," antwortete der Fremde, „lass' der Herr mich nur gewähren; vor der Hand wollen wir seinem Kautz 'mal das Weiße im Auge anschauen."
Zn der Schenke gab's just eine von den beliebten Erörterungen, und für dasmal so gesalzen und geschmalzen, daß sogar die tanzenden Paare davon gestört wurden. Unter der Prügelei schrie eine rauhe Stimme: „Wir sind schmählich übervortheilt worden . . . Sonst heißt's wohl: gleiche Brüder, gleiche Kappen; aber selbige Theilung hat ungleiche Kappen gegeben . . .
Der Zud Oppenheimer hat für die Kutsche mit den vier Falben H zweihundert Gulden bezahlt, Ihr habt nur neunzig verrechnet v . . . Drum müßt Ihr die Braunen herausgeben, daß wir uns st dran bezahlt machen."
Diese Vorwürfe richteten sich gegen die Wiederlejohannis» d< Hofleute, und Dietz wollte eben, des Zuschlagens müde, zuü J Abwechselung einmal eine mündliche Antwort dazwischen wer- sc fen, als zufällig sein Blick durch's offene Fenster fiel. Erbleichend hob er die Hand mit ausgerecktem Zeigefinger und stani- u melte: „Da, da!" Betroffen von der seltsamen Gebärde schari-I „ ten Alle nach der angegebenen Richtung, und erschracken eben!? „ falls, da sie des Stadtschreibers ansichtig wurden. Der abtr schien nichts vernommen zu haben, oder hatte die Verfänglich h keit der Rede nicht begriffen. Er zeigte ein leutseliges Gesicht: das unbefangenste von der Welt, und hob zu reden an: „Grif st Gott, Leut'. Gibt's wohl noch ein Plätzchen für mich uw i meine Gesellschaft?" — Natürlich waren der Hofmann um sein Sohn alsbald zur Hand. Beim Absteigen redete Gr», a melsberger zum freinden Grafen in lateinischer Zunge: „Gil- st Licht beginnt mir aufzugehen, und ich fange an, den Scharf n sinn Eurer Herrlichkeit zu bewundern." Worauf jener ii| gleicher Mundart : „Noch liegt unser Wild nicht, noch ist'S z«! früh, das Siegesstücklein zu blasen; wir fangen ja nur an, auj sl die Fährte zu kommen, und wissen nicht, wie weit sie uns fü^ ren wird."
„Platz da für die Herrschaften," herrschte der Holzwirtl. $ Er hätte gar nicht vonnöthen gehabt, so unwirsch zu thun: dem Völklein war vorhin eine schlimme Ahnung in den Raust f gefahren, und das böse Gewissen machte die groben Schroll^ für diesmal geschmeidig, sie wußten selber nicht wie und war j um? Gervas ließ heimlich den Befehl ergehen, sie möchten sst nach und nach verlieren, um Mitternachts bei Mondesaufganz an einer bezeichneten Stelle zusammenzukommen. Sie gingt« gern dem gefürchteten GremmelSberger wie dem unheimliche« Trauerritter aus dem Weg. Auch die Spielleute entfernte« ■ sich beim Einbruch der Dämmerung, da Niemand mehr tanzte ; Der Graf hatte dessen nicht Acht, da er an die vier Falben dachte Ein solches Gespann hatte die Vermißte vor dem Wagen go habt, und nun kam eS darauf an, den Juden Oppenheim ausfindig zu machen. Als der Fremde deshalb eine Frage an den Stadtschreiber richtete, antwortete der: „Ich kann mir ungefähr denken, wer damit gemeint ist: ein gewisser Herz Mau- schel zu Neu-Rothenegg. Doch wird's schwer halten, an ihn zu: kommen. Der Freiherr von Rothenegg hegt und pflegt auf seinem Grund das ungetaufte Gesindel gegen hohen Leibzoll und ist für alle Klagen taub. — „Wir wollen den Freiherrn schon von solcher Taubheit heilen," meinte der Graf: „ich fordr' ihn vor die Klinge, wenn er nicht gutwillig hört und Bescheid ertheilt." Während sie also sprachen, kam des Grafen Reitknecht, gefolgt von Gervas und Dietz, tobend und wetternd in die Stube.— ,Was gibt's?" fragte der Gebieter, „schämst Du Dich nicht,