Roß und Wagen nicht zurück, also müssen sie vorwärts zur Holzschenke. Ich will mich hehlings fortmachen und sie dort erwarten." Er that's und sein guter Engel hatte es ihm gerathen. Daheim erfuhr er aus Dietrichs Munde, wie Barthel und seine Gesellen durchaus nicht hatten anbeißen wollen. Uebrigens habe sich manches Verdächtige zugetragen, schloß der jüngere Schmied, und er meine, daß irgend ein Streich ganz in der Nähe vorbereitet werde. Gervas zwinkerte mit den Augen, deutete mit dem Daumen über die Schulter und sagte: „Deine Zeichen haben nicht gelogen, ein stolzes Stück Arbeit ist verrichtet worden. Da aber die Strolche uns nicht zu Freunden und Helfern wollen, so sollen sie uns zu Feinden haben. Wir wollen ihnen die Beute abjagen. Doch sind wir zwei zu wenig, um allein ihrer Meister zu werden. Wir müssen Gesellen werben." — „Wo?" — „Ich denke unter den Heimbürgern; erstens stecken sie tief in Elend und Verzweiflung, wie wir selber, zweitens haben wir keine andere Wahl, und damit ist ja Alles gesagt."
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Heimatlande des Despotismus.
Die vornehmen Russen sind so sehr an den Gebrauch des Stockes gewohnt, daß sie kein anderes Strafmittel für gewöhnliche Vergehungen, oder Beleidigungen kennen. Sogar solche Russen, welche sich durch ihre Erziehung und feine Bildung auszeichnen, machen sich kein Gewissen daraus. Dabei fällt uns eine Begebenheit ein, welche uns sehr charakteristisch scheint.
Der Graf Panin, ein ehemaliger Minister Paul'ö I., bewohnte in Gesellschaft seines Arztes M. D., seiner Haushälterin, Madame P. und eines andern Franzosen, welcher die Erziehung zweier jungen Knaben leitete, sein Schloß. Die Aufmerksamkeiten, welche der Hofmeister der Madame P. bewies, so unschuldiger Art sie auch waren, mißfielen dem Grafen und flößten ihm ein heftiges Gefühl der Eifersucht ein. Die Entfernung des jungen Mannes wurde beschlossen. Eines Tages läßt der Graf den Arzt in sein Kabinett kommen und sagt ihm. „Doktor! ich muß Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rath bitten. Ich schmeichle mir, daß Sie auch meiner Ansicht seyn werden. Dubois (so hieß der Hofmeister) ist ein toller Bursch, und ich will ihn zur Thüre hinauswerfen; allein das Davonjagen genügt mir nicht. Ich möchte ihn gern noch empfindlicher züchtigen. Ich will Einigen meiner Leute befehlen, ihm auf der Straße aufzulauern und ihm eine tüchtige Portion Prügel verabreichen. Er verdient es nicht besser: nicht wahr? Was halten Sie davon?
Eben so bestürzt, als indignirt hierüber, antwortete der Doktor B., daß man in Frankreich eine solche Handlung Verbrechen und feigen Hinterhalt nennen würde, und beeilte sich,
dem Herrn Dübvis den Plan des edlen Grafen mitzutheilen. Der junge Hofmeister reifte sogleich ab und kam auch, — Dank den Pistolen! welche ihm der Doktor milgegeben hatte, — glücklich und unangefochten durch die Besitzungen des Grafen Panin.
Von dieser Zeit an sah der Doktor, daß ihn der Graf mit sichtlicher Kälte behandelte, und weßwegen er ihn auch bald darauf verließ. *)
Und doch war dieser Graf Panin ein aufgeklärter uni geistreicher Mann, welcher philosophische Ideen auskramte und sich für sehr freisinnig ausgab. Allein vor Allem war er Russe, und einem russischen Adeligen gilt der Stock, einem Niederen gegenüber, für das natürlichste Beweismittel.
Alles soll sich bücken, Alles soll gehorchen, Alles dem Willen des Höhern sich in Demuth unterwerfen: — dies isi der einzige Grundsatz der Russen, und die Strafen sind die praktische Ausführung dieser Theorie. Selbst die Natur soll dem Willen des Despoten weichen! Wenn der Kaiser einmal gesagt hat: „Ich will es!" so darf es keine Hindernisse, keim materiellen Unmöglichkeiten mehr geben!
Sic volo, sie jubeo, sit prö ratione voluntas!**)
Selbst die Bedingungen der Zeit, welche in Ländern, du unter der Herrschaft der gesunden Vernunft stehen, für alle Dinge gelten, sind nur für einen Autokraten nicht vorhanden. Alles soll sich unterwerfen, selbst Das, was in das Gebiet der Schöpfung und der physischen Revolutionen des Erdballs gehört. Für den Kaiser darf der Winter keinen Frost, bei Sommer keine Hitze haben! Wenn die Sonne aufhören würde, unsern Planeten zu erleuchten, und S. M. Nikolaus 1 sagen wollte: „Es werde Licht!" so müßte man — wohl oder übel — das Licht machen; nur müßte sich eben der Autokrat mit einer künstlichen Sonne begnügen, wie mit noch so vielen nn- dern Sachen, mit denen die Czaaren sich so sehr brüsten, die aber in der Wirklichkeit nur Das sind, was der Chrysokal am Gold ist. Kurz, man denke sich die merkwürdigsten, die abenteuerlichsten, die unglaublichsten Dinge, — und man hat noch keinen richtigen Begriff von Dem, was dem Willen des Gottmenschen, der sich Kaiser aller Reußen nennen läßt, durch all! nur erdenkliche Mittel möglich gemacht ist!
Am 5. Juli 1796 schlug der Blitz in den Hafen von Wasili-Ostrow und verbrannte alle Galeeren, Werften uni mehr als sechzig Arbeiterwohnungen. Sogleich befiehlt ein feierlicher Ukas der Kaiserin Katharina II, daß der ganze Schaden, welcher auf achtzig Millionen Rubel geschätzt wurde, in weniger als sechs Wochen ausgeglichen, die Flotte wieder aufgebaut und bereit sey, vor dem Eintritte der Fröste den Hafen zu verlassen. Jetzt beginnt eine außerordentliche Be-
*) Herr Dübois ist gegenwärtig Pfarrer in einem der westlichen Departements in Frankreich.
**) So will ich es, so befehle ich eS, mein Wille gelte für Gründe.
D. Ueb.