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für das übrige Europa kein Unglück sey, wenn aus diesen romanischen Ländern ein fester Staatenkörper erwächst.

In Genua sah ich gestern zum erstenmal Vinzenzo Gioberti. Er hat nichts von einem Geistlichen in seinem Gesicht, seiner Haltung, seiner Kleidung; ein Mann in seinen besten Jahren, mit einem klugen, feinen, wohlwollenden Ge­sichtsausdruck, wie ein deutscher Professor, sagte eine russische Dame. Wie wird der arme kränkliche Mann durch die Ehren­bezeugungen gemartet! Auch darin will das Schicksal, daß die Könige ihre Rollen mit andern vertauschen. Nachdem er eine Stunde fast vom Balkon des Hotel Feder sich dem Pu­blikum präsentiren, sich verbeugen, klatschen, danken, Kußhände machen müssen, dabei wie ein Thier im Käfig von einem Ende des Balkons zum andern hin und her spazierend, schleppte man ihn noch mit Nationalgarde durch die engen Straßen, wo der Jubel, das Händeschütteln, das Hutschwenken kein Ende nehmen wollte. Ohne Bedeutung ist sein Umzug nicht. Gioberti ist der Repräsentant der monarchischen Wiederaufer­stehung Italiens, der geistige Boden, der, Karl Albert vor­auseilend, für ihn Platz in den Gemüthern macht. Wenn die.Republik als Embryo schon getötet worden , ist es sein Verdienst.

Die Spuren der Kugeln, des Feuers, verschwinden an den Mauern; nur an wenigen Häusern hat man sie zur ewi­gen Erinnerung eingemauert; dafür an jedem Bilderladen, jedem Schaufenster eine Fülle Karrikaturen auf die Oesterrei­cher, Metternich, ,den Kaiser, den Erzherzog Rainer, seine unschuldigen Söhne, den unglücklichen Radetzky und die lom­bardischen Satelliten der früheren Regierung. Der Witz ist nicht übergroß, noch weniger fein, sondern so grob, wenn man will unstäthig, als er vom Volk bei ähnlichen Gelegenheiten sich erwarten läßt man erinnere sich der deutschen Karrika­turen nach dem Rückzug der Franzosen von Moskau aber daß man wieder in Witz sich-auslassen kann, ist nach solchen Blutszenen, nachdem kaum zwei Monate über die Wunden ge­wachsen, eher ein erfreuliches Zeichen. Leider waren in dieser Sache die italienischen Berichte nicht italienisch. Von zu vie­len, unverdächtigen Zeugen wurden mir Gräuelthaten der Kroaten erzählt, die allen Glauben überschreiten, welche die Feder sich niederzuschreiben scheut.

Noch eine Inschrift liest man seit ehegestern an den Häu­sern: Morte ai Ferdinando! Stände sie nur an den Häusern! Der Ingrimm gegen den Bourbonen Neapels ist zu einer Wuth angkschwoUen, ärger als gegen Radetzky. Ja der Name Schweizer" ist im Augenblick gefährlicher als der eines Deut­schen weil die armen Schweizer in Neapel nichts als ihre Pflicht gethan; weil sie sich nicht meuchelmörderisch aus den Fenstern erschießen lassen wollten! Als erste Ankömmlinge, Zeugen des Bluttages, würden wir in allen Häfen, und hier

noch mehr, mit Fragen bestürmt. Die Wahrheit die wir er zählten war nicht was man hören wollte. Der Italiener glaubt zwar was man ihm erzählt, aber das Gerücht hatte schon vor uns erzählt, und weit ungeheuerlicher, weit mehr, wie es der Stimmung der Höhrer zusagte: die Neapolitaners hatten wie Löwen gefochten (was freilich besser klingt, als daß sic aus allen Barrikaden auf den ersten Schuß davonliest»; k die Mailänder werden sich wenigstens schämen, wenn sie bchi von der Sache dereinst unterrichtet sind, ihre cjrodi mit Bar­rikadenkämpfer mit denen Neapels in eine Reihe zu stellens i die Schweizer hätten gemordet, gebrannt, geplündert wie Bar­baren, geschändet, gemartert; cs waren wenigstens 5000 - lieber 10,000 Opfer gefallen; der König hatte alle Gefangene; erschießen lassen; er hatte die Nationalgarde nicht allein ent waffnet, sondern jeden bei dem sich eine Flinte finde zu ftz liren den Befehl gegeben; seyn war das ganze Mord weil ein längst vorbereitetes; dazu hatte er die Truppen, die miä der Lombardei bestimmt, zurückmarschiren lassen; Del Car r eto war wieder heimlich in Neapel und hatte die Mords;« organisirt (diese Lüge wird namentlich so fest geglaubt, bai man mich fragte wie der Schreckensmann ausgesehen? wo c kommaudirt? welche Uniform er getragen?); er hatte im voraw an die Flotte, die so lange in Ancona gezögert, den Besti- dazu gegeben, bis, nach dem prämeditirten Mordtage, dieselbi im Interesse Oesterreichs, Venedig blokiren und beschießen solle; er hatte sofort die italienische Trikolore herabreißen, m' Füßen treten lassen und das weiße bourbonische Banner auf gepflanzt; er hatte endlich de facto die kaum beschworne Kon­stitution aufgehoben.

Und dieser Lügenbrei wird hier geglaubt, weil M ihn glauben will! Und selbst von sonst verständigen Personen- Solche Macht übt hier die Phantasie, so wenig Kraft hatHi Kritik, mit der man uns zu überreich begabt hält.

(Allg. Ztg.)

Miszellen.

Paris. Unter der Unzahl von Karrikaturen, welche die £ab» senstcr unserer Bilderhändler schmücken, findet ganz besonders eine grof« Beifall. Lamartine, in gewöhnlicher erhabener Stellung, hält unter feinte rechten Nermel den Herzog von Bordeaux (Heinrich V.) versteckt, dessen Nasa spitze man nur ficht, und der den künftigen Präsidenten zu fragen scheid Darf ich mich zeigen?

Theater zu Wiesbaden.

Montag den 5. Juni. Zu in Erstenmale wiederholt: Geistige Lieèt, oder: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Lustspiel in 3 Akten von Leders

Dienstag den 6. Juni: Die Belagerung von Korinth. Große Op" in 3 Akten. Musik von Rossini.

Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.