Nassauische
Wemcine Zeitung.
M S7. Sonntag den 28. Mai I8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerativnspreis ist in Wiesbaren 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzvqthums und KursurstenthuniS Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Start Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 ft. — Inserate werden rie dreispaltige Pelitzeilc oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die französische Nationalversammlung über die Polenfrage. Deutschland. Wiesbaden (Landtag). — Frankfurt (Vom Reichstage).— Berlin (Die Studenten. Plakate). — Schleswig-Holstein (Proklamation des General Wrangel). — Eckernförde (Die ; Flagge für die schleswig-holsteinische Hanvelsflotte). — Kiel (Verhafteter
• Spion). — Wien (Die Hofkamarilla. Der Fürsterzbischof von Salzburg erklärt die Wiener für Rebellen. Der Andrang zur Bank. Riesenpetition an den Kaiser. Einzelheiten aus den jüngsten Vorgängen). — Prag (Die Tschechen als Rückschrittspartei). — Gräz (Erzherzog Johann : lehnt die Reichstagswahl ab). — Triest (Unthätigkeit der Armee. Die Blokade von Venedig aufgehoben. Triest stärker befestigt).
Großbritannien. London.
□ Die französische Nationalversammlung über die Polenfrage.
Paris, 24. Mai. Die gestrige Sitzung der Nationalversammlung bot nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa großes Interesse. Die Nationalversammlung hat zwar keine Blanqui'schen 100,000 Mann und die Barbès'sche Milliarde votirt, um durch Deutschland gegen Rußland zu ziehen, sondern nur eine einfache Adresse in der bescheidenen Form einer sogenannten motivirten Tagesordnung. Aber eine Adresse an wen? An das deutsche Parlament, um ihm zu erklären, daß Polen hergestellt werden müsse, daß aber das deutsche Volk allein diesen Akt vollziehen könne, und daß Frankreich vereint mit ihm handeln wolle. Dieser Schritt der Nationalversammlung ist wichtig und für die Zukunft beider Länder von unermeßlichen Folgen.
Lamartine erklärte sich mit der Absicht, eine Adresse an das deutsche Parlament zu Gunsten Polens zu schicken, völlig einverstanden. „Aber wie wollen Sie" — wandte er sich an die Versammlung — „dieselbe an das deutsche Parlament gelangen lassen? Wollen Sie sie ohne Weiteres und in aller Erie ihm zuschicken? Dies wäre für den Ausdruck Ihrer Gefühle wenig ehrenvoll. Sie durch Abgeordnete aus Ihrer Mitte nach Frankfurt senden? Dies wäre der Wichtigkeit und Größe des Aktes am angemessensten. Aber hier stoßen wir auf tausend diplomatische Schwierigkeiten. Frankfurt selbst gehört einer mit- mteressirten Macht. Die Polizei in Frankfurt, sowie der Landstrecken, die Sie durchreisen, ehe Sie nach Frankfurt kommen, wird in Bezug auf die Pässe von den Erekutivbehörden jener bänder geleitet. Ich will hier nichts voraussetzen; man muß überhaupt nichts voraussetzen; aber bei internationalen Schritten muß man Alles erwägen. Könnte es sich nicht ereignen, daß Ihre Abgeordneten durch die übele Laune oder Böswilligkeit irgend eines Ministers oder Polizeibeamten einer Behandlung oder gar einer Beleidigung in jenen Zwischenländern, die sich zu durchrei- srn, ausgesetzt würden, welche einen unverwischbaren Schimpf auf die Erhabenheit des Mandatcharakters der französischen Volksvertreter würfe, der Rache erforderte und den Frieden Ihrer eige- »fu Personen gefährdete? Vergessen Sie nicht, daß wir sogar verpflichtet sehn würden, einen solchen Schimpf zu rächen. W wollen Sie die Adresse durch ein Glied des Vollziehungs
ausschusses senden? Auch dieser Weg bietet Schwierigkeiten. Der Vollziehungsausschuß hat seine natürlichen Vertreter, Diplomaten, in Frankfurt. Durch sie vermittelt er mit dem Bundestage in Frankfurt, aber noch nicht mit dem Parlament, denn dasselbe hat sich noch weder als Regierung gebildet, noch als Vollziehungsgewalt ; es ist noch weiter nichts als eine Tribüne, wie die unserige, und die Tribünen unterhandelten völkerrechtlich noch nicht direkt mit einander. Es liegt also etwas Verworrenes, Anomales, Gefährliches in der Form Ihrer Schritte zum Auslande. Vergessen Sie nicht, daß, während Sie mit Weisheit und Energie die Politik der Republik, welche volksthümlich und friedlich zugleich ist, durchsetzen wollen, Sie durch einen bloßen Formfehler den Kern ihres Gedankens verletzen können. Daruin — schloß Lamartine — wählen Sie den Weg der Presse, den natürlichen und herkömmlichen Weg der motivirten Tages- ordnuug, wie ich dies dem Bürger Vavin auch bereits auge- deutet habe."
Es unterliegt keinem Zweifel, daß der NationalversammlungsAusschuß sür's Auswärtige diesen Weg einschlage und demnächst aus dem halben Schock von Proklamations-, Adresse- und Tages- orduungsentwürscn die motivirte Tagesordnung formulire.
So ernsthaft der Gegenstand der gestrigen Sitzung, boten Vic Verhandlungen doch etwas höchst Possirliches. Daragon (nicht Aragon, wie viele Blätter irrthümlich abdrucken), der eigentlich die Interpellation über Italien hervorgerufen hatte, ließ sie fallen, „weil die jüngste Revolution in Wien die beste Intervention in Obcritalicn sey.^ Dennoch sprach Lamartine über Italien eine volle Stunde. Endlich geht er zu Polen über. Man erklärt, daß Polen nur durch Deutschland befreit werden könne. Sehr richtig, sagt Lamartine. Aber das deutsche Parlament ist noch ein Mythus für das Ausland, es hat noch keine Hände und Füße, noch keinen Kopf mit dem man sprechen könne. Wir können doch nichts ins Blaue hinein proklamiren; unser Savoie ist beim deutschen Bundestage und nicht beim deutschen Parlament beglaubigt. ES wäre wirklich nöthig, daß das deutsche Parlament der französischen Versammlung den Weg aiigäbe, auf welchem man mündlich und schriftlich mit ihm korrespondiren könne.
Lamartine hat vollkommen Recht. Bis heute hing das Ausland und sogar der deutsche im Auslande von dem Humor eines Paßvisitators ab. — So lange man also nicht durch die Luft fahren kann, wäre es nöthig, daß das deutsche Parlament für sichere Organe sorge.
Deutschland.
* Wiesbaden, 26. Mai. Stände Versammlung. (Schluß. S. d. gestr. Beilage.) Müller 11. bemerkt, daß die Einleitung der Adresse zu poetisch und schwulstig sey. Die Thronrede sey kurz und bestimmt; diesen Styl solle man gleichfalls annehmen. Professor Bellinger schlägt eine einfachere Fassung vor, eine andere Großmann. Den Übergang, worin es heißt, daß mit offenem Dank anerkannt werde, was dem Volke gewährt worden sey, findet Widerspruch. Creutz will diesen Uebergang gestrichen haben, da auch in der Thronrede keine Uebergänge sich fänden. Regierungs-Kommissär Vollpracht fragt, ob der Redner etwa einen solchen Dank nicht ausgesprochen haben wolle? — Großmann hält die